Markus Schreiber / AP

Türkischer Islam in Deutschland

Die „Söhne des Islams“ und die „Verräter“

von Tayfun Guttstadt / 11.08.2016

Viele türkischstämmige Muslime in Deutschland fühlen sich nach dem Putschversuch in der Türkei und der Kritik an Erdogan missverstanden. Ein Besuch in der Berliner Sehitlik-Moschee verdeutlicht dies. Ein Text von Tayfun GuttstadtTayfun Guttstadt ist Kulturwissenschafter und freier Journalist in Berlin. .

Besonders einladend wirken der Bauzaun und die Mauer aus grauen Betonblöcken nicht, hinter der sich die Berliner Sehitlik-Moschee versteckt. Nur die Minarette und ein Teil der Kuppel sind sichtbar; es wird gebaut an Deutschlands angeblich meistbesuchter Moschee. Ohne Zweifel aber ist die 1999 errichtete, in osmanischer Architektur gehaltene „Moschee der Märtyrer“ hinter dem Zaun ansehnlich. Benannt wurde sie nach dem anliegenden türkischen Friedhof im Stadtteil Neukölln. Neben vielen im Ersten Weltkrieg gefallenen osmanischen Soldaten liegen dort auch Mitverantwortliche für den Völkermord an den Armeniern.

An diesem Freitag sind rund 600 Männer aller Altersgruppen anwesend, manche mit Vollbart und eher konservativer Kleidung, andere mit T-Shirt, Goldkette und gegelten Haaren. Die meisten sind bereit fürs Gebet, sie knien bereits auf dem weichen Teppich. Einige ältere Herren mit Knieproblemen strecken bequem die Beine aus, andere begrüssen Bekannte oder sammeln sich in Gottesfurcht. Die knapp 21 Meter hohe Kuppel, von innen verziert mit beeindruckenden Kalligrafien und Ornamenten, evoziert ein Gefühl der Geborgenheit und der Zusammengehörigkeit.

„Krone der islamischen Welt“

Der Imam spricht an diesem Tag von der „Brüderlichkeit der Muslime unter dem vereinenden Dach des Islams“. Man solle sich hüten, andere Muslime auszugrenzen, warnt er, während weitere Gläubige eintreffen und sich die Reihen füllen. Nur wenige der Anwesenden scheinen dem Imam aufmerksam zu lauschen. Dennoch erschallt immer wieder ein ebenso vereintes wie entschlossenes „Amin!“. In Vorbereitung auf die eigentliche Predigt rezitiert der Imam auf Arabisch aus dem Koran, um dann die türkische Übersetzung zu verlesen. Er verstärkt die Botschaft, dass sich die Muslime nicht spalten lassen sollten, durch eine Geschichte aus der Frühzeit des Islam. In jener Zeit seien Perser und Araber Brüder geworden, indem sie erkannten, dass sie „nicht Söhne ihrer Vorväter, sondern Söhne des Islams“ seien.

Die Sehitlik-Moschee ist der Ditib, dem deutschen Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, unterstellt. Diese schickt nicht nur ihre Prediger nach Deutschland, sondern bestimmt auch den Inhalt der Predigten. Man sollte meinen, angesichts der aufgeladenen Stimmung nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei, müsste die Behörde versuchen, die Gemüter zu beruhigen. Erst jüngst griffen türkischstämmige Bürger in Deutschland Gebäude und Personen an, die der Gülen-Bewegung nahestehen. Die undurchsichtige Organisation wird für den Putschversuch am 15. Juli verantwortlich gemacht. Allerdings steht die Ditib in Verruf, Präsident Erdogans Sprachrohr in der Diaspora zu sein. Sie hat sich weder von den undemokratischen Vorgängen in der Türkei noch von den Aufrufen zur Gewalt distanziert.

Nach dem Gebet, während sich die Moschee weiter füllt und die Gläubigen durch Gesang und Ritual beruhigt in Stille dasitzen, wird der Imam politisch. Das türkische Volk habe am 15. Juli Geschichte geschrieben, sagt er. Er unterstreicht dies durch eine Erzählung aus dem Leben des Propheten Mohammed, nach welcher Gott diejenigen zum Sieg führe, die an der Seite der Unterdrückten stünden und sich gegen das Unrecht aussprächen. Von wem das Unrecht ausgehe? „Von den Verrätern“, ruft der Imam. Nur wenigen ist nicht klar, wer gemeint ist. Bis auf einige Araber und Afrikaner, die sich wegen ihrer fehlenden Türkisch-Kenntnisse nicht daran stören müssen, dass die Türkei als „Krone der islamischen Welt“ gerühmt wird, versteht jeder, dass der Imam von Gülen spricht. Zufrieden verlassen die Männer die Moschee. Einige verbleiben für ein Gespräch bei einem Tee im Hof.

Fatih, ein junger, freundlicher Mann mit Brille und Dreitagebart, hat die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen über die türkischen Medien verfolgt. Seit in den deutschen Medien in der Putschnacht zu hören gewesen sei, dass Erdogan nach Deutschland fliehen wolle, Merkel ihm aber kein Asyl gewähre, sei ihm klar, was für ein Spiel gespielt werde. Daher sehe er keinen Sinn, sagt er, weiter deutsche Nachrichten zu verfolgen. Sein Freund Erol stimmt ihm zu. Von Gewalt gegen Gülenisten wisse man nichts. „Gewalt finde ich immer falsch“, sagt Fatih.

„Man muss auf der Hut sein“

Die Gülen-Gemeinde war lange Zeit ein strategischer Verbündeter der AKP im Kampf gegen das kemalistische Establishment der Türkei. Schon lange bevor Erdogan mit den „Säuberungen“ nach dem Putschversuch anfing, warnten linke und säkulare Intellektuelle vor einer Unterwanderung der Staatsorgane durch die Organisation. Manche AKP-Politiker sandten allerdings noch vor wenigen Jahren „Botschaften der Liebe“ nach Pennsylvania in die USA, wo die Bewegung ihre Zentrale hat.

„Wir wurden hinters Licht geführt!“ sagt Süleyman, ein penibel gepflegter Mann, der seit 50 Jahren in Deutschland lebt, wie er sagt, fleissig gearbeitet und Steuern gezahlt habe. Erfahren habe er aber nur Ausgrenzung. Dem ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel erzählte er bei einem Treffen mit Gastarbeitern vor 30 Jahren, wie schlimm es für die Türken sei, auf eine Antwort warte er noch immer vergeblich. Das türkische Volk müsse ständig vor „Unterwanderung“ auf der Hut sein. Bei diesen Ausführungen steht Süleyman die Wut ins Gesicht geschrieben, er presst die Faust zusammen, als würde er Kakerlaken zerquetschen. Kakerlaken seien „sie“ nämlich, kämen direkt aus der Kanalisation gekrochen. „Du weisst genau, wen ich meine“, sagt er. Den vom Westen unterstützen Fethullah Gülen will er selbst schon einmal gelauscht haben. „Mir war sofort klar, was für ein Verräter er ist“, zürnt Süleyman.

Die Sehitlik-Moschee ist laut eigenen Angaben für viele Nichtmuslime die erste Begegnungsstätte mit dem Islam. Erst kürzlich fand hier eine Konversion statt: Der blonde Christopher heisst jetzt Mohammed – den Namen suchte er sich selbst aus. Doch durch ihre schiere Grösse ist die türkische Gemeinde auch ein Anlaufpunkt für Muslime anderer Herkunft. Auch wenn viele von ihnen das Misstrauen dem Westen gegenüber teilen, befremdet sie die Vorstellung, die Muslime der Welt warteten nur darauf, wieder von den Türken beherrscht zu werden. So ergeht es Omar, einem jungen Deutsch-Palästinenser. Dass die türkisch-muslimische Gemeinschaft in letzter Zeit immer chauvinistischer wurde, sei ihm nicht entgangen: „Freunde von mir sind der Meinung, Erdogan errichte ein neues Osmanisches Reich, und finden das toll“, erzählt er.

Omar versteht das nicht. Blinde Gefolgschaft, sagt er, sei niemals gut. Wenn die Presse jeden AKP-Anhänger als Islamist darstelle, sei das aber auch schlimm. „Siehst du, die haben alle Bärte!“ zitiert er Bekannte, „na und? Ich habe auch einen Bart!“ Er schüttelt den Kopf. Die Fähigkeit zum Differenzieren gehe sowohl den Leuten in der Türkei wie auch jenen in Deutschland abhanden. Dabei sei Differenzieren genau das, was man brauche, in diesen Zeiten, wo jeder jedem misstraue.