AP Photo/Gregorio Borgia

Reportage

Ein ganzes Dorf ist obdachlos

von Andrea Spalinger / 26.08.2016

Die Zahl der Opfer steigt weiter: Allein in Amatrice sind bisher 193 Leichen geborgen worden. Tausende von Rettungskräften suchen in den Trümmern noch nach Überlebenden. Doch die Hoffnungen schwinden.

Zumindest an Rettungskräften mangelt es nicht in Amatrice: Aus allen Ecken Italiens sind Feuerwehrmänner, Zivilschützer, Polizisten, Retter von Alpenkorps mit Spürhunden und Helfer des Roten Kreuzes sowie vieler anderer Nothilfeorganisationen angerückt. In der vom Erdbeben in der Nacht auf Mittwoch schwer getroffenen Berggemeinde im zentralen Apennin wimmelt es am Donnerstag von Menschen, die helfen wollen. Selbst der italienische Bauernverband hat Lastwagen voller Obst, Gemüse und Olivenöl geschickt. Und Privatpersonen aus Rom, Pescara und Perugia haben Wolldecken, Kleider, Milch und Konserven für die Überlebenden gebracht.

Zahlreiche Vermisste

Absolute Priorität hat für die Tausenden von Rettungskräften auch am Donnerstag noch die Bergung von Verschütteten. Luca Cari, der Sprecher der Feuerwehr, erklärte gegenüber der NZZ, man habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Nach dem schweren Erdbeben in L’Aquila 2009 hätten noch 72 Stunden später Opfer lebend geborgen werden können. Die Chancen würden aber immer kleiner – und seit Mittwochabend habe man nur noch Tote gefunden.

Die Zahl der Todesopfer ist in der Zwischenzeit allein in Amatrice auf 193 gestiegen. Insgesamt sind in den betroffenen Gemeinden Amatrice und Accumoli in Latium und Aquarta und Pescara del Tronto in den Marken bisher mehr als 250 Leichen geborgen worden. Da noch viele Menschen vermisst werden, dürfte die Zahl in den kommenden Tagen aber aller Voraussicht nach leider noch deutlich ansteigen. Die Regierungen in Bukarest und Madrid teilten am Donnerstag mit, dass auch fünf Rumänen und ein Spanier bei dem Beben umgekommen seien.

Auf einem Feld am südlichen Eingang von Amatrice stehen drei Helikopter, mit denen Schwerverletzte in Spitäler gebracht werden können. Am Mittwoch waren rund hundert Personen aus der Berggemeinde in umliegende Krankenhäuser eingeliefert worden. Doch am Donnerstag kommen weder die drei Helikopter noch die vielen Ambulanzen zum Einsatz. Eine Krankenschwester des Roten Kreuzes, die nebenan in einem Zelt auf Patienten wartet, meint niedergeschlagen, leider habe man momentan kaum mehr etwas zu tun. Die meisten Menschen, die verschüttet worden seien, hätten offenbar nicht überlebt.

Da das lokale Spital zerstört ist, werden die Leichen zur Identifizierung auf einen grossen Sportplatz gebracht. Der vollkommen zerstörte Ortskern ist in der Zwischenzeit weiträumig abgesperrt worden, damit die Rettungskräfte ungestört arbeiten können. Journalisten wird wohl auch aus Pietätsgründen kein Zugang zu dem Gebiet mehr gewährt. Aber auch Bewohner werden nicht mehr in die verwüstete Zone hineingelassen. Viele stehen wie die Rentnerin Rosaria Franceschi an der Schranke und reden eindringlich auf die Polizisten ein, sie doch bitte durchzulassen. Rosaria und ihr Mann waren zum Zeitpunkt des Unglücks bei Verwandten auf dem Land. Von Bekannten wissen sie, dass ihre Wohnung zerstört ist. Doch sie möchten natürlich nachsehen, ob wenigstens noch etwas von ihrem Hausrat zu retten ist.

„Mein Barbier ist tot, mein Zeitungsverkäufer, meine
Marktfrau. Es ist, als wäre unser Leben ausgelöscht.“ – Roberto Alimenti, Rentner

Das bare Entsetzen und die verzweifelten Schreie der ersten Stunden sind konsternierter Verzweiflung und stiller Trauer gewichen. An jeder Ecke stehen Menschen, die weinen oder mit leerem Blick vor sich hin starren. Mit leiser Stimme und Tränen in den Augen erzählen die Bewohner einander auf der Strasse, welche Angehörigen und Bekannten bei dem Erdbeben umgekommen sind.

Obdachlos geworden sind ausnahmslos alle Bewohner von Amatrice. Ein Grossteil der historischen Bauten ist in sich zusammengefallen, aber auch viele neuere Gebäude im Zentrum der Gemeinde sind schwer beschädigt. Und selbst jene, die noch stehen, weisen beunruhigende Risse auf. Weil es auch am Donnerstag noch zahlreiche Nachbeben gab, ist die Angst vor weiteren Einstürzen gross. „Ich habe entschieden, dass niemand in seine Wohnung oder sein Haus zurück darf, bevor die Situation von Ingenieuren geprüft worden ist“, sagt der Bürgermeister, Sergio Pirozzi. „Das Risiko ist schlicht zu gross.“

Nicht nur das Spital von Amatrice wurde zerstört, auch die Schule, der Polizeiposten, das Altersheim und das Gemeindehaus sind unbrauchbar geworden. Pirozzi arbeitet derzeit in einer behelfsmässig eingerichteten Baracke auf dem Spielplatz vor dem eingestürzten Gemeindehaus. Er habe nicht nur seinen Arbeitsplatz und sein Zuhause verloren, sondern auch einige seiner Mitarbeiter, sagt der Bürgermeister im Gespräch.

Ans Aufgeben will er dennoch nicht denken. „Wir sind hartgesottene Bergler und können einiges wegstecken“, sagt Pirozzi. „Ohne massive Hilfe von aussen werden wir es allerdings nicht schaffen.“ Am Mittwoch hatte der Bürgermeister von Amatrice einen dramatischen Appell an die Regierung in Rom gerichtet: „Unsere Gemeinde gibt es nicht mehr. Wir brauchen dringend Hilfe!“ Ministerpräsident Matteo Renzi sagte dem Bürgermeister bei einem Kurzbesuch am Abend volle Unterstützung zu. Nun hofft Sergio Pirozzi, dass die italienische Regierung dieses Versprechen auch hält. „Wir Italiener sind sehr gut in der Nothilfe“, sagt er. Nach dem Erdbeben wurde hier innert weniger Stunden eine unglaubliche Rettungsmaschinerie in Bewegung gesetzt. Doch danach fehlt es leider oft an Entschlossenheit.

Volksfest der Pasta

Amatrice besteht aus einem historischen Ortskern und 69 kleinen Weilern in der Umgebung. Vor der Katastrophe zählte die Gemeinde 2634 Einwohner. Doch im Sommer halten sich laut Pirozzi hier jeweils sehr viel mehr Menschen auf. Zum einen besuchen dann viele ihre Verwandten, zum anderen ist die kühle und landschaftlich atemberaubend schöne Bergregion auch bei einheimischen Touristen beliebt.

In den Hotels und Herbergen von Amatrice hat es mehr als tausend Gästebetten gegeben. Und am Tag des Erdbebens war der Ort besonders voll, weil die „Sagra della Pasta“ („Volksfest der Pasta“) am kommenden Wochenende gefeiert werden sollte. Aus Amatrice stammen nämlich die berühmten Bucatini all’amatriciana, und das alljährliche Volksfest erfreut sich sehr grosser Beliebtheit. Nicht zuletzt deshalb befinden sich unter den Opfern des Bebens leider auch viele Kinder und Jugendliche.

Die Besucher sind nach dem schrecklichen Unglück abgereist, und auch viele Bewohner sind zu Verwandten in anderen Regionen geflüchtet. Laut dem Bürgermeister sind nur noch etwa 1200 Einwohner da und müssen in Notunterkünften untergebracht werden. Auf verschiedenen Sportplätzen sind Zeltstädte eingerichtet worden. Mittlerweile gebe es genug Platz für alle Obdachlosen, sagt Damiano Pace, der für den regionalen Zivilschutz arbeitet.

Der Bürgermeister sagt, man wolle zur mittelfristigen Unterbringung kein grosses Lager bauen, sondern dezentral in den einzelnen Weilern für die Familien Holzbaracken aufstellen. Die Leute könnten nicht ewig in Zelten leben, sagt er. Zudem müssten auch die Schule und das Spital so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden.

Skeptische Obdachlose

Roberto Alimenti ist mit seiner Frau im grossen Zeltlager hinter dem zerstörten Gemeindehaus untergekommen. Der 71-Jährige wurde wie die meisten hier vom Erdbeben aus dem Schlaf gerissen. Als Erstes sei er verzweifelt zum Haus seiner Tochter gerannt, um zu sehen ob sie und die beiden kleinen Enkel wohlauf seien. Seine Familie habe Glück gehabt, sagt der pensionierte Maurer. Sie hätten alle überlebt. Dann fügt er mit tränenerstickter Stimme bei, er habe sehr viel Freunde und Bekannte verloren. „Es ist schrecklich. Ich bin in Amatrice aufgewachsen und alt geworden. Ich kenne hier jeden. Fast all unsere Nachbarn sind umgekommen und zwei meiner besten Freunde. Mein Barbier ist tot, mein Zeitungsverkäufer ist tot und auch die Marktfrau, bei der ich jeden Tag eingekauft habe. Es ist, als wäre unser Leben ausgelöscht worden.“

„Niemand darf in seine Wohnung oder sein Haus zurück – das
Risiko istschlicht zu gross.“ – Sergio Pirozzi, Bürgermeister

Robertos Haus im Zentrum wurde vollkommen zerstört. Die Familie hat ihr ganzes Hab und Gut verloren. Er besitze keine Kleider mehr ausser dem weissen Unterhemd und der Jeans, die er trage. Im Zelt sei es nachts zu kalt und tagsüber zu heiss, klagt er. Roberto hat keine grosse Hoffnung, dass er bald in einen Container oder gar in ein provisorisches Haus umziehen kann. „In L’Aquila sind die Wiederaufbauarbeiten sieben Jahre nach dem grossen Beben noch immer nicht abgeschlossen. Ich mache mir keine Illusionen, es wird hier nicht schneller gehen.“ Renzi habe viel versprochen, doch dem glaube er nichts, sagt er. Am Anfang werde immer viel versprochen – und dann geschehe nichts.