Bosso Vincenzo/PD

Ein Friedhof für ertrunkene Migranten

von Andrea Spalinger / 10.08.2016

Im Zweiten Weltkrieg verhielten sich die Bewohner von Tarsia jüdischen Internierten gegenüber ungewöhnlich solidarisch. Nun wollen sie auch dem Flüchtlingselend Menschlichkeit entgegensetzen.

Den Tausenden von Flüchtlingen und Migranten, die jede Woche in Libyen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in alte Fischkutter und Gummiboote steigen, würde nie in den Sinn kommen, dass sie an einem Ort wie Tarsia landen könnten. Sie träumen von Berlin oder Stockholm, nicht von einem 2000-Seelen-Nest im Norden Kalabriens. All jene, die bei der Überfahrt ertrinken und geborgen werden, dürften hier aber künftig ihre letzte Ruhestätte finden.

Ein besessener Aktivist

Franco Corbelli, Aktivist für Menschenrechte. (Bild: PD)

Franco Corbelli kämpft seit drei Jahren für dieses Projekt. Aufgerüttelt hat den 59-jährigen Menschenrechtsaktivisten und Berufsschullehrer die Tragödie vor Lampedusa am 3. Oktober 2013, bei der fast 400 Bootsflüchtlinge aus Eritrea und Somalia ums Leben kamen. Der Präsident der Nichtregierungsorganisation „Diritti Civili“ hat schockiert mitverfolgt, wie die Leichen mit Nummern versehen und über die lokalen Friedhöfe verteilt beigesetzt wurden. „Wenigstens im Tode müssen wir diesen armen Seelen Würde und Respekt zurückgeben“, sagt er. „Wir müssen die Erinnerung an ihre Existenz wachhalten und einen Ort schaffen, an dem wir der unglaublichen Tragödie gedenken können, die sich derzeit vor unserer Haustüre abspielt.“

Im laufenden Jahr sind laut der Statistik der International Organization for Migration (IOM) bereits 3034 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrunken oder verschollen. Seit 2014 waren es insgesamt 9986. Die meisten Opfer verschwinden einfach in der Tiefe des Meeres. Doch selbst jene, deren Leichen von Rettungskräften geborgen werden, können oft nicht identifiziert werden. Von 2145 der 3034 Opfer in diesem Jahr kennt die IOM nicht einmal das Herkunftsland. Ein Team von Gerichtsmedizinern versucht zwar, die Identität eines Teils der Todesopfer zu eruieren, die in Italien an Land gebracht werden. Doch dies ist schwierig und in vielen Fällen gar unmöglich. Die meisten der überführten Leichen werden deshalb ohne Namen in Küstenorten begraben.

„Diese Menschen haben Eltern, Geschwister oder gar Kinder, die später vielleicht einmal nach ihnen suchen werden“, ereifert sich Corbelli. „Doch wenn sie auf Friedhöfe in ganz Süditalien verteilt werden, haben ihre Liebsten keine Chance, sie je zu finden.“ Dem Menschenrechtsaktivisten kam deshalb die Idee eines grossen Friedhofs für Migranten. So hätten die Angehörigen wenigsten einen Anlaufort, an dem sie eine Blume niederlegen oder ein Gebet sprechen könnten, erklärt er. Zudem würde es dies auch einfacher machen, später einmal DNA-Proben der Opfer zu nehmen, wenn ein Bedürfnis bestehe.

Im jungen Bürgermeister von Tarsia fand Corbelli einen begeisterten Mitstreiter. Die Gemeinde in der Provinz Cosenza im Norden Kalabriens liegt in einem malerischen Flusstal. Die Bewohner leben mehrheitlich von Viehzucht und Landwirtschaft. Sie halten Rinder und Schafe oder bauen Oliven, Weizen und Obst an. Wie in den meisten ländlichen Regionen Süditaliens ist Überalterung ein Problem, weil in den letzten Jahrzehnten viele junge Leute auf der Suche nach Arbeit abgewandert sind.

Roberto Ameruso, Bürgermeister von Tarsia. (Bild: PD)

Wieso aber sollte ausgerechnet ein so verschlafenes Kaff tote Eritreer, Somalier, Nigerianer und Afghanen aufnehmen? Tarsia sei wegen seiner Geschichte prädestiniert dafür, erklärt der Bürgermeister Roberto Ameruso. Während des Zweiten Weltkriegs hätten die Bewohner im Umgang mit jüdischen Gefangenen im nahe gelegenen faschistischen Internierungslager Zivilcourage demonstriert, erzählt der 37-Jährige (siehe Kasten). „Wir sind hier alle mit dieser Geschichte gross geworden. Wir haben Menschlichkeit und Solidarität sozusagen in unseren Genen“, sagt er und lacht. „Doch dürfen wir nicht in Erinnerungen schwelgen, sondern müssen dazu beitragen, dass es so bleibt. Das Projekt des Friedhofs scheint mir dafür ideal.“

Ameruso macht einen zupackenden und kompetenten Eindruck. Er war als Anwalt tätig, bevor er vor zwei Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde. Gerade in diesen düsteren Zeiten sei es wichtig, ein Licht der Hoffnung anzuzünden und mit einem positiven Beispiel voranzugehen, sagt er. Natürlich habe es auch Widerstand und Bedenken gegeben. Doch habe man diese in Gesprächen ausräumen können. Die Gemeinde stehe heute geschlossen hinter dem Projekt, meint er zuversichtlich.

Ruhe und Idylle

Ihre letzte Ruhe sollen die Migranten auf einem Hügel am Fusse des Ortskerns finden, direkt neben dem alten Friedhof von Tarsia. Corbelli führt uns herum und macht uns stolz darauf aufmerksam, dass verstorbene jüdische Lagerinsassen vor siebzig Jahren hier direkt neben den Dörflern bestattet worden seien. So soll es bleiben. Auch auf dem neuen Friedhof werden Bootsflüchtlinge und Einheimische nebeneinander begraben. „Unser Projekt soll die Menschen im Tode vereinen und niemanden diskriminieren“, sagt Corbelli.

Der Ort, an dem der Friedhof bald stehen wird, wirkt friedvoll und idyllisch. Man hat einen wunderbaren Blick über Felder und Olivenhaine bis hinunter ins Flusstal auf einen kleinen künstlichen See. Ausser dem Zirpen der Grillen und dem Zwitschern der Vögel ist nichts zu hören. Vorerst soll die neue Anlage 10 000 Quadratmeter umfassen. Das heisst, es könnten bis zu 2000 Migranten hier begraben werden. Wenn die Frequenz der Tragödien anhalte, würde das Limit allerdings schnell einmal erreicht, befürchtet der Aktivist Franco Corbelli. Doch in diesem Fall besteht die Möglichkeit, den Friedhof auszubauen, weil das Grundstück insgesamt etwa dreimal so gross ist.

Vor einem Jahr hat das örtliche Planungsbüro das Projekt fertig geplant. Der Erwerb des Grundstücks und die Errichtung des Friedhofs werden demnach rund vier Millionen Euro kosten. Hinzu kommen die laufenden Kosten für Unterhalt, Transport der Leichen und Begräbnisse. Doch Tarsia ist eine mittellose ländliche Gemeinde und könnte das Projekt finanziell nie stemmen. Umso mehr, als die Budgets der Gemeinden während der Krise der letzten Jahre noch einmal drastisch gekürzt worden sind.

Die Region Kalabrien und das Innenministerium in Rom begrüssten die Initiative schon vor längerer Zeit und sagten Hilfe zu. Bürokratische Hürden haben den Baubeginn aber immer wieder verzögert. Ende Juli hat der Präsident der Region, Mario Oliverio, bei einem Besuch vor Ort nun aber endlich konkrete finanzielle Zusagen gemacht, und die Bauarbeiten können beginnen. Laut dem Verantwortlichen des Planungsbüros, Francesco Sansone, hat man in Tarsia alles von langer Hand vorbereitet, und das Projekt dürfte bereits in ein paar Monaten abgeschlossen sein.

Einige wichtige Fragen sind noch offen. Unter anderem, wie die Leichen bestattet werden sollen. Weil sich unter den Opfern Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionen befinden, ist die Gemeinde im Gespräch mit Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften. Geprüft wird auch die Möglichkeit von Kremationen, weil dies die Bestattung von viel mehr Opfern ermöglichen würde. Doch ein solcher Entscheid ist alles andere als einfach. „Von vielen Opfern wissen wir nicht, wer sie sind und woher sie kommen“, sagt Ameruso. „Ich betrachte dies deshalb weniger als eine religiöse Aufgabe denn als ein Werk purer Menschlichkeit.“

Hoffen auf den Papst

Der Vater des Projekts hofft, dass der Friedhof am 3. Oktober, dem Jahrestag des Bootsunglücks vor Lampedusa, eingeweiht werden kann. Und er träumt von hohem Besuch. Neben vielen Politikern habe auch Papst Franziskus ausrichten lassen, dass er dieses Projekt sehr schätze, sagt Corbelli stolz. Dem Papst liege das Schicksal der Migranten am Herzen. Vielleicht werde er ja persönlich zur Einweihung kommen. Die grosse Herausforderung aber ist, dass Tarsia nach diesem Tag nicht zu einem riesigen Friedhof in der Pampa verkommt und längerfristig zu einem Monument der Besinnung wird. „Der Friedhof soll uns zum Nachdenken und zu kritischen Fragen ermuntern“, sagt Corbelli. „Ich wünsche mir, dass seinetwegen künftig Staatsbesuche aus aller Welt und Schulklassen aus ganz Europa einen Abstecher nach Kalabrien machen werden.“ Eine positive Fussnote in einem dunklen GeschichtskapitelUnter dem faschistischen Regime von Benito Mussolini stand am Fusse von Tarsia das grösste Internierungslager Italiens. Über 2000 Zivilisten waren zwischen 1940 und 1943 im Campo Ferramonti untergebracht. Rund drei Viertel von ihnen waren ausländische Juden, die auf ihrer Flucht durch Europa von italienischen Sicherheitskräften aufgegriffen worden waren. Daneben wurden auch italienische Regimegegner interniert. Gebaut wurde die Anlage nach dem Vorbild deutscher Konzentrationslager, und der Plan war, die Juden später nach Deutschland zu deportieren. Glücklicherweise kam es nie so weit. Nach der Absetzung Mussolinis und dem Einmarsch der Alliierten wurde das Lager 1943 von britischen Truppen befreit.Das Leben im Lager war hart. Das Flusstal war malariaverseucht, und viele Insassen starben am Sumpffieber. Wegen kriegsbedingter Versorgungsengpässe und Lebensmittelrationierungen litten die Internierten ab 1942 auch an Hunger. Dennoch war das kalabresische Lager kein Ort des Schreckens wie die meisten anderen. Die Leitung war gemässigt und liess den Internierten einige Freiheit. Sie gewährte jüdischen Hilfsorganisationen Zugang und stellte Räumlichkeiten für Kantinen, eine Bibliothek und drei Synagogen zu Verfügung. Die Kinder erhielten Schulunterricht, und es fanden Konzerte sowie andere kulturelle Veranstaltungen statt. Ungewöhnlich war vor allem die Solidarität und Gastfreundschaft der lokalen Bevölkerung. Die Internierten wurden versorgt und unterstützt und von den Dörflern immer wieder nach Hause eingeladen.In Tarsia ist man stolz darauf, als positive Fussnote in dieses traurige Kapitel der Geschichte eingegangen zu sein. Auf dem Schild am Ortseingang steht „Tarsia – Terra di Pace e Solidarietà“ (Land des Friedens und der Solidarität). Auf dem ehemaligen Lagergelände ist eine Informations- und Gedenkstätte entstanden, die von Schulklassen aus ganz Italien frequentiert wird. In den letzten Jahrzehnten haben auch viele ehemalige jüdische Häftlinge die Gemeinde besucht.