Eric Gaillard / Reuters

Anschlag in Nizza

Ein einsamer Wolf des Dschihads?

von Christian Weisflog / 15.07.2016

Über den Attentäter von Nizza ist bisher wenig bekannt, alles deutet aber auf eine Einzeltat durch einen sogenannten „Lone Wolf“ hin. Der IS hat seine Anhänger wiederholt zu solchen Anschlägen aufgerufen. Von der Kaida gibt es eine Anleitung im Internet dazu.

Tunesische Wurzeln, 31-jährig, kleinkriminell, wohnhaft in Nizza. Das ist praktisch alles, was bisher über den Attentäter vom 14. Juli bekannt ist. Ob er aus islamistischer Überzeugung gehandelt hat, auch darüber gibt es noch keine Gewissheit. Die bisherigen Indizien lassen indes die terroristische Tat eines Einzeltäters, eines „Lone Wolf“, vermuten.

Der Sprecher der Terrormiliz Islamischer Staat, Abu Mohammed al-Adnani, hatte die „Soldaten des Kalifen“ bereits vor knapp zwei Jahren in einem Video dazu aufgerufen, die „Ungläubigen“ mit überall, jederzeit und mit allen möglichen Methoden zu töten: „Wenn ihr keine Bombe zünden oder Kugeln abfeuern könnt, versucht alleine einen Franzosen oder Amerikaner zu finden und zerschlagt ihm den Kopf mit einem Stein, sticht ihn mit einem Messer nieder, fahrt ihn mit eurem Auto um, werft ihn über eine Klippe, erdrosselt oder vergiftet ihn.“

Nach dem Attentat am Flughafen in Brüssel im März hatten Jugendliche in vor allem von Muslimen bewohnten Bezirk Molenbeek SMS-Nachrichten erhalten, die sie zu terroristischen Handlungen aufforderten: „Mein Bruder, warum nicht die Westler bekämpfen? Triff die richtige Entscheidung in deinem Leben.“

Zu Beginn dieses Jahres tauchte im Internet eine Anleitung für „Lone Wolf Mujahideen“ und kleine Zellen im Internet auf. Es handelt sich um eine englische Übersetzung und Zusammenfassung eines älteren Dokuments der Kaida. Beim ursprünglichen Autor handelt es sich um Abu Ubayda Abdullah al-Adm, den ehemaligen „Geheimdienstchef“ des Terrornetzwerks, der 2013 bei einem Drohnenangriff in Pakistan getötet worden sein soll.

In dem 62-seitigen Leitfaden finden Einzeltäter umfangreiche Verhaltensanweisungen für ein erfolgreiches Komplott. Diese gehen vom sicheren Umgang mit Information, über die Auswahl eines Unterschlupfs bis zu Kleidervorschriften: Es sei besser, keinen Bart zu tragen, nicht zu oft eine Moschee zu besuchen und keine Wörter zu benützen, die „religiöse Brüder“ gewöhnlich verwenden, lauten einige der Tipps.

Die Geheimdienste gingen allerdings kurz nach dem Anschlag von Brüssel auch davon aus, dass nicht nur Gefahr von einsamen Wölfen droht. Der IS hat schätzungsweise zwischen 400 bis 600 Kämpfer trainiert, um Anschläge in Europa zu verüben. Der Kopf der Pariser Anschläge im vergangenen November, Abdelhamid Abaaoud, prahlte damit, dass in Europa rund 90 trainierte Schläfer plaziert sein, die jederzeit zu schlagen könnten.

Es wird sich noch zeigen müssen, inwiefern der Attentäter von Nizza wirklich allein gehandelt hat, oder ob er doch logistische Unterstützung vom IS bekam. Der Anschlag scheint allerdings die Warnungen zu bestätigen, dass die Terrorgefahr in Europa längst nicht gebannt ist, obwohl das sogenannte Kalifat des IS in Syrien und im Irak zerbröckelt. Umso mehr dürfte mittelfristig die Gefahr durch Rückkehrer und radikalisierte Jugendliche zunehmen, die nicht mehr in den Jihad in den Nahen Osten ziehen konnten.