Robin van Lonkhuisen / Reuters

Weltstrafgericht

Ein Prozess gegen den Zerstörungswahn

von Christian Weisflog / 22.08.2016

Am Montag beginnt in Den Haag ein historischer Prozess: Erstmals steht ein Islamist  wegen der Zerstörung von Weltkulturgütern vor Gericht. Ein Novum mit ungewisser Signalwirkung.

Anzug, Krawatte, randlose Brille – der Barbar in Ahmad al-Faki al-Mahdi war bei seinen bisherigen Auftritten vor dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Er sei „ungefähr vierzig Jahre alt“, erklärte er mit ruhiger und sanfter Stimme, als er seinen Werdegang im Vorverfahren kurz skizzierte. Der spätere Schuldirektor zeichnete sich bereits von früher Kindheit an als guter Koranschüler aus: „Er hatte den ganzen Koran in seinem Kopf“, erklärte einer seiner ehemaligen Lehrer gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Einer seiner Anwälte bezeichnete Mahi als intelligent und intellektuell: „Er wollte seine Vorstellung von Gut und Böse durchsetzen.“

„Angriff auf unsere Seelen“

Bei der Durchsetzung seiner Ideen ging der Islamist vom Volk der Tuareg allerdings sehr unsanft vor. Nachdem die mit al-Kaida verbandelte Gruppierung Ansar al-Din im Frühjahr 2012 im Norden von Mali die Macht übernommen hatte, stieg Mahdi zum Chef der Religionspolizei in Timbuktu auf. Laut Augenzeugen zögerte er nicht, Frauen, die er als unrein erachtete, persönlich auszupeitschen. Vor allem aber rief er zur Zerstörung der jahrhundertealten Mausoleen sufistischer Heiliger auf: „Der Prophet hat gesagt, die Mausoleen sind zu zerstören, weil alle Menschen gleich sind. Also darf auf einem Friedhof kein Grab grösser als das andere sein.“

Mit Äxten und Eisenstangen zertrümmerten die Jihadisten in „der Stadt der 333 Heiligen“ daraufhin vierzehn Grabstätten, an denen Einheimische und Pilger gerne beteten. Zudem verbrannten sie über 4000 der insgesamt 350 000 historischen Manuskripte, die in der spirituellen Hochburg des mittelalterlichen Islams lagerten. Angesichts der Zerstörung sprach Malis Kulturminister von „einem Angriff auf den Lebensnerv unserer Seelen“. Seine Regierung ermächtigte danach den ICC, in der Sache zu ermitteln. Im vergangenen September wurde Mahdi in Niger verhaftet und nach Den Haag überstellt. Obwohl er nicht alleine für das Verbrechen verantwortlich war, ist er laut dem ICC eine der wenigen identifizierten Personen, die noch leben.

Die Anklage stützt sich in dem Prozess auf das Rom-Statut, welches bewusste Angriffe auf historische Monumente unter Artikel 8 als Kriegsverbrechen bewertet. Die von der Unesco geschützten Mausoleen von Timbuktu seien ein Kapitel in der Geschichte der Menschheit, erklärte Chefanklägerin Fatou Bensouda bei einer Anhörung im März und folgerte: „Die Menschheit als Ganzes war von diesem Verlust betroffen.“

Reaktion auf Islamismus

Mahdi werden von Menschenrechtsgruppen auch andere Verbrechen wie die Vergewaltigung oder die sexuelle Versklavung von Frauen vorgeworfen. Doch diese Vorwürfe spielen im anstehenden Prozess keine Rolle. Die Völkerrechtlerin Marina Lostal, die sich auf den Schutz von Kulturgut spezialisiert hat, spricht deshalb von einem „beispiellosen Prozess“. Erstmals sei ein mutmasslicher Kriegsverbrecher ausschliesslich wegen der Zerstörung von wertvollem kulturellem Erbe angeklagt. Bei der Aufarbeitung des Jugoslawienkriegs seien solche Vorwürfe nur unter weiteren Anklagepunkten vorgebracht worden. Aber auch die Motivation sei heute eine andere: „Es ist eine Reaktion auf das transnationale Phänomen des radikalen Islamismus.“

Diesen grösseren Zusammenhang beschrieb auch Unesco-Chefin Irina Bokowa kürzlich bei einem Vortrag in Zürich. Die Zerstörung von römischen Tempeln, christlichen Klöstern oder Museen in Libyen, Syrien und im Irak bezeichnete sie als „Merkmale eines genozidalen Projekts“. Historische Monumente zeigten, dass es immer einen Dialog zwischen den Kulturen gegeben habe, dass keine pure Kultur existiere und sich Kulturen immer gegenseitig durchdrängen. „Dieses gemeinsame Erbe wollen die Extremisten zerstören, weil es sie delegitimiert“, erklärte Bokowa. Im Falle von Ahmad al-Mahdi ist von einem Schuldspruch auszugehen. Die Beweisgrundlage scheint solide, und der Angeklagte hatte im Vorverfahren bereits ein Geständnis abgelegt. Zudem konnten die Islamisten in Mali dank der militärischen Intervention zurückgedrängt und die Mausoleen wieder aufgebaut werden. Ob sich fanatische Islamisten aufgrund eines solchen Urteils wirklich abschrecken lassen, scheint aber fraglich. Auch für die Verbrechen in Syrien und im Irak wären solche Prozesse wünschenswert, doch diese Länder sind nicht an das Rom-Statut gebunden. Bemühungen im Uno-Sicherheitsrat der Uno, den ICC mit Ermittlungen in Syrien zu beauftragen, wurden von Russland und China mit einem Veto blockiert.