Die Probleme an der Küste Nordafrikas

von Alexander Bühler / 30.04.2015

Libyen hat sich zum wichtigsten Transitland für Flüchtlinge aus Syrien, Palästina und afrikanischen Ländern entwickelt. Doch die politischen Zustände im Land sind chaotisch. So haben die Menschenhändler freie Hand. Von Alexander Bühler.

Nach dem Sturz des Diktators Muammar Gaddafi schien sich die Situation kurz zu stabilisieren, bis die 2012 gewählte Zentralregierung kollabierte. Als der Nationalkongress sich weigerte, die Legislative an das 2014 gewählte Parlament zu übergeben, eskalierte die Lage. Das Parlament musste die Hauptstadt Tripolis verlassen und zog sich in die östlich gelegene Stadt Tobruk zurück, wo es von der libyschen Nationalarmee unter General Khalifa Haftar sowie von den regionalen Mächten Ägypten und den Golfstaaten unterstützt wird. Der Hauptwidersacher dieser Rumpfregierung ist die in Tripolis etablierte Koalition, die von Muslimbrüdern angeführt wird. Dazu haben sich weitere Milizen etabliert, die kleinere Gebiete dominieren. Stark umkämpft sind der Flughafen von Tripolis, die bedeutenden Ölfelder und die Zentralbank, in der die Einnahmen aus dem Ölhandel lagern.

Der Islamische Staat (IS) hat die Zersplitterung der Macht genutzt, um sich zu etablieren: Er kontrolliert Sirte, die Geburtsstadt Gaddafis und versucht, Benghasi einzunehmen. In Videos haben die IS-Kämpfer ihre Macht demonstriert, indem sie Christen aus Ägypten und Afrika hinrichteten, woraufhin Ägypten ihre Stellungen bombardierte. Experten vermuten, dass der IS in Libyen etwa 5.000 ausländische Islamisten unter Waffen hat. Um die Lage zu stabilisieren, hat die UNO-Mission in Libyen, Koalition und Parlament zu raschen Friedensgesprächen gedrängt. Auch die EU versucht, die Krise in Libyen zu entspannen, damit man mit Libyen in der Flüchtlingsfrage kooperieren kann.

Schlepperbanden sind international hervorragend vernetzt

100 Millionen Euro Umsatz in den letzten zwei Jahren hat der Menschenschmuggel zwischen Libyen und Italien gebracht, schätzt der italienische Staatsanwalt Francesco Lo Voi laut der italienischen „La Repubblica“. Er ist für einen der spektakulärsten Fälle von Menschenhandel der letzten Jahre zuständig.

Im Zentrum steht dabei der Eritreer Merede Medhanie. Er, der von Palermo aus arbeitete, soll der Kopf eines transnationalen Netzwerks sein, das mit dutzenden von Helfershelfern in Libyen und Italien das Geschäft des Menschenhandels betrieb. Er wird verdächtigt, das spektakuläre Schiffsunglück vor Lampedusa mitverursacht zu haben, bei dem im Oktober 2012 über 300 Menschen umkamen. Am Telefon habe er einem Komplizen lachend gesagt: „Mein einziges Problem ist, dass ich zu viele Migranten habe, deswegen muss ich immer mehr als 500 in die Boote laden. Ich kann nur hoffen, dass sie sicher ankommen.“

Doch Medhanie, „der General“ genannt, war nicht der Einzige, dessen Organisation Migranten ausnahm und in den Tod trieb. Allein in Benghasi gebe es drei Gruppen von Schwarzafrikanern, die mit Libyern als Schleuser zusammenarbeiten, sagt ein Flüchtling. Bis nach Westafrika würden die Menschenhändler ihre Netze auswerfen. Ihre Kontaktleute werben dort Migranten für die gefährliche Reise übers Mittelmeer an – für 800 US-Dollar. Für die syrische und palästinensische Kundschaft haben die Menschenhändler sich andere Kommunikationsmethoden angewöhnt: Sie preisen ihre Bootstouren auf Arabisch auf Facebook an. Haben die Fluchtwilligen einmal angebissen, müssen sie zwischen 1.500 und 5.000 Dollar bezahlen.

Die Flüchtlinge, die in den Hafenstädten ankommen – die wichtigsten für Menschenhandel sind Zuwara, Tripolis und Misrata –, werden eingesammelt und in kleinen Häusern an der Küste einquartiert. Oft für Wochen, bei minimaler Verpflegung. Den Schleusern sei ihr Wohlergehen völlig egal, meint ein Migrant, der die Reise gemacht hat. „Flüchtlinge sind Freiwild – vermarktbare Ware“, sagt er.

Wer es bis ans andere Ufer des Mittelmeers schafft, wird vom europäischen Zweig des Schleppernetzwerks weiterbetreut. Für Hunderte von Euro organisieren sie die Weiterreise ins Zielland oder auch die Beerdigung von ertrunkenen Angehörigen. 7.000 bis 8.000 Flüchtlinge hätte er auf diese Weise in einem Jahr nach Europa geschafft, rühmte sich der Schleuser Medhanie am Telefon mit Helfern. Er habe das Geld dort angelegt, wo keiner nachfragen würde: in den USA oder Kanada.

Boote werden so rasch nicht ausgehen

Am Boot, das der Flüchtling Ousman mit 90 anderen Flüchtlingen an der Küste Libyens bestieg, hatte er selbst mitgebaut: ein Schlauchboot, mit ein paar Brettern zur Stabilisierung und für Sitzplätze versehen. Ein paar Monate vorher war der Gambier durch Benghasi gelaufen, als ihn zwei libysche Polizisten anhielten. Ein Jahr hatte er jetzt wie tausende andere Afrikaner als Arbeiter im Land verbracht und Häuser gebaut. Doch seine Papiere enthielten eine kleine Unstimmigkeit. Grund genug für die Polizisten, ihn ins Gefängnis zu werfen. Nach ein paar Monaten konnte er mit fünf anderen Afrikanern ausbrechen. Einer brachte ihn zu seinem Onkel, einem Schleuser. Dort beobachtete er, wie die Menschenhändler arbeiten, wie sie Schiffe und Besatzung vorbereiteten: Ein Schwarzafrikaner aus Mali, ein Fischer, war mit dem Versprechen in Libyen angeworben worden, viel Geld zu machen. 1.500 US-Dollar könne er einnehmen und bei der Überfahrt sogar noch kostenlos ein oder zwei Verwandte mitnehmen. In einem Garten präsentierte man ihm einen kleinen Außenbordmotor und ein GPS. Er durfte einmal den Motor anlassen, einen Blick auf das Navigationsgerät werfen. Darin bestand die ganze Schulung. „Den Menschenhändlern ist es völlig egal, was mit den Bootsflüchtlingen geschieht“, sagt Ousman. Sie wollten bloß, dass das Boot außer Sichtweite gelange. Selbst wenn es dann kentere, hätte das Boot seinen Zweck erfüllt. Die Flüchtlinge, die noch auf ihre Überfahrt warten, würden damit nichts vom schrecklichen Ende ihrer Vorgänger mitbekommen.

Die EU hofft, den Schleppern würden die Boote ausgehen. Ein Zwischenfall vor einigen Tagen, bei dem ein leeres Flüchtlingsboot von den Schleusern unter Waffengewalt in Besitz genommen wurde, deute darauf hin, dass die Boote zur Neige gingen. Eine Hoffnung, die Ousman belächelt. Er habe bei Benghasi hunderte schadhafte Boote gesehen, die von Fischern als Schrott abgeladen worden seien. Die Schleuser holten diese Boote, flickten sie notdürftig und ließen die Flüchtlinge damit in See stechen. Zusätzlich gebe es in Hafendepots auch Schlauchboote der früheren libyschen Marine sowie kleine Schiffsbauer, die in Handarbeit Boote bauen.

Die Schlepper zeigten den Schiffsführern, die ohne Schulung Hunderte von Flüchtlingen übers Mittelmeer fahren sollen, mit einer Geste, wo Italien liege, erzählt Ousman. Für den Notfall geben sie dem Bootsführer ein Satellitentelefon. Damit könnte er in Italien auch Kontakt zum europäischen Schlepper-Netzwerk aufnehmen. Falls das Schiff je ankommt.