EPA

Nordsyrien

Die Türkei rutscht tiefer in den Krieg

von Marco Kauffmann Bossart / 29.08.2016

Die türkische Armee treibt ihre Offensive im Nachbarland voran – dabei gibt es auch einen toten türkischen Soldaten. Langfristig sollen mit Ankara liierte Rebellen die Kontrolle übernehmen.

Die türkische Armee und mit ihr verbündete Rebellen sind am Wochenende tiefer nach Nordsyrien vorgestossen. Dabei kam es laut offiziellen Angaben aus Ankara erstmals zu Gefechten mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und anderen Verbänden, die im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) mit den Vereinigten Staaten kooperieren.

Abkommen mit USA verletzt

In der Nähe der Stadt Jarablus, bis vergangene Woche eine Hochburg des IS, griff die türkische Armee am Sonntag gemäss regierungsnahen Quellen Stellungen der syrischen Kurden mit Kampfflugzeugen und Artillerie an. Dabei seien 25 „Terroristen“ getötet worden. Die in Grossbritannien ansässige und der Opposition nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete indes von 35 zivilen Opfern und vier toten Extremisten. 75 weitere Personen seien verletzt worden. In einem Communiqué ging die türkische Armee nicht direkt auf zivile Todesopfer ein. Bestätigt wurde lediglich, dass am Samstag erstmals ein türkischer Panzersoldat bei einem Raketenangriff ums Leben gekommen ist.

Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden hatte sich vergangene Woche in Ankara unmissverständlich hinter die Forderung des Nato-Partners gestellt, wonach sich die syrischen Kurden auf Positionen östlich des Euphrats zurückziehen müssten. Während es aus türkischer Optik vor allem darum geht, die Expansionsgelüste der Kurden einzudämmen, war Washington daran gelegen, die Gefahr eines Zusammenpralls mit der YPG, der syrischen Schwesterorganisation der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), zu bannen. Gemäss einem Bericht der „New York Times“ haben sich kurdische Verbände über eine gegenüber Washington gemachte Zusage, den Euphrat als rote Linie zu akzeptieren, hinweggesetzt. Die YPG hat sich als effektiver Verbündeter Amerikas gegen den IS erwiesen.

Allerdings lässt sich kaum bestreiten, dass Verbindungen zur PKK bestehen. Letztere wird nicht nur von der Türkei, sondern auch von den Vereinigten Staaten und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Verzögerung wegen Verrätern?

Ankara zielt mit der Operation „Schutzschild Euphrat“ nach eigenem Bekunden darauf ab, den IS und die kurdischen Rebellen vom Grenzgebiet zurückzudrängen. Nicht angestrebt wird indes eine dauerhafte Präsenz. Verteidigungsminister Fikri Isik kündigte an, man werde so lange im nordsyrischen Grenzgebiet bleiben, bis die Freie Syrische Armee (FSA) das Gebiet effektiv kontrolliere. Ankara will sich offenkundig nicht den Ruf einer Besatzungsarmee einhandeln. Nach Schätzungen beteiligen sich an der Intervention mindestens 1500 Kämpfer der mit Ankara liierten FSA. Die türkische Armee soll 200 reguläre Soldaten und 150 Mitglieder von Spezialeinheiten nach Syrien beordert haben. Beamte des türkischen Präsidialamts lassen ausländische Journalisten wissen, dass die politische Führung schon viel früher auf eine konzertierte Intervention im Nachbarland gedrängt habe. Doch sei dies von Militärs, die nach dem Putsch als Verräter entlarvt worden seien, hintertrieben worden. Eine unabhängige Bestätigung für diese Theorie fehlt.

Ungeachtet der vor 13 Monaten lancierten Militäroperationen gegen kurdische Extremisten im eigenen Land und im Nordirak vermochte die zweitgrösste Nato-Armee die PKK nicht entscheidend zu schwächen. Innerhalb weniger Wochen sind Dutzende von Sicherheitskräften bei Terroranschlägen getötet worden.

In der Nacht auf Sonntag beschossen mutmassliche PKK-Mitglieder eine Polizeiwache auf dem Flughafengelände von Diyarbakir. Tote und Verletzte gab es keine. Nach einer kurzen Unterbrechung wegen Ermittlungen sei der Flugverkehr wieder aufgenommen worden, meldete die staatliche Informationsagentur Anadolu. Am Freitag hatte ein kurdischer Selbstmordattentäter im Südosten der Türkei sein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in einen Kontrollposten gesteuert. Dabei kamen elf Polizisten ums Leben. 78 weitere Personen wurden verletzt.