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Heiligsprechung von Mutter Teresa

Die Makellosigkeit der Heiligen

von Volker Pabst / 02.09.2016

Mutter Teresa hat für ihren Dienst an den Ärmsten viel Respekt erhalten. Die Überhöhung ihrer Person ruft aber bis heute Widerspruch hervor.

Auf der Eingangstreppe zum Hospiz liegt eine zitternde Gestalt. Der abgemagerte Mann antwortet nicht, wenn das Wort an ihn gerichtet wird, sondern zieht nur die raue Wolldecke noch etwas höher über den Kopf. Unbeeindruckt vom Elend steht direkt daneben eine Hochzeitsgesellschaft. Die reich mit Gold geschmückte Braut wartet mit Freundinnen auf die Ankunft ihres Zukünftigen, der bald vom nahen Tempel der Göttin Kali zurückkehren wird. Drinnen im Hospiz, hinter der schweren Holztüre, liegen Kranke und Sterbende auf einfachen Feldbetten. Nonnen im grauen Gewand und einige westlich gekleidete Freiwillige kümmern sich um die vielleicht 50 ärmlichen Gestalten. Es herrscht eine nüchterne Atmosphäre, die Einrichtung ist spartanisch einfach. Falls Jahrzehnte einen Geruch haben, dann riecht es nach den fünfziger Jahren.

Kolkata und das Elend

Im Viertel Kalighat, wo Mutter Teresa (1910–1997) ihr erstes Hospiz für mittellose Sterbende gründete, finden ausländische Besucher das, was sie insgeheim wohl mit Kolkata, dem früheren Kalkutta, verbinden – und am modernen Flughafen oder an den viktorianischen Prachtstrassen der ehemaligen britischen Hauptstadt im Subkontinent vermisst haben: die Allgegenwärtigkeit des Elends und in dessen Mitte die Schwestern des Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe, die sich um die Ausgesetzten und Verstossenen kümmern.

Die Wahrnehmung von Teresa und jene der Hauptstätte ihres Wirkens standen immer in Abhängigkeit voneinander, ja bestärkten sich gegenseitig. Ohne Teresas Popularität im Westen wäre Kolkata dort kaum zum Inbegriff von menschlichem Leid geworden. In Indien und insbesondere in Kolkata selber sorgt dies mitunter für beträchtliche Irritation. Die Stadt wird im Subkontinent mit ihrer Literatur- und Theaterszene, der kulinarischen Vielfalt und der altmodischen Verträumtheit der Kolonialbauten in Verbindung gebracht, Slums und soziale Missstände gibt es auch in jeder anderen Stadt der Region. Die vernichtende Kritik des bengalischen Arztes Aroup Chatterjee an Mutter Teresa lässt sich auch durch den Frust über die monothematische Darstellung seiner Heimatstadt erklären, der aus fast jeder Seite seines Werks „The Untold Story“ herauszulesen ist.

Mutter Teresa kümmerte sich nicht nur um die
Armen, sondern hatte auch oft zu den Mächtigen gute Verbindungen. Die Aufnahme
zeigt sie zusammen mit der indischen Ministerpräsidentin Indira Ghandi. (Bild: PD)

Tatsächlich ist Kolkatas Armenelend im indischen Kontext keineswegs einzigartig. Dennoch gab es menschliches Leid im Übermass, als die albanischstämmige Nonne Anjeze Bojaxhiu 1950 hier ihren Orden gründete. Die bengalische Hungersnot hatte während des Zweiten Weltkriegs Millionen das Leben gekostet, die Teilung von 1947 und der darauf einsetzende grösste Bevölkerungsaustausch der Geschichte spülte Hunderttausende von Hindus aus Ostpakistan, dem heutigen Bangladesh, in die Stadt am Gangesdelta. Später brachten Überschwemmungen und Taifune weitere Flüchtlinge, auch der bangalische Unabhängigkeitskrieg von 1971 hinterliess seine Spuren.

Dieses Leid und der Umgang damit sind für Freunde und Kritiker Teresas gleichermassen zentral für die Bewertung ihres Schaffens. „Teresa betrachtete jede Person als würdevolle Schöpfung Gottes“, erklärt Bischof Logo in seinem einfachen Amtssitz neben einer himmelblauen Kathedrale in einem Vorort Kolkatas und kritisiert damit unausgesprochen das zutiefst diskriminierende Kastenwesen seines Landes. Der Kirchenrechtler und Leiter einer kleinen Landdiözese stand der vatikanischen Untersuchungskommission für Teresas Seligsprechung vor. „Menschen, die unermessliches Leid durchlitten haben, starben bei den Schwestern der Nächstenliebe mit einem Lächeln. Das war Teresas grösster Beitrag für die Welt.“

Beim Gespräch über Teresa ist zwangsläufig viel vom Tod die Rede. Ihre ersten Heime waren Sterbehospize, medizinische Dienste spielten eine Nebenrolle. Freiwillige des Ordens mit medizinischem Fachwissen kritisieren, dass oftmals selbst einfachste Schmerzmittel fehlten, trotz reichlich fliessenden Spenden. Auch heute ist das Heim in Kalighat nicht für eine weiterreichende ärztliche Versorgung ausgestattet. Ist der Vorwurf einer gewissen Leidensobsession also gerechtfertigt? Bischof Logo verneint. Für Teresa habe die Vermittlung von Nächstenliebe im Vordergrund gestanden, professionelle Spitäler sollten andere betreiben. Dass die Sterbenden kurz vor dem Ableben getauft wurden – nur 0,7 Prozent der Bevölkerung von Westbengalen sind Christen –, stand als Vorwurf früh im Raum, konnte aber nie belegt werden. Wohl unbestreitbar ist, dass Teresa von der Überzeugung geleitet war, durch Annahme ihres Leidens fänden die Kranken zu Gott.

Keine Revolutionärin

So stand auch die Veränderung der sozialen Umstände nie im Fokus von Teresas Arbeit. Dies brachte ihr immer wieder den Vorwurf ein, letztlich auf der Seite der Mächtigen zu stehen. Ihre Nähe zum Präsidentenpaar Duvalier angesichts von dessen Ausbeutung Haitis oder ihr Einsatz für den Finanzbetrüger Charles Keating, der auch zahlreiche Kleinsparer um ihre Altersvorsorge gebracht hatte, wirft heute noch grosse Fragen auf und lässt sich nicht mit Schicksalsergebenheit erklären. Allerdings tut man der caritativen Arbeit Teresas vielleicht auch Unrecht, wenn man diese an sozialrevolutionären Ansprüchen misst. Nächstenliebe, nicht Ursachenbekämpfung war ihr Anliegen. Die grosse Anhängerschaft Teresas, einer in jeder Hinsicht konservativen Katholikin, unter den Mächtigen im sozialistisch regierten Indien und sogar in Westbengalen, der Hochburg des indischen Marxismus, bleibt deshalb letztlich ein ideologischer Widerspruch.

Tatsächlich genoss Teresa in Indiens Elite grosse Unterstützung, ihre Freundschaft mit Indira Gandhi ist legendär. Darüber hinaus spielt sie in der öffentlichen indischen Wahrnehmung aber in keiner Weise eine Rolle, die sich mit derjenigen im Westen vergleichen liesse – trotz indischer Staatsbürgerschaft und einem offiziellen Staatsbegräbnis nach ihrem Tod. Kritiker wie Chatterjee glauben, dass der selbstlose Einsatz einer europäischen Nonne für die Ärmsten der Dritten Welt in idealtypischer Weise das schlechte Gewissen des reichen Nordens zu beruhigen wusste.

Fest steht, dass Teresas Popularität im Westen nicht ohne Unterstützung der Medien möglich gewesen wäre. Nach ihrer Entdeckung durch den britischen Fernsehjournalisten Malcolm Muggeridge 1968 avancierte die kleingewachsene Nonne schnell zum Liebling der Medien und somit auch profilierungshungriger Personen des öffentlichen Lebens. Teresa erklärte immer wieder, ihr sei der Rummel zu viel, doch wusste sie die grosse Aufmerksamkeit geschickt zu nutzen. Bald flossen insbesondere aus den USA Spendenbeiträge in Millionenhöhe auf die Konten des schnell wachsenden Ordens, der mittlerweile in 130 Ländern präsent ist. Freiwillige in immer grösserer Zahl wollten unentgeltlich Dienst an den Ärmsten tun. 1979 erhielt Teresa für ihre Arbeit den Friedensnobelpreis.

Wie das damit verbundene Preisgeld, aber auch all die beträchtlichen Spenden im weitverzweigten Netz des Ordens eingesetzt wurden, ist ebenfalls Gegenstand von Kontroversen geworden. Die Missionarinnen der Nächstenliebe vermochten selten eine transparente Buchführung vorzulegen. Quantitative Angaben Teresas stellten sich im Nachhinein oftmals als inkorrekt heraus. Ob dies willentlich und aus effekthascherischen Gründen geschah oder aus ernst gemeinter Priorisierung der unmittelbaren caritativen Arbeit gegenüber der Pflege des administrativen Überbaus, bleibt Spekulation.

Heilig in welchem Sinne?

Bischof Logo kennt all diese Vorwürfe. Hunderte von Personen hat seine Untersuchungskommission zu Mutter Teresa befragt, auch ihre ärgsten Kritiker wie Chatterjee oder der britische Journalist Christopher Hitchens wurden angehört. Hatte das keinen Einfluss auf die Seligsprechung, notabene eine der schnellsten der Kirchengeschichte? „Die Kritiker haben durchaus valable Punkte vorgebracht. Aber sie argumentieren ausserhalb des Katechismus. Teresas Leistung bei der Befolgung des Gebots der Nächstenliebe wird nicht dadurch gemindert, dass sie keine professionellen Krankenhäuser baute.“

Tatsächlich greifen viele Kritikpunkte kirchenrechtlich ins Leere. Natürlich verstärkt der enorme Bevölkerungsdruck in Indien das Armutsproblem, und natürlich darf man sich fragen, wie angebracht in einem solchen Kontext Teresas fundamentale Kritik an jeder Form der künstlichen Empfängnisverhütung war. In Konflikt mit dem Vatikan brachte sie diese Position freilich nie. Dasselbe gilt für ihren Kampf gegen die Abtreibung oder die allfälligen Bekehrungsversuche.

In diesem Widerspruch liegt vielleicht der Kern der Kontroverse um Teresa. Wenn Kritiker anlässlich ihrer Kanonisierung nun die Berechtigung dieses Schrittes infrage stellen, beziehen sich die wenigsten auf katholisches Kirchenrecht, sondern auf Teresas Wirkung über das Religiöse hinaus. Schliesslich gilt sie auch in weltlichen Kreisen als sprichwörtlicher Inbegriff des Guten, ihr bereits vor Jahren geprägter Übername der „Heiligen der Gossen“ deutet auf einen nichtreligiösen Heiligenbegriff hin. An dieser Überhöhung ihrer Person, an der inszenierten Makellosigkeit ihres sicherlich selbstlosen und bewundernswerten, aber eben nicht über jeden Zweifel erhabenen Schaffens reiben sich ihre Kritiker. Nach katholischer Lehre ist Mutter Teresa ab Sonntag eine Heilige. Die Kontroverse um ihre Person wird dies nicht aus der Welt schaffen. Wem gehört Mutter Teresa? ahn. Belgrad ⋅ Die Frage nach ihrer Herkunft ist Mutter Teresa öfter gestellt worden. Albanischen Blutes sei sie, katholischen Glaubens und Bürgerin Indiens. Sie gehöre der Welt, ihr Herz aber allein Jesus, soll sie gesagt haben. Sali Berisha, dem aus muslimischer Familie stammenden Ministerpräsidenten Albaniens (2005–2013), gelang es, die aus Üsküb (Skopje) gebürtige Nonne zur „Nationalheiligen“ zu machen. Als Verkörperung der „albanischen Mutter“ versuchte er 2009 ihre sterblichen Überreste nach Albanien überzuführen. Die Inder lehnten kühl ab. Aber auch so ist Teresa allgegenwärtig: Der Flughafen von Tirana ist nach ihr benannt, und ihr Bild ziert das Oberste Gericht. In Shkoder steht ihre Statue unweit der Abu-Bakr-Moschee, und unzählige Plätze tragen ihren Namen. Nach Skanderbeg, dem christlichen mittelalterlichen Herrscher, ist sie wohl die zweitwichtigste Figur im Pantheon der Albaner. Und dies, obwohl 75 Prozent der Bürger Muslime sind. Nach Türkenherrschaft und Kommunismus, so Berishas Anliegen, sollte Teresa die Rückkehr seines Landes nach Europa illustrieren. Nicht alle sind glücklich darüber. Als 2007 Teresas Bild auf die Identitätskarten gedruckt werden sollte, regte sich Widerstand in der islamischen Gemeinschaft. Das Projekt wurde verworfen. Auch im benachbarten Kosovo, wo 90 Prozent der Bevölkerung muslimisch sind, ist der Teresa-Kult nicht unumstritten. Als 2011 in Pristina eine riesige Kathedrale zu ihren Ehren gebaut wurde, verlangte die islamische Gemeinschaft, dort eine ebensolche Moschee zu bauen. Anspruch auf Teresa erheben auch die mazedonischen Nachbarn, die sie als „Tochter Skopjes“ verehren. Anjeze Bojaxhiu wurde am 26. August 1910 in eine wohlhabende katholische Unternehmerfamilie geboren. Ihre rosige Farbe trug ihr den Kosenamen Gonxha (Blütenknospe) ein. Ihr Vater Nikola war ein Geschäftsmann, den seine Reisen bis nach Ägypten führten. Gonxhas fromme Mutter besuchte mit ihrer Tochter regelmässig die Herz-Jesu-Kirche. Als Gonxha acht war, starb ihr Vater überraschend. Die Mutter wandte sich noch stärker dem Glauben zu. Ein charismatischer kroatischer Priester, Franjo Jambrekovic, machte grossen Eindruck auf Gonxha. Von ihm hörte sie von christlichen Missionen in fernen Ländern. Achtzehnjährig reiste sie nach Irland und trat dem Orden der Loreto-Schwestern bei. Von da ging sie nach Indien, gab 1946 das Leben in der Klausur auf und begann ihre Arbeit für die „Ärmsten der Armen“.