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Syrien

Ein symbolischer Triumph gegen den IS

von Inga Rogg / 17.10.2016

Die Türkei und die von ihr unterstützten syrischen Rebellen erringen in Dabik einen symbolischen Triumph. Das mindert nicht die Gefahr, die IS-Extremisten für die Türkei bilden.

In Dabik werde dereinst die grosse Schlacht mit ihren Feinden stattfinden, hatten die Extremisten des Islamischen Staats (IS) vor zwei Jahren vollmundig getönt. Doch die grosse Schlacht ist ausgeblieben. Unterstützt von der Türkei und den Amerikanern, haben syrische Aufständische den kleinen Ort in Nordsyrien am Sonntag eingenommen. Die IS-Kämpfer hätten keinen nennenswerten Widerstand geleistet, sagten Rebellenkommandanten und Vertreter der türkischen Streitkräfte übereinstimmend.

Wichtig für die Propaganda

Strategisch hat Dabik, das rund zwanzig Kilometer südlich der türkisch-syrischen Grenze liegt, keine grosse Bedeutung. Für die Türkei und die von ihr unterstützten syrischen Rebellengruppen ist die Einnahme des kleinen Orts ein symbolischer Triumph über den IS. Denn in der IS-Propaganda – und der Rekrutierung von ausländischen Kämpfern – spielte der Ort eine zentrale Rolle. Hier sollte nach dem Willen der Fanatiker eine Prophezeiung des Propheten Mohammed in Erfüllung gehen: der Sieg der Muslime über die „Ungläubigen“ in einer finalen Schlacht, die zugleich das Ende der Welt einläutet. „Niederlage und Zerstörung“ werde die Gegner erwarten, sagte IS-Chef und Kalif Abu Bakr al-Baghdadi in einer Tonbotschaft im letzten Jahr. „Der Islam wird über die Welt siegen, bis zum Ende der Zeit.“ Dabik, das der IS im August 2014 eroberte und nach dem er sein Propagandamagazin benannte, war auch Schauplatz von grausamen Morden. Im November 2014 verbreiteten die Extremisten ein Video von der Enthauptung des amerikanischen Nothelfers Peter Kassig und von 18 syrischen Luftwaffenpiloten.

Laut unbestätigten Berichten hatte der IS im Vorfeld des gegnerischen Angriffs noch Hunderte von Kämpfern nach Dabik verlegt. Dass die Extremisten den Ort aber womöglich nicht verteidigen werden, zeichnete sich bereits in den letzten Tagen ab. Dies sei nicht die prophezeite „grosse Schlacht von Dabik“, liessen die Extremisten ihre Anhänger über eines ihrer Propagandaorgane wissen. Diese finde zu einem späteren Zeitpunkt statt. In Videos, die Aufständische am Sonntag verbreiteten, war Dabik völlig verwaist. Auch in Videos aus dem wenige Kilometer entfernten Soran, das die IS-Gegner am Samstag eingenommen hatten, war ausser Rebellen weit und breit keine Menschenseele zu sehen.

Explosionen bei Razzien

Einheiten der türkischen Armee waren am 24. August in Nordsyrien einmarschiert, um den IS aus der Grenzregion zu vertreiben. Ziel der Operation „Schutzschild Euphrat“ sei es, eine 5000 Quadratkilometer grosse Sicherheitszone zu errichten, sagte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am Wochenende. Diese „Sicherheitszone“ soll zugleich als Puffer zwischen den Gebieten fungieren, die mit der Türkei verfeindete Kurden kontrollieren. Die Amerikaner versuchen den potenziellen Konflikt zu umschiffen, indem sie beide Seiten unterstützen.

Die Extremisten sind freilich längst auch für die Türkei eine Gefahr. Seit dem Sommer 2015 haben sie eine Serie von Anschlägen im Land verübt, die mehr als 200 Tote gefordert haben. In der türkischen Stadt Gaziantep forderten zwei Selbstmordanschläge am Sonntag mindestens drei Tote und acht Verletzte. Ein IS-Verdächtiger sprengte sich in die Luft, als die Polizei die Wohnung einer „Schläferzelle“ stürmte. Nach Angaben der Behörden riss der Terrorist drei Polizisten in den Tod, acht Personen, unter ihnen vier Syrer, wurden verletzt. Bei einer Razzia in einem anderen Viertel der Stadt sprengte sich Stunden später ein weiterer Extremist in die Luft. Dabei handle es sich um Mehmet Kadir Cebel, den lokalen IS-Chef, berichteten türkische Medien. Die IS-Zelle soll einen Anschlag auf eine Einrichtung der Aleviten, eine muslimische Minderheit, geplant haben. Erst im August hatte ein Selbstmordanschlag auf eine kurdische Hochzeit in Gaziantep mindestens 54 Tote gefordert.