Ein Jahr deutsche „Willkommenskultur“: Ernüchterung statt Wirtschaftswunder

von Christoph Eisenring / 07.09.2016

Deutschland beherbergt über eine Million Flüchtlinge. Sie kamen nicht, um den deutschen Fachkräftemangel zu lösen. Die Integration steht denn auch am Anfang – und wird das Land mindestens ein Jahrzehnt beschäftigen.

Vor einem Jahr hat sich die deutsche Kanzlerin Merkel entschieden, die in Budapest blockierten Flüchtlinge aufzunehmen. Innert weniger Monate kamen Hunderttausende Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisenländern nach Deutschland. Von der anfänglichen Euphorie wurden auch Teile der Wirtschaft erfasst. Im September 2015 sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche, dass die Flüchtlinge eine Grundlage für das nächste Wirtschaftswunder sein könnten. Wer sein komplettes Leben zurücklasse, sei hoch motiviert. Und solche Leute suche Mercedes. Als die „FAZ“ aber Anfang Juli bei Daimler nachfragte, hatte die Firma gerade einmal neun Flüchtlinge eingestellt. Deutschland ist im Alltag angekommen, wie die wirtschaftliche Bilanz nach einem Jahr deutlich macht.

Etwa jeder Zehnte beschäftigt

Wie viele Flüchtlinge hat Deutschland aufgenommen – und wie viele kommen derzeit noch ins Land?

In Deutschland wurden 2015 rund 1,1 Millionen Flüchtlinge erfasst. Davon reiste ein Teil weiter oder in die Herkunftsländer zurück, so dass von netto 900 000 Flüchtlingen ausgegangen wird. Durch die Schliessung der Balkanroute sowie das Abkommen der EU mit der Türkei ist die Zahl seit Jahresbeginn stark gesunken. Seit April kommen monatlich noch etwa 16 000 Flüchtlinge. Im laufenden Jahr dürften es 300 000 bis 400 000 sein.

Die starke Zuwanderung hat dazu geführt, dass die Behörden einen Berg von Asylanträgen vor sich herschieben. Im Juli waren 526 000 Asylverfahren unerledigt. Dazu kommen 250 000 Flüchtlinge, die noch nicht einmal als Asylbewerber registriert sind. Je länger die Bearbeitung jedoch dauert, desto schwieriger wird die Integration in den Arbeitsmarkt. Firmen brauchen Rechtssicherheit über den Aufenthaltsstatus, bevor sie Flüchtlinge einstellen.

Wie viele der Flüchtlinge haben eine Stelle gefunden?

Die Zahl der Beschäftigten aus den Kriegs- und Krisenländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia, Syrien) hat im Juni 2016 gegenüber dem Vorjahr um 34 000 zugenommen. Deutsche Medien titelten in diesem Zusammenhang, dass Tausende Flüchtlinge Stellen fänden. Dies suggeriert ein viel zu rosiges Bild. Denn nur 15% von Angehörigen aus diesen Staaten waren überhaupt beschäftigt.

Die Integration in den Arbeitsmarkt steht somit erst am Anfang – und wird ein Marathonlauf. Dafür spricht die Erfahrung mit Flüchtlingen aus der Vergangenheit: Im ersten Jahr nach dem Zuzug war nur jeder zehnte beschäftigt. Erst nach 15 Jahren waren es 70%, was etwa dem Wert der übrigen Einwanderer entspricht. Der Median-Lohn (die Hälfte verdient mehr, die Hälfte weniger) von Zuwanderern, die als Asylbewerber ins Land kamen, lag zudem nach zehn Jahren im Schnitt bei etwa 80% desjenigen von Einheimischen.

Vor allem für Hilfsjobs geeignet

Wie gut sind die Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt gerüstet?

Erst im Herbst 2016 wird eine repräsentative Erhebung zur Qualifikation vorliegen. Doch der syrische Arzt wird eine Ausnahme bleiben, so viel steht fest. Hinweise liefern Daten von Jobcentern und Arbeitsagenturen. Von den im August 346 000 registrierten Flüchtlingen, die eine Arbeit suchen, hatten rund 70% keine formale Berufsausbildung (allerdings haben die wenigsten Länder ein Lehrlingswesen wie Deutschland oder die Schweiz). Einen akademischen Abschluss hatte knapp jeder zehnte. Zwar gab jeder vierte an, dass er eine Matur habe, doch gut ein Viertel hat gleichzeitig nicht einmal die Hauptschule abgeschlossen.

Im Beratungsgespräch legen die Behörden und Arbeitssuchenden auch einen Zielberuf fest. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommen 58% der Arbeitssuchenden für Hilfsjobs in Frage, 14% für fachliche Tätigkeiten und 4% seien als Experten geeignet. Zu einem Viertel gibt es keine Angaben.

Deutschland sollte sich jedenfalls von der Illusion lösen, dass Flüchtlinge den Fachkräftemangel beseitigen können. Immerhin sind viele Flüchtlinge noch jung, was sie für eine Ausbildung prädestiniert. Von den Bewerbern, die von Januar bis Juli 2016 einen Asylantrag stellten, waren 29% unter 16 Jahre.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zählte bis August 2016 rund 161 000 Teilnehmer an Integrationskursen. Auch die Vermittlung der deutschen Sprache steht damit erst am Anfang. Um aber am Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, sind Deutschkenntnisse unabdingbar. Laut statistischem Amt sind 77% der Zugewanderten (grösstenteils sind das nicht Flüchtlinge) mit fliessenden Deutschkenntnissen erwerbstätig, während dieser Anteil bei Personen, die nur Grundkenntnisse besitzen, bei 52% liegt.

Ohne Deutsch läuft nichts

Was macht der Staat, um die Flüchtlinge zu integrieren?

Anfang August ist das neue Integrationsgesetz in Kraft getreten. Demnach können Asylsuchende, die mit grosser Wahrscheinlichkeit aufgenommen werden – derzeit aus Syrien, Iran, Irak, Eritrea und Somalia – dazu verpflichtet werden, an Integrationskursen teilzunehmen. Verweigerern können die Leistungen gekürzt werden.

Erleichtert wird auch der Eintritt in den Arbeitsmarkt. So musste eine Firma bisher mit dem Arbeitsamt klären, ob eine Stelle nicht mit einem inländischen Arbeitslosen besetzt werden kann. Diese „Vorrangprüfung“ wird in Landkreisen, in denen der Arbeitsmarkt gut läuft, für zunächst drei Jahre ausgesetzt. Dies trifft auf 133 von 156 Kreisen zu. Eine wesentliche Hürde für Niedrigqualifizierte jedoch bleibt: der deutsche Mindestlohn.

Überfordern die Flüchtlinge das Gemeinwesen?

Die Unterbringung und Versorgung von einer Million Flüchtlingen kostet laut dem Münchner Ifo-Institut 12 Milliarden Euro pro Jahr. Dazu kommen noch die Ausgaben für die Ausbildung und Integration sowie den Ausbau der Infrastruktur. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt, dass im kommenden Jahr 3,5 Milliarden Euro für die Integration der Flüchtlinge in das deutsche Bildungssystem anfallen werden. So werden zusätzlich 98 500 Kita-Plätze benötigt sowie Lehrer für 200 000 Schüler. Ifo-Chef Clemens Fuest geht davon aus, dass Flüchtlinge im Schnitt mehr öffentlichen Leistungen beziehen als sie Steuern und Abgaben zahlen werden. Trotzdem solle man Geld in die Integration stecken – weil es sonst noch teurer werde.

Die unmittelbaren Kosten sind angesichts einer robusten Wirtschaft mit einer Jahresleistung von gut 3000 Milliarden Euro verkraftbar – sofern sich die Asylzahlen weiter normalisieren. Es sind vielmehr die kulturellen Unterschiede, das zeitweilige Gefühl des Kontrollverlusts, die Furcht vor einer Ghettobildung und Sicherheitsfragen, die den Deutschen zunehmend Sorge bereiten.