Laurent Cipriani / AP

Anschlag von Nizza

Ein Angeber ohne religiöse Tradition

von Rudolf Balmer / 17.07.2016

Mohamed Lahouaiej Bouhlel war den Nachbarn nie als religiös aufgefallen. Falls er sich radikalisiert hatte, muss dies innert wenigen Wochen passiert sein. Sein Vater berichtet hingegen von Wutanfällen.

Der Attentäter von Nizza entspricht nicht dem Profil der bisher in Frankreich bekannten Terroristen. Sein Werdegang ist zumindest untypisch. Laut dem französischen Kriminologen Alain Bauer ist es das erste Mal seit 1995, dass ein des islamischen Terrorismus Verdächtiger vor der Tat nicht von den Nachrichtendiensten ausgemacht werden konnte. Er wurde von keiner Dienststelle wegen Sympathien für den Jihad überwacht, der Justiz war er jedoch wegen einer Verurteilung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung bekannt. Er war bei einer Auseinandersetzung mit einem Automobilisten im Januar gewalttätig geworden.

Inwiefern der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel Kontakte zu islamistischen Gruppen oder namentlich zur Terrormiliz IS hatte, bleibt für die Ermittler in Nizza immer noch zu beweisen. Premierminister Valls vermutet aufgrund der bisherigen Erkenntnisse, es hätte sich um eine „sehr rasche Radikalisierung“ handeln müssen. Bei der Befragung seiner Ex-Frau, die von Bouhlel wegen seiner Gewalttätigkeit getrennt lebte, und im Verhör von sechs anderen Personen ist die Polizei zum Schluss gekommen, dass er sich vor weniger als zwei Wochen radikalisiert haben könnte. Er habe seither keinen Alkohol mehr konsumiert.

Das überrascht die von den Medien befragten Nachbarn, die durchwegs sagen, Bouhlel sei nie ein praktizierender Gläubiger gewesen, er habe weder gebetet noch die Fastenzeit respektiert. In einem Sportklub, den er zum Muskeltraining besuchte, erinnert man sich an einen „Angeber“ und notorischen „Anmacher“. Auch sein in Tunesien lebender Vater sagt, sein Sohn habe nie eine Beziehung zur Religion gehabt. Dagegen berichtet er von Wutanfällen seines Sohnes.

Der tunesische Arzt, der ihn 2004 ein einziges Mal untersucht hatte, spricht von „Charakter- und Verhaltensstörungen“, die auf den Beginn einer Psychose hindeuten konnten. Er habe ihm ein Neuroleptikum verschrieben, das gewöhnlich in der Therapie chronisch schizophrener Symptome verwendet wird. Es entziehe sich aber seiner Kenntnis, ob Bouhlel das Medikament danach wie empfohlen eingenommen habe. Der Mediziner sagte zu der Tat: „Selbst im Fall einer Psychose braucht es bestimmt irgendwo eine Indoktrinierung für einen solchen Hemmungsverlust und eine derart grausame Tat.“

Klar ist bis anhin erst, dass Bouhlel seine Tat seit Tagen minuziös vorbereitet hatte. Den Lastwagen hatte er lange im Voraus bei einer Vermietungsfirma bestellt. Auch hatte er seine Bankkonten aufgelöst und sein Auto verkauft. Die Suche nach psychiatrischen oder ideologischen Hinweisen geht indes weiter.