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Dmitri Medwedew: Hohn und Spott für Putins Blitzableiter

von Daniel Wechlin / 15.08.2016

Wieder einmal stolpert Dmitri Medwedew von einem Fauxpas zum nächsten. Doch was vielerorts als Schwäche gilt, ist wohl gerade die grösste Stärke des russischen Ministerpräsidenten.

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew stolpert von einem Fauxpas zum nächsten. Angesprochen von einer aufgebrachten Pensionärin auf ihre niedrige Rente, entgegnete ihr der 50-Jährige kürzlich schlicht: „Wir haben kein Geld. Halten Sie durch!“ Nicht weniger ungeschickt reagierte er später auf die Frage eines Lehrers, warum der Lohn für seinen Berufsstand in Russland so tief sei. Der Lehrerberuf sei Berufung, und wer Geld verdienen wolle, solle in die Wirtschaft gehen, sagte Medwedew.

Im Internet verbreitete sich die Empörung über Medwedew in Windeseile. Eine Online-Petition fordert seinen Rücktritt. Gerüchte kursieren über eine mögliche Auswechslung, etwa mit dem einstigen Finanzminister Alexei Kudrin. Für Medwedew ist dies indes ein bekannter Zustand. Seit Jahren verfügen er und sein Kabinett über miserable Umfragewerte. Vor laufender Kamera mimt er zwar Souveränität. Doch immer neue Peinlichkeiten, etwa ein Fast-Unfall mit einer Luxuslimousine – Medwedew vergass die Automatik in den Parkier-Modus zu stellen – oder wüste Beleidigungen von Behördenvertretern mit anschliessendem kleinlautem Zurückkrebsen, lassen regelmässig Hohn und Spott über ihn hereinbrechen.

Äusserungen des Kremls, Medwedew sei vor den Dumawahlen von Mitte September gezielt Opfer einer Kampagne geworden, verstärken dabei nur den Eindruck von einer Person ohne Durchsetzungsvermögen, eigenständiges Profil und Sendungsbewusstsein. Dazu trägt auch bei, dass sich der um ein liberales Image bemühte Medwedew durch den Ämtertausch mit Putin vor vier Jahren in den Augen vieler Russen vollständig diskreditiert hat. Was jedoch vielerorts als Schwäche ausgelegt wird, ist wohl gerade Medwedews grösste Stärke. Derzeit scheint sein politischer Zweck vor allem darin zu bestehen, sämtliche Frustrationen der Bevölkerung auf sich zu vereinen beziehungsweise von seinem Mentor Putin abzulenken. In diese Rolle fügt sich der Regierungschef stoisch. Die ständig wiederkehrenden Unkenrufe müssen so noch lange nicht Medwedews politisches Ende bedeuten.