Nacho Doce / Reuters

Eine Diskussion über Laizismus und Multikulturalität: Portugals Krämer mit dem Koran

von Thomas Fischer / 20.09.2016

Darf der Staat den Bau einer Moschee finanziell fördern? An einem solchen Plan der Stadt Lissabon für die wachsende Gemeinde aus Bangladesh scheiden sich die Geister.

Als Hamed stellt sich der kräftig gebaute 40-jährige Mann mit grau-weiss gestreiftem Hemd in gebrochenem Englisch vor. Er arbeitet in einer Halal-Fleischerei, die in Ständen vor dem Schaufenster auch Melonen und Bananen anbietet. Weil drin gerade keine Kunden warten, tut er einige Schritte auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Laden nahe dem Zentrum von Lissabon. Hamed erzählt, dass er aus Bangladesh stammt und sein Land vor einem Jahr verlassen hat. Ein halbes Jahr lebte er zunächst in Zürich, wo er seine Frau und einen zehnjährigen Sohn zurückliess. Er kam nach Portugal, wo er seinen Lebensunterhalt verdient, Sozialbeiträge zahlt und eines Tages auf die Aufenthaltserlaubnis hofft.

Moschee mit Wäscheleine

In der Umgebung seines Arbeitsplatzes dürfte er sich aber nicht fremd fühlen. Hier zeigt sich Portugals Hauptstadt von einer weniger bekannten Seite und so exotisch wie nirgends sonst. Ein touristischer Fixpunkt ist noch der aufgemöbelte Platz Largo Martim Moniz mit Wasserspielen und einer multikulturellen Vielfalt von Buden für Speis und Trank mit Tischen im Freien. Seitlich des Platzes am Fusse der zum trutzigen Kastell hin aufsteigenden „mouraria“, des früheren Maurenviertels, stehen Touristen aus Spanien, Deutschland, China und den USA geduldig Schlange, um ein altertümliches Tram der berühmten Linie 28 besteigen zu können.

Gleich hinter der Tramstation verirrt sich kaum ein Tourist ins Ladenzentrum Centro Comercial Mouraria. Auf seinen fünf über- und unterirdischen Etagen herrscht ein Gedränge von Frauen mit Sari oder Kopftuch, Männern mit T-Shirt oder Turban. Seite an Seite finden sich würzig duftende indische Supermärkte, chinesische Billig-Basare für Kleidung und Koffer, pakistanische Läden für Mobiltelefone und Agenturen für Geldtransfers in alle Welt. Hinter dem Zentrum wirkt die lange schmale Rua do Benformoso wie Klein-Bangladesh mit anderen asiatischen Tupfern.

Zwischen „Bangla“-Restaurants und Halal-Fleischereien mit bunten Bildern von Rind, Schaf und Huhn prangen verschnörkelte Wasserpfeifen in den Vitrinen kleiner Läden. An einem Platz bilden ausschliesslich Männer eine Schlange vor einem vierstöckigen Haus, dessen Fassade mit blau-weissen Azulejos verkleidet ist. Unter einer Wäscheleine ist die Tür eines Ladens für Waagen. Gleich daneben befindet sich der Eingang zur Moschee des Centro Islâmico do Bangladesh, wo sich die Gemeindemitglieder zum Freitagsgebet einfinden. Vom Platz reicht der Blick noch zu einem Regal, in dem sie ihre Sandalen verstauen, ehe sie den Gebetsraum ansteuern.

„Mit 900 Euro gut leben“

Wer sind die Männer, die da Schlange stehen? Gespräche sind meist nur auf Englisch möglich, etwa mit Ziishan, 31 Jahre. Er kam vor einigen Monaten nach Lissabon. In einem nördlichen Stadtteil betreibt er einen Handel für Obst und Gemüse. Viel habe er nicht investieren müssen, sagt er. Und „mit 900 Euro kann man hier gut leben“. Vielleicht bleibt es nicht bei dem einen Laden. Ein Freund sei schon seit eineinhalb Jahren in der Stadt, habe Erfolg gehabt und schon einen zweiten Laden eröffnet.

Allein im Bereich der Innenstadt betrieben Bangalen rund 500 Läden, Cafés und Restaurants, versichert Rana Taslim Uddin, der 49-jährige Präsident des islamischen Zentrums mit der Moschee und der Freundschaftsvereinigung Portugal – Bangladesh. Er kam vor 26 Jahren als sechster Bürger seines Landes nach Lissabon, wo er zunächst Läden betrieb, wie er sich in gutem Portugiesisch am Cafétisch erinnert. Heute weist ihn seine Visitenkarte als Übersetzer für Justizministerium, Polizei und Gerichte aus, und zwar für Portugiesisch, Bengali, Englisch, Hindu und Urdu.

Wie erklärt sich die Zahl von 500 Läden, wo doch, laut Zahlen der Ausländer- und Grenzbehörde SEF, im Jahr 2015 gerade 2571 Bürger dieses Landes einen legalen Aufenthalt in Portugal hatten? Eine Zahl von 20 000 wäre realistischer, schätzt Senhor Rana, inklusive 7000 bis 8000 Landsleuten, die – wie er selbst – portugiesische Pässe besitzen. Viele Zuwanderer kamen auf Umwegen nach Portugal, über andere Länder in Europa. Häufig hatten ihre Anträge auf Asyl keinen Erfolg. Eine Erklärung der Ausländerbehörde hierzu war nicht erhältlich.

In Portugal überleben viele Bangalen dank dem Kommerz. Ein portugiesischer Krämerladen, erklärt Rana, möge bis 19 Uhr geöffnet sein, ein Bangla-Laden schliesse erst um 24 Uhr, an sieben Tagen pro Woche. Ein jeder Laden, so rechnet er vor, kann drei Männer ernähren. Und diese Rechnung scheint auch für Angehörige anderer Länder aufzugehen. In der Hauptstadt schiessen die von Leuten aus China und Nepal, Indien, Pakistan und Bangladesh geführten „mini-mercados“ aus dem Boden. Statt wie früher bei Senhor António tätigen die Portugiesen ihre Einkäufe im Quartier oft also bei Senhor Mohammed aus Pakistan oder eben bei Ziishan aus Bangladesh.

Historischer Anspruch

Rana war im Jahr 2000 Mitbegründer der Bangalen-Gemeinde. Seit 2005 hat sie ihre jetzige Moschee, die 500 Personen fasst und längst zu klein ist. Auf der Suche nach anderen Räumen sei er im Jahr 2009 schon mit der Stadtverwaltung in Kontakt getreten. Sie habe erst argumentiert, dass in dem einst maurischen Viertel nichts zu machen sei. Zu einem Viertel, in dem früher die Mauren gelebt hätten, gehöre doch eine Moschee, antwortete Senhor Rana. In dem Quartier führte die Stadt damals auch einen sehr erfolgreichen Kampf gegen Drogenhandel und Strassenprostitution. Zu seiner Neubelebung habe auch die Gemeinde der Bangalen beigetragen. Ein älterer Portugiese, der vor seinem Haus in einer autofreien Gasse in der Sonne sitzt, findet anerkennende Worte. Früher habe man um Mitternacht nicht mehr vor die Tür gehen können. Heute sei das anders, und die Bangalen seien friedlich.

Im Jahr 2012 fand sich, nicht weit von der jetzigen Moschee entfernt, zwischen zwei Strassenzügen ein Ort, wo sechs teilweise verfallende Häuser nicht nur einer Moschee weichen sollen. Geplant ist eine Stätte der kulturellen Begegnung mit Platz zum Flanieren, mit einer Mehrzweckhalle und der Moschee, inklusive einer separaten Galerie für die Frauen. Insgesamt knapp 3 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Hierfür entfiele nur ein Teil auf die Moschee, und ein Teil des Geldes käme aus EU-Töpfen, sagt Rana, nach dessen Worten die Gemeinde selbst die Innenausstattung ihrer zukünftigen Gebetsstätte finanzieren will.

Eigentlich war die Vollendung schon für 2017 geplant, noch haben die Arbeiten aber nicht einmal begonnen. So können Fachleute und Kolumnisten noch darüber darüber streiten, ob der Staat – seit 1910 laizistisch, trotz katholischer Tradition – eine Moschee mitfinanzieren soll und darf. Dieser müsse die Religionsfreiheit respektieren, meint der Verfassungsrechtler Vital Moreira, dürfe aber weder katholische noch sonstige Kultstätten materiell unterstützen. Ein Staat, der sportliche Aktivitäten finanziere, könne auch religiöse Aktivitäten fördern, fand dagegen der Verfassungsrechtler Jorge Bacelar Gouveia, der bis 2009 einer öffentlichen Kommission für die Religionsfreiheit vorstand.

João Miguel Tavares, Kolumnist der Tageszeitung „Público“, kritisierte die Linke – die in Lissabon den Bürgermeister stellt – als inkonsequent. Eine laizistische Wachsamkeit gegenüber den Beziehungen des Staates und der katholischen Kirche verwandle sich beim Islam in multikulturelle Leidenschaft.

Auch eine Sicherheitsfrage

Die staatliche Hilfe, so ist zu hören, könne derweil auch der Integration zugutekommen. Experten in Fragen der Sicherheit meinen, dass die staatliche Unterstützung einer externen Finanzierung mit der daraus resultierenden Gefahr einer externen Einflussnahme vorzuziehen sei. In Portugal wollen sich die Sicherheitsbehörden nicht darauf verlassen, dass dieses Land gegen islamistischen Terror – der ihm bisher erspart blieb – wirklich immun sei. Wenigstens bisher sind seine muslimischen Gemeinden aber mit keinen verdächtigen Verbindungen aufgefallen. Für die Gemeinde der Bangalen verneint Senhor Rana jedwede Nähe zur Kaida oder zum Islamischen Staat.

Mit der Diskussion um den Bau der Moschee ist Senhor Hamed nicht vertraut. Er hofft jedoch, bald seine Frau und seinen Sohn aus der Schweiz nach Portugal holen zu können. In Portugal müssten sie gewiss mit weniger Geld auskommen als in der Schweiz. In Lissabon würden sie gewiss weniger gut leben. Sie hätten dort künftig aber auch etwas, was in der Schweiz schwer zu finden wäre – eine Moschee, zu der auch ein Minarett gehört. 50 000 Muslime, 50 Moscheenter. ⋅ Noch galt Portugal als lupenrein katholisch, als Abdool Magid Vakil 1956 im Alter von 17 Jahren ins Land kam. Er stammt aus Moçambique, das damals noch eine portugiesische Kolonie war, seine Familie hat jedoch indische Wurzeln. „Ich war der zweite Muslim im Land“, sagt Vakil, der ein Studium der Volkswirtschaft absolvierte, im Finanzsektor tätig war und staatliche Institutionen beriet. Mit 77 Jahren ist er der Präsident der islamischen Gemeinde, der im Norden der Innenstadt von Lissabon die Zentralmoschee (Mesquita Central de Lisboa) gehört. Ihr kubisch-spiralförmiges Minarett und ihre grünliche Kuppel sind von weitem sichtbar. Mit finanzieller Hilfe aus Saudiarabien und einigen anderen Ländern errichtet, wurde sie 1985 eingeweiht. Als Kultstätte dient sie vor allem für Zuwanderer aus früheren Kolonien, insbesondere Guinea-Bissau und Moçambique, die zu einem grossen Teil portugiesische Pässe besitzen. Von terroristischen und fundamentalistischen Bewegungen hat sich die Gemeinde stets distanziert. Eine jihadistische Botschaft, die im Jahr 2014 auf ihrer Website erschien, wurde Hackern zugeschrieben. Grösstenteils von ausserhalb des früheren Kolonialreichs kommen die Mitglieder der Gemeinde aus Bangladesh, zu der die „alteingesessene“ Gemeinde laut Vakil ein „brüderliches“ Verhältnis pflegt. Insgesamt schätzt Vakil die Zahl der Muslime im Land auf 50 000, während die Gemeinde aus Bangladesh von eher 60 000 spricht. Im Land gibt es, laut Vakil, rund 50 Moscheen oder Stätten, die als solche dienen. Mit Lissabons grosser Zentralmoschee kontrastiert ein kleiner, mit Gebetsteppichen ausgelegter dunkler Raum im Afro-Viertel Cova da Moura, vor den Toren der Stadt. In dem Viertel leben mehrheitlich Leute mit Ursprung oder Wurzeln in Kap Verde, die Muslime kommen zum weitaus grössten Teil aus Guinea-Bissau. Die Muslime ohne portugiesischen Pass stellen einen sehr geringen Anteil der offiziell registrierten ausländischen Wohnbevölkerung. Sie ist seit dem Jahr 2010 rückläufig, dies zu einem Teil, weil Portugal wegen der hartnäckigen Wirtschaftskrise weniger Migranten anzieht, zu einem Teil aber auch infolge von Einbürgerungen. 2015 hatten 388 731 Ausländerinnen und Ausländer einen legalen Wohnsitz im Land. Von ihnen kamen 43,5 Prozent aus portugiesischsprachigen Ländern, mit Brasilien als wichtigstem Herkunftsland, weit vor Kap Verde und Angola. Aus der Ukraine, Rumänien und China stammten die grössten Gemeinden aus anderen Sprachräumen.