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Pädophile Neonazis

Ein NSU-Mörder und ein totes Kind

von Stephanie Lahrtz / 15.10.2016

Viele Unterstützer des rechtsextremen Terroristentrios NSU fielen durch Kindsmissbrauch auf. Nun wird gerätselt, ob der Mord an einer Neunjährigen aus Franken auf das Konto von Neonazis aus Jena geht.

Eine neue Spur im seit 15 Jahren ungeklärten Mordfall Peggy könnte der Geschichte der NSU-Terroristen ein weiteres abstossendes Kapitel hinzufügen. An einem Stofffetzen, der neben den im vergangenen Juli entdeckten Skelettresten von Peggy in einem Wald in Thüringen sichergestellt worden war, fanden Rechtsmediziner DNA des NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt. Ihm, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe werden unter anderem zehn rechtsextrem motivierte Morde zur Last gelegt. Böhnhardt hatte sich zusammen mit seinem Gesinnungsgenossen im November 2011 erschossen. Zschäpe steht seit Mai 2013 wegen Mittäterschaft vor Gericht.

Die Hütte im Wald

Zwar weiss derzeit niemand, wie die DNA von Böhnhardt an den Fundort gelangte und ob Böhnhardt in den Mord an dem damals neunjährigen Mädchen involviert – oder gar der Täter – war. Es fällt jedoch schwer, an eine Labor-Verunreinigung zu glauben. Denn die Leiche Böhnhardts wurde im November 2011 in Labors der Rechtsmedizin des Uniklinikums Jena untersucht, das Stück Stoff hingegen kürzlich in einem Labor in München. Zudem ist es laut NSU-Kennern durchaus plausibel, dass Böhnhardt oder Personen aus seinem Umfeld etwas mit dem Mord an Peggy zu tun haben könnten.

Denn laut Recherchen des Juristen Yavuz Narin steht zum einen in der Nähe des Fundorts der Skelettreste eine Hütte, die ein Freund Böhnhardts für Partys und Zusammenkünfte nutzte. Dieser Freund sei in den 1990er Jahren öfters wegen Missbrauchs an Kindern aufgefallen. Gemäss der Aktenlage könnte Böhnhardt im Mai 2001, als Peggy verschwand, in der Hütte gewesen sein. Denn diese liegt ungefähr in der Mitte zwischen seinem damaligen Wohnort Zwickau und Nürnberg, wo Böhnhardt und Mundlos im Juni 2001 einen Mord begingen.

Uwe BöhnhardtToter NSU-Terrorist. (Bild: EPA)

Zum anderen waren laut diversen Medienberichten und Recherchen verschiedener Szenebeobachter Kindsmissbrauch und der Konsum von Kinderpornografie im Umfeld des NSU-Trios keine Seltenheit. So wurde der jahrelang für den Thüringer Verfassungsschutz tätige Neonazi Tino Brandt, ein Freund Böhnhardts, im Dezember 2014 vom Landgericht Gera wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen, Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Förderung von Prostitution in 66 Fällen zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch andere Bekannte Böhnhardts wurden wegen solch grässlicher Taten aktenkundig, oder es wurden Kinderpornos in ihren Wohnungen gefunden, zum Teil perversen und brutalen Inhalts.

Manche Beobachter halten es sogar für möglich, dass sich das NSU-Trio einen Teil seines Lebensunterhalts durch Vermittlung von Frauen und Kindern an Freier verdiente. So war Böhnhardt vor seinem Untertauchen 1998 Mitglied in einer Bande, die unter anderem mit Prostitution Geld verdiente.

Auch Zschäpe könnte an derartigen Greueltaten beteiligt gewesen sein: Auf ihrem Computer wurde kinderpornografisches Material gefunden. Auch hat sie sich offenbar intensiv im Internet über Fälle von Kindsmissbrauch informiert. Zudem wurde sie oft mit kleinen Kindern gesehen, angeblich nicht immer denselben. Aufhorchen lässt auch die Tatsache, dass im Wohnmobil, in dem die beiden Uwe sich erschossen hatten, Kinderspielzeug und -kleidung gefunden worden war, ebenso wie in der Wohnung des Trios. Allerdings liegt davon nur eine DNA-Spur vor, die jedoch nicht von Peggy stammt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Uwe Böhnhardt in den Verdacht gerät, am Missbrauch und Mord eines Kindes mindestens beteiligt gewesen zu sein. Bereits 1993 wurde in Jena, dem damaligen Wohnort von Böhnhardt, die Leiche eines neunjährigen, offenbar missbrauchten Buben gefunden, daneben ein Bootsmotor. Das dazugehörige Boot gehörte einem Freund Böhnhardts. Es wurde laut einem Bericht auch von Böhnhardt genutzt.

Folgen für Zschäpe-Prozess?

Derzeit wird nun darüber spekuliert ob die neuen Daten Auswirkungen auf den zu Ende gehenden Zschäpe-Prozess haben könnten. Doch derzeit ist die neue Sachlage bezüglich der DNA-Spur zu verwirrend, als dass sich daraus ernsthaft etwas neu Be- oder Entlastendes für Zschäpe ergeben könnte. Aber Nebenklagevertreter wollen Zschäpe neue Fragen stellen. Ein absolut einzigartiges Musterslz. München ⋅ Die Erbsubstanz DNA ist sehr stabil, viel stabiler als zum Beispiel Eiweisse. Die einer Strickleiter ähnelnde DNA bleibt nicht nur gut gekühlt im Labor über Jahre hinweg intakt. Selbst in Knochen oder auf Gegenständen bricht die Leiter lediglich in grosse Fragmente auf, sofern die Objekte nicht ständig Wind und Wetter ausgesetzt sind. Die DNA wird zur Analyse mit Lösungsmitteln aus dem Objekt isoliert und gereinigt. Dann werden bestimmte Abschnitte der Strickleiter hunderttausendfach vervielfältigt. Somit gelingen selbst mit ursprünglich geringen Mengen an DNA aussagekräftige Analysen.Um eine DNA einer bestimmten Person zuzuordnen, werden nur ganz spezifische, wenige Bausteine umfassende Abschnitte des Erbguts vervielfältigt und entschlüsselt. Diese Abschnitte sind nicht Bestandteile von Genen, sondern haben entweder regulatorische oder noch unbekannte Aufgaben. Aber die Anzahl an hintereinander angeordneten Bausteinen, also der Blöcke aus immer gleich zusammengesetzten Leitersprossen, die aufeinander folgen, bevor ein ganz anders zusammengesetzter Abschnitt beginnt, ist absolut individuell. Jede Person trägt also in ihrem Erbgut ein einzigartiges Muster an sogenannten Short Tandem Repeats (STR). Nur bei eineiigen Zwillingen ist die Anzahl an Wiederholungen nahezu identisch. Vergleicht man die STR-Muster von zwei Proben miteinander, kann man feststellen, ob eine unbekannte DNA-Probe identisch mit einer entschlüsselten DNA-Probe ist. So können Gegenstände von Tatorten Menschen zugeordnet werden.Seit 1998 werden in Deutschland STR-Muster von verurteilten Straftätern, beschuldigten Personen sowie Tatortspuren in einer DNA-Datenbank erfasst. Neue DNA-Spuren wie jetzt jene vom Stofffetzen, der in der Nähe der Skelettreste von Peggy gefunden worden war, wurden mit STR-Mustern dieser Datenbank abgeglichen.