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Die Isle of Man sucht ihre Nischen: Vom Steuerparadies-Image zum Technologie-Hub

von Gerald Hosp / 21.09.2016

Im Hinterhof Londons tummeln sich mehrere Offshore-Zentren, darunter auch die Isle of Man. Der Kampf gegen Steuerparadiese gefährdet den wirtschaftlichen Erfolg der Insel, die kreativ werden muss.

Der Schauspieler John Rhys-Davies wirft sich in Pose: „Die Isle of Man. Ein Steuerparadies?“ Mit Erstaunen und weit aufgerissenen Augen wiederholt Rhys-Davies, der in Filmreihen wie „Indiana Jones“ oder „Herr der Ringe“ mitgespielt hat, das Wort Steuerparadies. Die Besucher des Isle-of-Man-Filmfestivals im pompös-charmanten Saal des Gaiety-Theaters wundern sich darüber, wie Rhys-Davies bei einer Frage zu Hollywood darauf kommt. Dem Briten, seit 30 Jahren auf der Insel, liegt das Image des Eilands offenbar am Herzen. Man solle Filme über die Inselbewohner drehen, um zu sehen, was für wunderbare Menschen mit vielen Talenten hier wohnen würden, donnert Rhys-Davies, der doch noch einen Bezug zum Filmfestival findet.

Kuriosum in der Irischen See

Was den Schauspieler auf der Bühne des Gaiety in der Inselhauptstadt Douglas in Rage bringt, wird anderswo weniger dramatisch mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Jane Dellar von der Handelskammer Isle of Man verweist auf internationale Abkommen zum automatischen Informationsaustausch, auf Doppelbesteuerungsabkommen und auf Geldwäschereibestimmungen. Im Schattenfinanz-Index der Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network, der von der Schweiz angeführt wird, liegt die Insel auf Platz 32, hinter Frankreich, aber noch vor Liechtenstein. Die Ränge spiegeln nicht nur den Grad der Verschwiegenheit eines Finanzplatzes, sondern auch die Bedeutung des Offshore-Geschäfts.

Die Isle of Man gehört zu einem Netzwerk von Inseln in der Karibik, im Ärmelkanal und in der Irischen See, die einen speziellen Status im Verhältnis zu Grossbritannien aufweisen und dem Finanzplatz London mitunter als Offshore-Zentren dienen. Die Kronbesitzungen Jersey, Guernsey und Isle of Man sind formal gar der Krone unterstellt. Die rund 88 000 Inselbewohner sind zwar britische Staatsbürger, die Isle of Man ist aber nicht Teil des Vereinigten Königreichs und auch nicht der EU. Seit den späten 1950er Jahren errang das Eiland beständig mehr politische und fiskalische Unabhängigkeit. Die Isle of Man hat ein eigenes Parlament und gibt eine eigene Währung, das Isle-of-Man-Pfund, heraus. Diese ist aber in einem Verhältnis von 1:1 an das britische Pfund gebunden. Auch wenn die Insel nicht als Steuerparadies gelten will, liegt der Spitzensteuersatz für Einkommen bei 20% und die standardmässige Körperschaftssteuer bei 0%. Die Gewinne von Banken werden mit 10% besteuert.

In den vergangenen 30 Jahren ist die Inselwirtschaft stets gewachsen. Selbst nach der Finanzkrise ist die Isle of Man nicht in eine Rezession geschlittert, im Unterschied auch zu anderen Offshore-Zentren wie Liechtenstein, Luxemburg oder den Cayman-Inseln. Die Wachstumsraten haben jedoch nachgelassen. Die Finanzkrise und das Halali grosser Länder auf Steuersparmodelle nagen am Banken- und Versicherungsgeschäft, das immer noch rund ein Drittel der Wirtschaftsleistung der Insel ausmacht.

Die Insulaner möchten ihre Wirtschaft auf mehrere Pfeiler abstützen und zeigen sich darin erfindungsreich: Die Isle of Man ist Sitz kommerzieller Satellitenbetreiber, zudem schneidet sie ihren Teil vom Kuchen bei der Registrierung von Jachten und Flugzeugen ab. So richtig ins Schwärmen kommt Dellar, wenn sie über die Möglichkeiten von virtuellen Währungen, der Datenbank-Technologie Blockchain sowie von Finanztechnologie (Fintech) spricht.

Die Isle of Man ist auf der Suche nach lukrativen Nischen in der digitalen Revolution. Dabei baut die Regierung auf gute Erfahrungen mit dem Geschäft von Online-Glücksspielen auf, das bereits rund 17% zur Wirtschaftsaktivität beiträgt.

Wenn man die Stadt der Zukunft sehen möchte, würde einem nicht als erstes Douglas einfallen. Die Hauptstadt liegt träge in einer Bucht und verströmt den Charme eines englischen Seebades aus den 1970er Jahren. Neben dem berüchtigten Motorradrennen TT Race ziehen Nostalgie und kalkulierte Exotik – vor allem ältere britische – Touristen auf die Insel. Essen und Gepflogenheiten sind britisch, und dennoch wehen Flaggen mit einem Dreibein auf rotem Untergrund, dem Symbol der Autonomie der Insel, an der Promenade am Meer. Ein einsamer Union Jack darf im roten Fahnenwald mitflattern.

Ein Grossraumlabor

Nick Williamson hat nicht die Sehnsucht nach viktorianischen Eisenbahnen auf die Isle of Man verschlagen. Der Amerikaner aus dem Mittleren Westen verkörpert vielmehr die digitalen Ambitionen der Insel. Der Gründer des Startups Credits hat für ein Treffen am Sonntagmorgen auf dem Weg zum Flughafen Zeit. Williamson war einmal professioneller Pokerspieler. Auf die Insel lockte ihn das Internet-Kasino Pokerstars mit einem Job. Vor zwei Jahren gründete er Credits, das auf Blockchain, der Technologie hinter der virtuellen Währung Bitcoin, setzt. Damit können manipulationssicher Register erstellt und Transaktionen direkt ohne eine dritte Partei zur Vertrauensbildung durchgeführt werden. Was unspektakulär klingt, ist das Modethema der Finanzbranche.

Williamson schwärmt von der Zusammenarbeit mit den Behörden. Im vergangenen Jahr erstellte Credits mit den Behörde ein auf Blockchain basierendes Register für alle Unternehmen, die auf der Insel mit virtuellen Währungen zu tun haben. Während anderswo zu dieser Zeit über die neuartige Technologie noch diskutiert wurde, zeigte sich Douglas experimentierfreudig.

Die Insel ist zudem bestens verkabelt. Sie liegt im Zentrum mehrerer Internet-Seeleitungen zwischen Irland und Grossbritannien. Die Stromversorgung ist zuverlässig. Aufgrund dieser Vorteile haben sich sechs grosse Datenzentren angesiedelt. Für die technische Infrastruktur ist gesorgt.

Die Behörden und Williamson planen eine weitere Zusammenarbeit. Beim Internet der Dinge sind immer mehr Gegenstände wie Kühlschränke oder Heizsysteme vernetzt. Dies ruft Sicherheitsprobleme hervor, die Credits mit einer Blockchain-Lösung in den Griff bekommen will. Dafür wird die Insel als Grossraumlabor genutzt, um die Technologie unter Alltagsbedingungen zu testen. Bereits vor zehn Jahren hatte eine Telekomfirma die Isle of Man wegen ihrer geografischen Abgeschiedenheit als Testfeld für das damals neue Mobiltelefon-Netzwerk 3G verwendet.

Ein wichtiger Bestandteil ist zudem eine effiziente Regulierung. Sie sollte offen für Innovationen sein, aber auch einem Reputationsrisiko für die Insel vorbeugen und zwielichtige Geschäfte abhalten. Im Fall der umstrittenen Kryptowährung Bitcoin schreibt die Inselregierung vor, dass Transaktionen mit virtueller Währung Geldwäschereibestimmungen und der Verpflichtung, den Kunden zu kennen, unterliegen.

Die Philosophie hat bereits bei Internet-Kasinos geklappt. Beim Online-Glücksspiel können Spieler durch die Finger schauen, wenn die Firmen bankrott gehen. Die Isle of Man führte deshalb im Jahr 2001 die Regelung ein, dass Spielergelder in Konti verwahrt werden müssen, die vom Unternehmen unabhängig sind. „Wir haben dadurch Geschäft verloren“, sagt Mark Robson, der im Wirtschaftsministerium für E-Gaming zuständig ist. „Wir setzen aber lieber auf die Qualität der Firmen als auf Quantität.“ Regulatorische Schlupflöcher werden gestopft. Selbst Schach wird als Glücksspiel gewertet, weil es ein Zufallselement gibt, wenn die Person, die beginnen darf, ausgelost wird. Die Isle of Man hat derzeit 44 Lizenzen an Branchengrössen wie Pokerstars oder Microgaming vergeben. Die Unternehmen nutzen die Lizenz als Gütesiegel.

Aus der Not geboren

Aus dem Online-Glücksspiel heraus entstand das Interesse an virtuellen Währungen, an Blockchain und an Fintech auf der Insel. Dadurch soll auch die Finanzbranche gestärkt werden. Deshalb hat die Regierung neue Regulierungen für ein alternatives Bankenregime und für Kreditvergaben über Internetplattformen verabschiedet. Im Vordergrund stehen massgeschneiderte Lösungen für die Branche und Konsumentenschutz. Der Anteil des Online-Geschäfts an der Wirtschaftsleistung liegt bei einem Viertel. Akzentuierter als anderswo ist jedoch der Facharbeitermangel. Die Arbeitslosenquote anhand der Bezieher von Arbeitslosengeld betrug im August nur 1,3%.

Weil die Isle of Man ein eigenes Parlament hat, kann schnell auf Veränderungen reagiert werden. Die Behörden gelten als zugänglich, die Politik als stabil. Jane Dellar von der Handelskammer führt dies darauf zurück, dass im Parlament vorwiegend unabhängige Mitglieder sitzen, die zur Mitte tendierten. Parteien etablieren sich nur mühsam. Daran dürfte auch die am Donnerstag stattfindende Parlamentswahl wenig ändern. Auch wenn Allan Bell, der bisherige Regierungschef, abtreten wird, ist der wirtschaftspolitische Konsens gross.

Die Wachstumsstrategie ist aber auch ein Kind der Not. Neben den Folgen der Finanzkrise hat die neue Aufteilung der Mehrwertsteuer durch London im Jahr 2009 die Insel um gut ein Viertel der Staatseinnahmen gebracht. Lücken im Haushalt werden noch durch einen Staatsfonds und durch Sparen ausgeglichen. Das Pensionssystem kommt aber ins Ächzen. Es wurde bereits ein Pensionsalter von 74 Jahren erwogen.

An der Steuerstrategie hält die Isle of man fest, deshalb muss die Wirtschaft wachsen, breiter abgestützt werden, und es muss nach Nischen gesucht werden. Die Gefahr besteht darin, dass sich Moden und Nischen schnell ändern. Zudem weht Niedrigsteuerländern ein eisiger Wind ins Gesicht. Bei der Regulierung neuer mobiler Wirtschaftszweige geht die Insel ein Reputationsrisiko ein. Laut der Rating-Agentur Moody’s ist zudem der Bankensektor immer noch gross, zehnmal grösser als die Wirtschaftsleistung der Insel. Dies macht anfällig gegen Schocks von aussen.

Über alldem schwebt der Brexit, auch wenn die Isle of Man kein Teil der EU ist. Je nach Verhandlungsausgang zwischen London und Brüssel könnte der Zugang für Industrie-, Landwirtschafts- und Fischereiprodukte erschwert werden. Im Dienstleistungsbereich hat die Isle of Man ohnehin keinen privilegierten Zugang zum EU-Binnenmarkt. Die Insel hängt aber indirekt stark vom britischen Wirtschaftsverlauf ab. Möglicherweise eröffnet der Brexit weitere Nischen – wenn diese nicht von London selbst besetzt werden. Damit ist ein Staat zu machengho. ⋅ Mikrostaaten und kleine autonome Gebiete sind nicht nur ein geografisches Kuriosum, sondern auch ein ökonomisches. Viele der winzigen Gebilde zählen zu den reichsten Ländern der Welt – aufgrund der Wirtschaftsleistung pro Kopf. Laut der Weltbank ist die Isle of Man – die Datenlage weist jedoch Lücken auf – das neuntwohlhabendste Gebiet weltweit. Wenn es nach der ökonomischen Theorie ginge, dürfte dies nicht sein. Kleinstaaten sollten grössten Einheiten unterlegen sein. Bei staatlichen Leistungen fallen häufig hohe Fixkosten an. Das heisst, dass es günstiger wird, wenn die Kosten für Strassen, Krankenhäuser oder die Abwasserentsorgung auf mehr Steuerzahler bis hin zu einer Kapazitätsgrenze verteilt werden. Mikrostaaten spüren zudem die Kleinheit des Heimmarktes: Weniger Konkurrenz und eine geringe Diversifikation der Wirtschaftszweige lasten auf der Dynamik. Kleine Staaten sind zudem anfälliger als grosse gegenüber makroökonomischen Schocks. Häufig fehlt ein Ausgleichsmechanismus wie der Wechselkurs, weil die Geldpolitik häufig „ausgelagert“ wurde.Ökonomische Studien dazu sind weniger eindeutig. In einem Bericht des Internationalen Währungsfonds wird lapidar festgestellt, dass kleine und grosse Staaten erfolgreich oder unerfolgreich sein können. Zwischen 1990 und 2010 habe es jedoch unter den Kleinstaaten eine Verschlechterung der relativen Wachstumsraten gegeben.Der Ökonom Martin Kocher beschreibt in einer Studie zu Kleinststaaten die Erfolgsfaktoren: souveräne Gesetzgebung sowie die Nutzung des Spielraums, um ökonomische Nischen zu besetzen. Es hilft, wenn das Land international vernachlässigt wird. Die Isle of Man nutzt diese Vorteile, wobei für die Finanzbranche die „Vernachlässigung“ zu Ende ist. Auf der Insel zeigt sich wie auch in anderen Offshore-Zentren eine angespanntere Haushaltslage. Staatliche Dienst- und Sozialleistungen stehen unter Druck. Dadurch könnte die Niedrigsteuerstrategie auch innenpolitisch infrage gestellt werden.