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Grafik des Tages

Die Mindestlöhne in Europa steigen

von Nicole Rütti / 03.03.2016

Betrachtet man die Entwicklung der Mindestlöhne, könnte man meinen, dass sich Europa in einer robusten Boomphase befindet. Laut einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben 16 von 22 EU-Staaten, die solche nationalen Regelungen kennen, ihre Mindestlöhne zu Jahresbeginn angehoben. Die Erhöhung betrug im Durchschnitt 4,6 Prozent. Angesichts der negativen Inflationsraten in zahlreichen Ländern lag der reale Anstieg gar bei 4,8 Prozent.

Höchster Zuwachs seit 2008

Es handelt sich hierbei um den höchsten Wert seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. 2011 und 2012 stagnierten die realen Mindestlöhne im Durchschnitt, bevor anschließend wieder ein deutlicher Aufwärtstrend einsetzte. Kräftige nominale Steigerungsraten verzeichnen 2016 Litauen (+17 Prozent), Bulgarien (+16,8 Prozent) und Estland (+8,5 Prozent), deren Mindestlöhne im EU-Vergleich eher bescheiden ausfallen. Bemerkenswert ist, dass auch Frankreich, das EU-weit einen der höchsten Mindestlöhne hat, diesen trotz schwachen Konjunkturgangs (wenn auch „nur“ geringfügig) um 0,6 Prozent angehoben hat. Kräftig fiel die Steigerung in Portugal (+4,9 Prozent) aus. Unter Berücksichtigung der negativen Teuerung fällt die reale Zunahme beim ehemaligen Krisenstaat nochmals höher aus. In Osteuropa stiegen die Mindestlöhne fast überall um nominal mindestens 3 Prozent, in Polen, Ungarn und Tschechien um 5 bis 7 Prozent.

Der erst vor gut einem Jahr eingeführte Mindestlohn in Deutschland von 8,50 Euro je Stunde blieb hingegen unangetastet. Wie die gewerkschaftsnahen Autoren der Studie monieren, liege er damit unter der Lohngrenze der übrigen westeuropäischen Staaten, wo ein Mindestlohn von mehr als 9 Euro gelte. Allgemein sind sie der Ansicht, dass die gegenwärtigen Zuwachsraten nicht ausreichen, um einen wirksamen Beitrag zur Deflationsbekämpfung zu leisten. Gerne klammert man beim WSI aus, dass Mindestlöhne kein probates Mittel zur Krisenbekämpfung sind. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Analysen gelangen zum Schluss, dass sie das Stellenwachstum auf längere Sicht verhindern.

Hohe Arbeitslosigkeit

Zu denken gibt dabei ein Vergleich des europäischen Arbeitsmarktes mit demjenigen der USA. Beim WSI hält man anklagend fest, dass die Vereinigten Staaten ihren nationalen Mindestlohn zuletzt im Jahre 2009 erhöht hätten: Von allen 37 vom Institut untersuchten Nationen sind die USA das Land, das mit Abstand für den längsten Zeitraum seinen Mindestlohn eingefroren hat. Verschwiegen wird dabei, dass die US-Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren von ehemals rund 10 Prozent auf unter 5 Prozent gefallen ist, während sie in vielen EU-Ländern auf einem erschreckend hohen Niveau verharrt.