Imago

Aufgefallen

Ein Schauspieler des Regimes?

von Daniel Steinvorth / 30.09.2016

Der deutsche Journalist Jürgen Todenhöfer will von einem Jihadistenführer in Syrien Spektakuläres erfahren haben. Beobachter allerdings meinen: Der Scoop ist eine Fälschung.

Der Kommandant mit dem Namen Abu al-Ezz sieht so aus, wie man sich einen Jihadistenführer gemeinhin vorstellt: Er ist schwarz vermummt, an seiner Weste baumeln eine Handfeuerwaffe, ein Funkgerät, eine Handgranate. Grimmig erzählt er dem deutschen Journalisten und früheren Bundestagsabgeordneten Jürgen Todenhöfer in einem Steinbruch bei Aleppo, wie seine Gruppe, die Kaida-nahe Nusra-Front (die sich kürzlich in Jabhat Fatah al-Sham umbenannte), einen islamischen Staat in Syrien errichten will. Auch spricht Ezz darüber, wie seine Organisation nicht nur von den Golfstaaten, sondern auch von den USA und Israel unterstützt werde: „Die Amerikaner stehen auf unserer Seite.“

Hat Todenhöfer einen Scoop gelandet? Sein zehnminütiges Interview, am Montag im Internet veröffentlicht und seither mit über 700 000 Klicks bedacht, gibt den Anschein. Amerikakritiker und Asad-Apologeten fühlen sich jedenfalls bestätigt: Braucht es noch mehr Beweise für die Doppelmoral der USA, die mit Terroristen unter einer Decke stecken? Der „syrische Freiheitskampf“, so Todenhöfer selber auf seiner Facebook-Seite, sei doch nichts weiter als ein „romantisches Märchen“.

Wie authentisch aber ist das Video mit dem Nusra-Mann? Man habe niemals ein Gespräch mit dem Deutschen geführt, meldete sich die Medienabteilung der Jabhat Fatah al-Sham zu Wort; auch habe der Journalist zu keinem Zeitpunkt „befreite Gebiete“ betreten. „Eine Fälschung“ sei das Interview, urteilte der IS-Experte Hassan Hassan, „ein Witz.“ Ein Jihadist, der offen seine Beziehungen zum Westen preisgibt, dazu noch auf die üblichen religiösen Floskeln verzichtet? Geotracker, die das Videomaterial analysierten, wollen herausgefunden haben, dass Todenhöfer sein Interview nicht im Rebellengebiet, sondern am Ain-al-Safir-Steinbruch geführt habe; dort, wo das Asad-Regime die Kontrolle hält.

Sollte also ein Schauspieler Todenhöfer getäuscht haben? Der Journalist bestreitet die Fälschungsvorwürfe, glaubhaft widerlegen konnte er sie bisher aber nicht. Seine trotzige Antwort: Manche Wahrheiten seien „leider unbequem“.