Die Griechen und die Angst vor dem „Vierten Reich“

von Ferry Batzoglou / 01.02.2015

Seit in Griechenland die Eurokrise ausgebrochen ist, mögen die Griechen die Deutschen nicht mehr. Jetzt ist dieses Ressentiment in der Regierung angekommen, schreibt NZZ-Autor Ferry Batzoglou aus Athen. 

Es ist noch nicht so lange her. Vor der desaströsen Krise waren die Deutschen noch das Lieblingsvolk der Griechen. Doch im Zuge des Spardiktats brach in Griechenland, dem Ursprungsland und Epizentrum der wieder aufflammenden Euro-Krise, plötzlich eine neuerliche Deutschfeindlichkeit aus. In einer Umfrage Anfang 2012 meinten über drei Viertel der 800 Befragten, Deutschland sei ihnen feindlich gesinnt. 69 Prozent glaubten sogar, deutsche Politiker verfolgten das Ziel, ein „Viertes Reich“ zu errichten. Auf die Frage, was sie mit den Deutschen assoziierten, nannte jeder Dritte Wörter wie „Hitler“, „Nazismus“ oder „Drittes Reich“.

Bis zum vorläufigen Höhepunkt der deutsch-hellenischen Dissonanzen im Frühling 2012 steckten bekannte Karikaturisten Kanzlerin Angela Merkel unermüdlich in finster anmutende Uniformen, setzten sie in Panzer, ließen sie griechische Buben erschrecken. Der gemeine Germane trug wieder Uniform, er nahm einer Mutter das Baby weg oder zählte die Bohnen in der Fasolada, einem griechischen Nationalgericht. Dieser spontane, laute Wutausbruch gegen die Deutschen, diese zugleich aber eher oberflächliche, reißerische und plakative Betrachtungsweise des unbeliebten EU-Partners, ist in Athen zwar längst verpufft. Doch der Deutschenhass hat in Griechenland eine neue Qualität erreicht, eine Deutschfeindlichkeit 2.0.

Antideutsche Dichter und Denker

Dem anfänglichen Getöse der Athener Presse sind derweil tiefer gehende Analysen zu Füßen der Akropolis gefolgt. Fast scheint es so, als ob sich mittlerweile die griechischen Intellektuellen am liebsten mit Deutschland und den Deutschen beschäftigen würden. Historisch, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, tiefenpsychologisch. Es sind nun die Dichter und Denker, die Deutschland und die Deutschen unter die Lupe nehmen. Sie tun dies leiser, ohne großes Tamtam. Sie tun dies aber auch ungleich ausführlicher, detaillierter, subtiler und letztlich: effizienter. Und ihr Urteil über die Deutschen fällt dabei ebenso niederschmetternd aus.

Durchaus renommierte Autoren begründen den modernen Antigermanismus in Athen derzeit literarisch. Unmissverständlich sind schon deren Titel: „Die Rückkehr des Reichs“ (2011), „Aufstieg und Fall des deutschen Europas“ (2012), „Wolf-Gang – die (kriminelle) Bande des Wolfes“ (2013, gemeint ist Wolfgang Schäuble), „Das deutsche Syndrom“ (2013) und „Von Ottos Reichenbach zu Merkels Reichenbach. 180 Jahre deutscher Vorherrschaft in Griechenland (2014)“. Sie alle kultivieren nur noch ein Feindbild: den bösen Deutschen, der in Athen ein „Viertes Reich“ errichten will.

Einer der wenigen, die sich dem grassierenden Antigermanismus in Griechenland öffentlich mit Vehemenz widersetzen, ist der Athener Schriftsteller und Unternehmer Spiros Vletsas. Laut Vletsas hat der Nationalismus, früher eine Domäne der Rechtsradikalen, seit den neunziger Jahren weite Teile der griechischen Linken erfasst. Im Gegenzug habe die Rechte den Antiamerikanismus übernommen, bis dahin einer der ideologischen Grundpfeiler der Linken. Es sei kein Zufall, dass dieser Austausch zu einem Zeitpunkt stattgefunden habe, als Griechenland den Beitritt zum Euro angestrebt habe. Nach dem Ausbruch der Krise 2010 habe der Antigermanismus den in Griechenland bis dahin latent vorhandenen Antiamerikanismus abgelöst, zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung.

Provokative Parteigründung

Der akute Antigermanismus hat nun aber auch die neue Athener Regierung unter dem linksradikalen Premierminister Alexis Tsipras erfasst. Panos Kammenos, Chef der „Unabhängigen Griechen“ (ANEL) und Tsipras’ Koalitionspartner, gab 2012 die Gründung seiner Rechtspartei in Distomo bekannt: einem Ort, an dem die Nazis 1944 ein Massaker verübt hatten. „Wir werden niemals als Bettler auf unseren Knien zu Merkel rutschen, wir werden aufrecht stehen, wie Griechen es tun. Wir haben die Deutschen im Krieg geschlagen. Wir werden sie auch in dem Vierten Reich wieder schlagen, das sie durchzusetzen versuchen“, sagte Kammenos damals. Auch im jüngsten Wahlkampf nahm der ANEL-Führer, der Juniorpartner in der Regierung, mit Blick auf die Deutschen kein Blatt vor den Mund.

Ursprünglich klang das auch bei Alexis Tsipras so, dem Chef des Bündnisses der radikalen Linken (SYRIZA). Nur ein Ziel verfolgten die Europäer: das Ende des souveränen griechischen Staates. Die Griechen müssten verhindern, dass Griechenland wieder ein deutsches Protektorat werde, sagte Tsipras: „Wir sind keine deutsche Kolonie“, skandierte er.

Nur: Alexis Tsipras’ üble Hasstiraden gegen Angela Merkel datieren von Anfang 2012, noch vor den damaligen Wahlen. Zu jenem Zeitpunkt war Tsipras’ SYRIZA noch eine Kleinstpartei versprengter Salon-Bolschewisten. Im jüngsten Wahlkampf in Griechenland vermied es Tsipras hingegen tunlichst, rhetorisch gegen die Deutschen ausfällig zu werden – und triumphierte beim Urnengang vor Wochenfrist. Wer Griechenlands neuen Regierungschef aber besser kennt, der weiss: Die selbst auferlegte verbale Zurückhaltung war nur Taktiererei.