Privat

Montenegro

Ein Journalist stört

von Andreas Fussi / 22.09.2016

Für die Staatsanwaltschaft von Montenegro ist Jovo Martinovic Mitglied eines Drogenrings. Er selbst sagt, seine journalistischen Nachforschungen hätten ihn in die Unterwelt geführt.

Jovo Martinovic hat für einen der folgenreichsten „Scoops“ der letzten Jahre gesorgt: Die Enthüllung des – angeblichen – Handels der kosovo-albanischen Guerilla mit Organen verschleppter serbischer Zivilisten beruhte massgeblich auf Recherchen des montenegrinischen Journalisten. Diese bewirkten ein Verfahren gegen Angeklagte aus der kosovarischen Elite; ein Sondergericht in Den Haag befasst sich mit dem Fall.

Helfer im Schatten

Bei Recherchen zu serbischen Kriegsverbrechen an der albanischen Bevölkerung von Kosovo im Sommer 1999 war Martinovic auf Hinweise gestossen, dass die kosovo-albanische UCK-Guerilla nach Juni 1999 einen Organ-Schmuggelring betrieb. Martinovics Auftraggeber war der amerikanische Journalist Michael Montgomery. Weil vieles an der Organhandel-Geschichte unbelegbar blieb, wie Montgomery an einem Pressegespräch vor einem Jahr in Belgrad erklärte, verzichtete er damals auf die Publikation. Das Material ging 2003 ans Haager Kriegsverbrechertribunal.

Erst die Biografie der Chefanklägerin, Carla Del Ponte, machte 2008 die Vorwürfe publik. Das führte zwei Jahre später zum spektakulären Bericht von Dick Marty, dem Schweizer Rapporteur im Europarat, über mutmassliche Verbindungen der kosovarischen Elite zum organisierten Verbrechen. Anfang nächstes Jahr wird ein Spezialgericht in Den Haag den Vorwürfen gegen die UCK auf den Grund gehen. Dies alles wurde ausgelöst durch Martinovics und Montgomerys Recherchen.

Der Amerikaner wurde vielfach gerühmt und für seine Berichterstattung ausgezeichnet. Martinovic, der als Gehilfe (im Jargon Fixer oder Stringer) die Kärrnerarbeit geleistet hatte, blieb im Schatten. Doch ohne ihn wären die Recherchen unmöglich gewesen. Seine intime Kenntnis der Region, die Vermittlung von Informanten und die Interviews in deren Muttersprache waren notwendige Voraussetzungen. Im April sagte Montgomery, er habe Martinovics Beitrag zu den Recherchen aus Sorge um dessen Sicherheit nicht kenntlich gemacht. Dessen Name ist im Westen kaum bekannt, auch nicht dem am Balkan interessierten Publikum.

In der Unterwelt

Am 22. Oktober 2015 wurde Martinovic von der montenegrinischen Polizei verhaftet. Mira Samardzic, die Sonderstaatsanwältin für organisiertes Verbrechen, wirft ihm die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Drogenhandel vor. Seither haben sich viele seiner ehemaligen Arbeitgeber gemeldet und setzen sich für Martinovics Freilassung ein. Es sind Journalisten aus renommierten Häusern wie dem „Economist“, dem National Public Radio (USA), der „Financial Times“ oder der „Newsweek“. Sie alle bezeugen Martinovics Integrität und seine hohen beruflichen Massstäbe. Sie argumentieren, der Umgang mit der Unterwelt gehöre bei bestimmten Themen zwingend zum investigativen Journalismus.

Es entbehrt nicht der Ironie, dass erst nach seiner Verhaftung bekanntwird, wie viel westliche Journalisten diesem Stringer zu verdanken haben. Martinovics Rolle war massgeblich bei der journalistischen Aufdeckung schwerer serbischer und kosovarischer Kriegsverbrechen. Doch meist wurde seine Autorschaft – wenn überhaupt – nur am Rande erwähnt. Dieses quasikolonialistische Verhältnis zwischen westlichen Journalisten und ihren lokalen Helfern, die eigentlich Co-Autoren sind, ist durchaus die Regel. Meist gilt, dass die entscheidende Leistung des Stringers mit dem Honorar abgegolten ist.

Ob dieser prekäre Status Martinovic dazu verführt haben könnte, sich auf immer riskantere Untersuchungsmethoden einzulassen, ist offen. Genauso wie die Frage, ob er sich rechtlich etwas zuschulden kommen liess. Was lokale und internationale Journalistenverbände zum Protest veranlasst, ist die bald einjährige Untersuchungshaft, ohne dass auch nur das Datum des Prozesses feststünde. Die European Federation of Journalists und die International Federation of Journalists verlangen in einem Brief vom 2. September, dass Martinovic sich in Freiheit verteidigen dürfe.

Die Regierung stellt sich auf den Standpunkt, die zu beurteilenden Straftatbestände hätten mit Journalismus nichts zu tun; sie werde den Kampf gegen organisierte Kriminalität und Korruption verstärkt weiterführen.

Haschisch und Kalaschnikows

Laut Anklageschrift soll Martinovic 2015 mit Mitgliedern eines montenegrinisch-kroatisch-niederländischen Drogenrings in Kontakt gestanden sein. Für dessen Chef, Dusko Martinovic (nicht verwandt), ein ehemaliges Mitglied der Einbrecherbande Pink Panther, soll er im montenegrinischen Ulcinj einen Handel mit zwanzig Kilogramm Haschisch eingefädelt haben. Zudem habe er seinem Namensvetter eine angeblich abhörsichere Applikation für Internet-Telefonie aufs Smartphone geladen.

Martinovic arbeitete zur Zeit seiner Verhaftung für die französische Agentur Capa Presse an einem Film über Waffenschmuggel. Der Streifen, „La route de la kalachnikov“, wurde von Canal Plus im Januar ausgestrahlt. Für die gleiche Firma hatte er 2013 als Mitproduzent an einem Film über die Einbrecherbande Pink Panther gearbeitet. Dabei lernte er Dusko Martinovic kennen. Dieser behauptet jetzt, die Staatsanwaltschaft habe ihm eine Strafreduktion versprochen, falls er Jovo Martinovic wahrheitswidrig belaste. Die Untersuchungsrichterin dementiert das: Die Anklage gegen Jovo Martinovic stehe seit April. Es sei aber eine zweite Untersuchung im Gang, die Licht in seine Finanzen bringen solle.

Der ehemalige Korrespondent des Schweizer Radios SRF Walter Müller, der mit Martinovic seit 2001 mehrere Geschichten in Montenegro recherchiert hat, schildert ihn als kompetenten, gut vernetzten Journalisten, bescheiden im Auftreten, aber stolz auf seine umfassenden Verbindungen. Diese reichten von den Spitzen montenegrinischer Politik bis in die Kreise von Waffen-, Frauen- und Drogenhändlern. Dass sich Martinovic aus finanziellen Gründen auf illegale Machenschaften einlassen würde, kann sich Müller nicht vorstellen.

Djukanovics Imageproblem

Es ist kein Geheimnis, dass die politische Elite Montenegros wenig Freude an Martinovics Arbeit hat. Dass Montenegro in den westlichen Medien nicht nur als „wilde Schönheit“ erscheint, als die Tourismusvertreter es preisen, sondern auch als Hort von Korruption und Vetternwirtschaft, ist Journalisten wie Martinovic zu verdanken. Montenegro hat ein Imageproblem.

An der Spitze des Staates steht seit 25 Jahren Milo Djukanovic, als Präsident oder Ministerpräsident. Das Land wird demnächst Nato-Mitglied und führt mit der EU langwierige Beitrittsverhandlungen. Grosse Mühe hat das Regime mit der Medienfreiheit: Gewalt gegen Journalisten, hohe Geldstrafen nach Zivilklagen der Familie Djukanovic und Hetzkampagnen regierungsnaher Medien bedrängen seit vielen Jahren die unabhängige Presse. Auf dem Freedom-House-Index erscheint das Land als „teilweise frei“.