Ein Mord wie eine eiskalte Dusche für die Brexit-Debatte

von Markus M. Haefliger / 18.06.2016

Der Mord an der Labourabgeordneten Jo Cox wirkt auf den Brexit-Abstimmungskampf wie eine eiskalte Dusche. Die Briten sind in Bestürzung versunken – nirgends mehr als in dem Provinzstädtchen, wo Jo Cox gewirkt hatte und den Tod fand.

Die Einwohner von Birstall im Landkreis Yorkshire wissen nicht, wie ihnen geschehen ist. „Solche Dinge passieren bei uns nicht“, sagt Victoria Senior, eine verheiratete Mutter und Verwaltungsangestellte im Gymnasium, in dem Jo Cox in die Schule gegangen ist. Am Tag nach dem Attentat auf die 41-jährige Labourabgeordnete liegt Entsetzen in der Stimme der Frau und Zorn über die Ungerechtigkeit, die der Mörder dem Opfer, dessen Mann und den zwei Mädchen im Alter von fünf und drei Jahren angetan hat.

„Ein Stern ist erloschen“

Eigentlich will Victoria Senior gar nichts sagen. Sie hat einen Strauss Rosen zum Marktplatz von Birstall gebracht, einem Städtchen mit 16 000 Einwohnern in der weiteren Umgebung von Leeds. Den ganzen Freitagvormittag hindurch legen Einwohner unter dem Denkmal des Gelehrten Joseph Priestley, der hier geboren wurde und den Sauerstoff entdeckte, Blumen nieder. Jo Cox war keine gewöhnliche Abgeordnete. Sie saß seit einem Jahr im Parlament und hatte schon einen starken Eindruck hinterlassen. Ihr Optimismus sei ansteckend gewesen, berichteten Parlamentarierkollegen am Radio, Intellekt und ein großes Herz hätten sich die Waage gehalten. Auch ihr temperamentvoller Charakter und ihre Großzügigkeit wurden genannt.

Die Würdigungen spiegeln sich in den Trauerkarten, die die Bewohner von Birstall an die Blumensträuße geheftet haben. „Du warst unser Engel“, heißt es; „ein Stern ist erloschen“. Freundinnen mit geröteten Augen halten sich aneinander fest. Das Städtchen ist im Ausnahmezustand, aber die Schulen bleiben geöffnet, um den Kindern Vertrauen einzuflößen. Die Lehrer sind gehalten, nur über die Bluttat zu sprechen, wenn Schüler diskutieren wollen. Ein Passant murmelt: „Sie war voller Energie, wie ein Atemzug von frischer Luft.“

Auf einer Karte unter dem Denkmal steht auch: „Faschismus nährt sich aus Angst, das Mittel dagegen ist Toleranz.“ Die Aussage bezieht sich auf das mögliche politische Motiv des mutmaßlichen Täters, eines 52-jährigen Einheimischen, der am Donnerstag kurz nach der Tat verhaftet wurde. Die Polizei vernimmt mindestens einen Zeugen, der gehört haben will, dass er „Britain first!“ rief, bevor er Jo Cox zur Mittagszeit mit Dolchstößen und Schüssen niederstreckte. Laut Medienberichten verkehrte der Täter in der rechtsextremen Szene und wurde jahrelang wegen psychischer Störungen behandelt.

Ein Augenzeuge

Die Bluttat ereignete sich keine 20 Meter vom Marktplatz entfernt in einer Seitenstrasse, an der die öffentliche Bibliothek des Orts liegt. Hichem Ben Abdallah, der nebenan ein Café besitzt, erinnert sich, dass vor seinem Lokal ein Streit ausgebrochen war. Er trat auf die Straße und sah ein Handgemenge. Plötzlich habe „der Kerl mit der Baseballmütze“, der mutmaßliche Täter, eine Feuerwaffe aus seiner Tasche gezogen. „Sie war so groß wie eine Gurke und sah wie selber gebastelt aus“, sagt Ben Abdallah. Der Täter gab zwei Schüsse ab, die Passanten rannten weg. Dann lief der Täter ohne große Eile die Straße hinunter. Ben Abdallah kannte Jo Cox, aber er realisierte nicht, dass sie das Opfer war. „Du erwartest nicht, dass deine Abgeordnete niedergeschossen wird. Sie lag auf der Straße und stützte sich auf, mit der anderen Hand hielt sie ihren Bauch. Das Gesicht war blutüberströmt, aber sie war bei Bewusstsein.“

Jo Cox hielt einmal monatlich in der Bibliothek eine Sprechstunde für die Bürger Birstalls, eines von drei Städtchen in ihrem Wahlkreis Batley and Spen. Derartige Sprechstunden sind ein besonderer Teil der Aufgabe britischer Abgeordneter. Aufgrund des Majorzwahlrechts vertreten sie ihre Wahlkreise alleine im Parlament, sprechen also nicht nur für ihre Wähler, sondern für alle Bürger des Distrikts. Laut Bewohnern von Birstall, auch solchen, die sie nicht gewählt hatten, verrichtete Jo Cox die Basisarbeit mit Leidenschaft. Bürger gelangten mit Anliegen an sie wie: Schwierigkeiten mit der Sozialversicherung, mit Hausbesitzern, der Bank. Sie verhalf Eltern von autistischen Kindern zu einem Gemeinschaftszentrum.

Die anglikanische Gemeinde hat in der Kirche St. Peter ein Kondolenzbuch aufgelegt, Gläubige suchen in dem 900 Jahre alten Gotteshaus Trost. Pfarrer Paul Knight berichtet, er habe Jo Cox letztes Jahr vor ihrer Wahl zu einem interkonfessionellen Treffen eingeladen. Obwohl sie unterdessen gewählt gewesen sei und sich ihre Termine London gejagt hätten, habe sie ihr Versprechen gehalten. „Einige Kritiker forderten sie heraus, sie antwortete selbstsicher, ruhig und versöhnlich. Wir waren beeindruckt“, sagt Knight. Jo Cox war eng mit ihrer Heimat in Yorkshire verbunden, aber im Parlament machte sich die ehemalige humanitäre Helferin vor allem als Fürsprecherin von Kriegsflüchtlingen aus Syrien einen Namen. „Sie war ein Funke in der Dunkelheit“, sagt Knight.

Laut Victoria Senior, der Schulangestellten, ermöglichte Jo Cox einer fünften Primarklasse, auf der Schulreise in die Hauptstadt das Unterhaus zu besuchen. Sie habe die Kinder auf den Besuch vorbereitet und in der Parlamentskammer eine „Debatte“ vorgespielt. Die Kinder, unter ihnen Victorias zehnjährige Tochter Eve, waren augenblicklich Fans. „Gestern stellte mir Eve bis spät in die Nacht Fragen“, sagt die Mutter: „‹Warum ist sie tot?› und ‹Kommt der böse Mann zurück?›.“

Bürgernähe als kostbares Gut

Die Sorge ist groß, dass die Bürgernähe von Abgeordneten, wie Jo Cox sie vormachte, gefährdet ist. Der letzte Mord an einem Parlamentarier im Amt ist 26 Jahre her und ging auf das Konto der Irisch-Republikanischen Armee. Im Parlamentsgebäude von Westminster können sich Abgeordnete sicher fühlen, die Sessionen finden als Folge der terroristischen Bedrohung unter weiträumiger Polizeibewachung statt. Aber in den Wahlkreisen bewegen sich Parlamentarier, wenn sie nicht der Regierung angehören, völlig frei. „Ich hoffe, dass sich das nicht ändert“, sagt Pfarrer Knight, „die Möglichkeit, mit deinem Abgeordneten auf Augenhöhe zu sprechen, gehört zur Demokratie.“

Die Mordtat bildet eine Zäsur. Die Fahnen in Birstall stehen auf halbmast, auch über dem Parlamentsgebäude und dem Buckingham-Palast in London. Der Abstimmungskampf vor dem EU-Referendum von nächster Woche ruht. Premierminister David Cameron hat auf Montag eine Sondersitzung des Parlaments einberufen. Führende Politiker beider Abstimmungslager halten im Bewusstsein inne, dass die persönlichen Attacken, die das Für und Wider die EU zunehmend prägten, wohl ein aus Hass und Vorurteilen begangenes Verbrechen beförderten. Über Sachfragen debattieren ja, den gegenseitigen Respekt verlieren nein, lautet der Tenor.

Am Mittag trafen Cameron und Oppositionschef Jeremy Corbyn in Birstall ein. Sie legten gemeinsam Blumen nieder und sprachen dem Gemahl von Jo Cox und den zwei kleinen Kindern ihr Beileid aus. Aus aller Welt kamen die Beileidsbotschaften. Der Referendumskampf wird nach dem Wochenende wiederaufgenommen werden, aber der Ton wird sich ändern. David Foulkes, ein wohlhabender Rentner aus Nottingham, fuhr am Nachmittag nach Birstall, auch er, um Blumen niederzulegen. Er bezeichnet sich als sozial aufgeschlossenen Tory, der gleichwohl für den EU-Austritt habe stimmen wollen. „Wegen der Einwanderungsfrage“, sagt er erklärend, „aber jetzt nicht mehr.“ Hass und Extremismus müssten besiegt werden. Foulkes glaubt, viele EU-Gegner fühlten wie er. „Die Mordtat wird das Stimmergebnis gegen den Brexit und für die EU entscheiden.“

Politische Zurückhaltung

Wer weiß das schon – auch die Meinungsumfragen ruhen. Die Konservative Partei gab bekannt, sie werde die fällig gewordene Nachwahl für Jo Cox‘ Parlamentssitz aus Respekt für das Opfer nicht bestreiten, vielleicht ein konkretes Beispiel einer etwas leiseren politischen Kultur. Jo Cox war darin eine Vorreiterin, wie Parlamentskollegen bezeugen: Sie wusste, was sie dachte, und konnte andere überzeugen, aber sie hörte fremden Meinungen zu und bildete parteiübergreifende Allianzen.