Rodi Said / Reuters

Aleppo

Die Rebellen brechen durch den Belagerungsring

von Inga Rogg / 08.08.2016

Der Erfolg der Aufständischen zeigt, wie schwach das syrische Regime trotz Unterstützung von Moskau und Teheran ist. Der Kampf ist aber noch nicht entschieden, auch wenn die Blockade um Ost-Aleppo Löcher bekommen hat.

Erstmals seit mehreren Wochen sind am Sonntag wieder Lebensmittel in den von Rebellen kontrollierten Ostteil von Aleppo gelangt. Angeführt von Islamisten, war es den Aufständischen am Samstag gelungen, den Belagerungsring des Regimes zu sprengen. Die Lieferung – mehrere Pick-ups und Kleinlaster mit Früchten und Gemüse – ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein. In der Rebellenhochburg leben bis zu 300 000 Personen. Wie dringend jede Hilfe für sie ist, zeigten die Äusserungen von Aktivisten. Nicht die Uno habe ihnen geholfen, sondern die Leute aus der Nachbarprovinz Idlib, schrieben etliche in sozialen Netzwerken.

Die Retter in der Not

Aus der Provinz Idlib stammen auch viele der Kämpfer, die an der Rebellenoffensive auf Aleppo beteiligt sind. Allen voran die Nusra-Front, die angeblich mit der Kaida gebrochen hat und sich seitdem Jabhat Fatah al-Sham nennt. Gemeinsam mit anderen Islamisten- und Salafisten-Gruppen, die sich zu verschiedenen Bündnissen zusammengeschlossen haben, und eher säkularen Fraktionen unter dem Dach der «Freien Syrischen Armee» haben die ehemaligen Kaida-Verbündeten am Sonntag vor einer Woche einen Grossangriff auf Aleppo von Südwesten her gestartet. Der Angriff schien angesichts der Übermacht des Regimes, das auf die Luftunterstützung von Russland und Tausende von Soldaten und Milizionären aus Iran, Libanon, dem Irak und Afghanistan zählen kann, schier aussichtslos.

Nach schweren Kämpfen brachten die Angreifer am Freitag überraschend Teile der grossen Militärbasis im südwestlichen Stadtteil Ramusa unter ihre Kontrolle. Von hier aus stiessen sie am Samstag weiter in Richtung des von Aufständischen kontrollierten Teils von Aleppo vor, während gleichzeitig Rebellen aus dem Inneren der Stadt angriffen und die syrischen Truppen und ihre Verbündeten so in die Zange nahmen.

Bewohner in den eingekesselten Quartieren feierten den Durchbruch ihrer Retter in der Not. Unter Freude mischte sich freilich auch Sorge und vor allem Kritik am Westen. Der Aktivist Kenan Rahmani brachte es dabei auf den Punkt: Die Rebellen, einschliesslich der früheren Kaida, hätten geschafft, was die Amerikaner durch ihre Verhandlungen mit Moskau nicht erreicht hätten, schrieb er auf Facebook. Doch nun müssten die Syrer mit der Tragödie leben, dass Terrorgruppen mehr für sie getan hätten als die internationale Gemeinschaft.

Verstärkung für Asad

Staatliche Medien haben versucht, die Niederlage herunterzuspielen. Eine iranische Nachrichtenagentur, die den dortigen Hardlinern nahesteht, berichtete am Sonntag jedoch, eine grosse Zahl libanesischer Hizbullah-Kämpfer sei in Südwest-Aleppo eingetroffen. Das zeigt, wie sehr Machthaber Bashar al-Asad auf die Unterstützung seiner Verbündeten in Teheran, aber auch in Moskau angewiesen ist.

Ohne sie hätten die syrischen Truppen wohl kaum eine Chance, Aleppo zu halten. Am Sonntag lieferten sich beide Seite heftige Kämpfe in einem an Ramusa angrenzenden Stadtteil. Gleichzeitig bombardierten Helikopter und Kampfjets die Stellungen der Kämpfer in Ramusa – einmal mehr aber auch die Zivilbevölkerung in Ost-Aleppo. Sollten die Regimegegner die eroberten Gebiete halten können, droht den mehr als eine Million Einwohnern in dem vom Regime kontrollierten Westteil eine Blockade. Viele deckten sich am Wochenende mit Lebensmittelvorräten ein.

Tausende sind in der letzten Woche vor den Rebellenangriffen geflohen. Syrien habe seine Truppen neu aufgestellt, nachdem sie von «Tausenden von Söldnern» angegriffen worden seien, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Sana am Sonntag. Die Armee habe eine alternative Route gefunden, um Lebensmittel und Kochgas in den Westen zu bringen. Im Osten suchten derweil Bewohner in Kellern Zuflucht vor den heftigen Luftangriffen.