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Belastete Beziehungen

Die Nato und ihr hässliches Entlein

Meinung / von Andreas Rüesch / 09.09.2016

Die Türkei hat für den Westen weiterhin hohe strategische Bedeutung. Doch der Alltag wird durch gegenseitige Vorwürfe erschwert – bis hin zu Spekulationen über den Abzug der amerikanischen Atombomben.

Im Kalten Krieg galt die Türkei als eines der strategisch wichtigsten Nato-Mitglieder – immerhin war sie neben Norwegen das einzige Land der Allianz, das mit der Sowjetunion eine Landgrenze teilte. Heute dagegen erhält man den Eindruck, dass die Türkei eher ein geduldeter als ein geliebter Passagier an Bord des Nato-Dampfers ist. Dass sich Brüssel vor einem Monat zur Klarstellung gezwungen sah, die Zugehörigkeit der Türkei stehe nicht zur Diskussion, war wenig schmeichelhaft, verriet die Erklärung doch genau das Gegenteil, nämlich Zweifel an der künftigen Rolle des Landes im westlichen Bündnis.

Bezeichnend ist daher, dass sich der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei acht Wochen lang Zeit gelassen hat, bis er nun mit einem Besuch in Ankara die nötige Solidarität zum Ausdruck brachte. Die von Präsident Erdogan verordnete Säuberung des Offizierskorps, der auch viele Partner der Nato zum Opfer fielen, hat das Verhältnis einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Umgekehrt entstand in Ankara das Gefühl, dass die westlichen Partner zu wenig Verständnis für das Trauma des Staatsstreichs aufbrachten.

Ein eher bizarrer Teil dieses Beziehungsdramas sind die Spekulationen um einen Abzug der amerikanischen Atombomben vom Nato-Luftwaffenstützpunkt Incirlik in der Südtürkei. Die Tatsache, dass nach dem Putsch der türkische Kommandant der Basis verhaftet wurde und Demonstranten deren Schliessung forderten, hat die Frage aufgeworfen, ob die Bomben dort noch sicher sind. Im August berichtete dann ein Onlineportal, die USA hätten mit der Verlegung ihres Atomarsenals von Incirlik auf den rumänischen Stützpunkt Deveselu begonnen.

Das wäre ein bedeutendes Signal der Amerikaner: Incirlik beherbergt das grösste Nuklearwaffenlager im europäischen Teil der Nato. Laut inoffiziellen Angaben enthält es zwar nur noch 50 taktische Sprengkörper, aber ebenso wie die paar Dutzend verbliebenen amerikanischen Atombomben in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Italien sind sie ein Symbol dafür, dass nukleare Abschreckung eine gemeinsame Aufgabe des Bündnisses ist. Die militärische Bedeutung dieser Waffen mag zwar gering sein, zumal die USA mit ihren Interkontinentalraketen eine viel grössere Abschreckungswirkung erzielen. Aber ein heimlicher Abzug aus Incirlik würde die Botschaft aussenden, dass Amerika das Vertrauen in die Türkei als Partner und Stationierungsort verloren hätte.

Das ist nicht im Interesse Washingtons, und für einen Transfer gibt es denn auch keinerlei Hinweise. Die Sicherheit der von amerikanischem Personal bewachten, in unterirdischen Gewölben gelagerten Bomben war zu keiner Zeit infrage gestellt. Eine Verlegung nach Rumänien wäre nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch ein politisches Problem, da die Nato Russland die Zusage gegeben hat, keine Atomwaffen auf dem Boden früherer Ostblockstaaten zu stationieren. Das Atomarsenal ist eine der geringsten Sorgen der Amerikaner in Incirlik – viel schwerwiegender sind die Restriktionen, die Ankara der Nato bei der Nutzung dieser Basis für den Kampf gegen die Terrormiliz IS auferlegt hat.