EPA/HABERTURK TV CHANNEL

Türkei-Russland

Die Türkei als neues russisches Feindbild

von Daniel Wechlin / 26.11.2015

Der Kreml baut gegen die Türkei eine Drohkulisse auf. In den Staatsmedien hat sich der Fokus vom Krieg in Syrien auf harsche Kritik an Ankara verschoben. Dies muss aber nicht von Dauer sein.

Der Krieg in Syrien hat sein Gesicht schlagartig verändert, zumindest im russischen Staatsfernsehen. Einen Tag nach dem Abschuss eines russischen Jagdbombers durch die Türkei im Grenzgebiet zu Syrien dominieren nicht mehr Erfolgsmeldungen, Bilder eines angeblich chirurgisch-präzisen Krieges, Aufnahmen aus Schützengräben oder lange Vorträge von Militärs über die Qualitäten des russischen Kriegsgeräts die Berichterstattung. Stattdessen werden fast pausenlos die verwackelten Aufnahmen des Kampfjets gezeigt, der in einem Feuerball zur Erde stürzt. Verteidigungsminister Schoigu tritt vor den Generalstab und bittet um eine Schweigeminute. Präsident Putin verleiht drei Ehrentitel, zwei davon postum. An der Moskwa legen vor einem Soldatendenkmal Passanten Blumen nieder und trauern.

Zeichen der Stärke

Der Zwischenfall im bergigen Norden der Provinz Latakia am Dienstag kostete zwei russische Soldaten das Leben. Der Navigator der Su-24 konnte nach einer Such- und Rettungsaktion lebend geborgen werden. Der Pilot wurde indessen wohl noch am Fallschirm hängend von Rebellen erschossen. Ein weiterer russischer Soldat kam bei der eingeleiteten Rettungsaktion ums Leben, als Rebellen den russischen Helikopter angriffen. Gezeigt werden diese im Internet aufgetauchten Bilder im Staatsfernsehen nur ansatzweise. Die blutige Realität des Krieges, das Risiko, welches der Kreml mit seiner Militärintervention eingeht, wird dem Zuschauer nur stückweise und wohlorchestriert zugemutet. Dass die russische Kriegsmaschinerie in Syrien verwundbar ist, stellt eine neue Herausforderung für die Fernsehmacher wie auch für den Kreml dar.

Schwäche zeigen will Russland aber nicht. Die Luftangriffe gegen Rebellen in Syrien sollen unvermindert weitergehen, auch im Grenzgebiet zur Türkei. Nach dem „verbrecherischen Akt Ankaras“, der nicht „unbestraft“ bleiben könne, sollen nun aber die russischen Bomber jeweils von Begleitflugzeugen eskortiert werden. Die militärischen Kontakte mit der Türkei seien vorerst eingefroren, hieß es in Moskau. Die Militärspitze gab am Mittwoch zudem die Entsendung des Raketenabwehrsystems S-400 auf die Militärbasis bei Latakia sowie die Verlegung des Raketenkreuzers „Moskwa“ vor die Küste Syriens bekannt. Man sei bereit, alle „potenziellen Bedrohungen“ für die russischen Kampfpiloten auszuschalten, sagte Verteidigungsminister Schoigu in einer unverhüllten Drohung gegenüber der Türkei.

Die Entrüstung ist groß. Vor der türkischen Botschaft in Moskau kamen am Mittwoch erneut Demonstranten zusammen – vermutlich nicht alle aus eigenem Antrieb. Steine, Eier und Farbbeutel wurden gegen die Fassade geschleudert. Die Polizei schritt ein. In der Staatsduma und im Föderationsrat wurden Putins Worte vom Vortag wiederholt: Die Türkei sei eine Komplizin der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Man arbeite an politischen und ökonomischen Retorsionsmaßnahmen. Selbst ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen wird nicht ausgeschlossen.

Gleichzeitig wird die türkische Führung als neues Feindbild hingestellt. Putin sprach am Mittwoch von einer bedenklichen Islamisierung der Türkei unter der gegenwärtigen Regierung. In Nachrichtensendungen des Staatsfernsehens werden in historischen Revuen die Waffengänge zwischen der Türkei und Russland erörtert. Der Eindruck wird vermittelt, dass das bei den Russen äußerst beliebte Ferienland Türkei nun auf einmal nicht mehr sicher sei und es sich bei der Führung in Ankara um einen unzivilisierten, unberechenbaren und mit Terroristen sympathisierenden Akteur handle. In Diskussionssendungen werden Familienmitglieder Präsident Erdoğans mit dem Argument an den Pranger gestellt, sie würden sich am Ölhandel mit dem IS oder mit Raubkunst aus Syrien bereichern. Erdoğans Partei wird in die Nähe der Muslimbruderschaft gerückt, die wie der IS ein Kalifat errichten wolle. Von einem befreundeten Staat könne nicht mehr die Rede sein.

Gespräche auch in der Krise

Um eine gewisse Deeskalation bemüht war Außenminister Lawrow. Auch er sprach zwar von schwerwiegenden Folgen für das russisch-türkische Verhältnis und warf Ankara eine „geplante“ Provokation vor. Doch teilte er nach einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Çavuşoğlu mit, dass ein Treffen in den nächsten Tagen nicht ausgeschlossen sei. Auch habe Russland nicht die Absicht, gegen die Türkei in den Krieg zu ziehen. Am Donnerstag dürften weitere pragmatische Töne folgen, wenn der französische Präsident Hollande in Moskau mit Putin zusammentrifft, um über ein gemeinsames Vorgehen im Syrien-Konflikt zu sprechen.