Eine kleine geschlossene Volkswirtschaft

von Thomas Fuster / 14.02.2015

Griechenland kämpft nicht primär mit einem Schuldenproblem. Einer wirtschaftlichen Gesundung steht vor allem die fehlende Wettbewerbsfähigkeit im Weg. Zwar hat das Land intern stark abgewertet. In den Exportpreisen spiegelt sich das aber noch kaum. Eine Analyse von NZZ-Wirtschaftsredakteur Thomas Fuster.

Eine Währungsunion ist von ambivalentem Nutzen: Zum einen verringert sie zwar die Transaktionskosten, indem bei Geschäften innerhalb der Union das lästige Umrechnen der Wechselkurse entfällt. Zum andern kann eine gemeinsame Währung aber auch schnell zur Zwangsjacke werden, wenn Mitglieder ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren und dieses Problem nicht länger durch eine externe Währungsabwertung korrigiert werden kann. Was das genau bedeutet, hat Griechenland in den vergangenen Jahren schmerzhaft erfahren müssen. Um die zuvor mit allzu viel billigem Geld verprasste Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen, musste der Mittelmeerstaat auf eine interne Abwertung zurückgreifen, also auf eine Senkung von Löhnen und Preisen.

Tiefere Kosten, stabile Preise

In welchem Maß hat diese interne Abwertung tatsächlich stattgefunden, und in welchem Maß hat Griechenland wieder zu Wettbewerbskraft zurückgefunden? Einfach messen lässt sich das nicht. Als Indikator für die Wettbewerbsfähigkeit verwenden Ökonomen aber oft den realen effektiven Wechselkurs. Er dient als Indikator für die Produktivität eines Landes, zumal er die Lohnstückkosten oder das Preisniveau in Relation stellt zu den entsprechenden Niveaus anderer Länder. Stützt man sich auf die beigefügte Grafik, zeigt sich, dass der reale effektive Wechselkurs im Falle Griechenlands ab der zweiten Jahreshälfte 2009 stark gesunken ist, und zwar nicht nur gegenüber anderen (ehemaligen) Krisenstaaten wie Spanien, Portugal und Italien, sondern auch gegenüber dem diesbezüglich unverdächtigen Deutschland.

Einfacher formuliert: Griechenland ist seit 2009 im internationalen Vergleich deutlich billiger geworden. Nach Maßgabe des realen effektiven Wechselkurses hat Griechenland gegenüber Deutschland schon fast die gesamte Wettbewerbsfähigkeit, die man ab 1999 zunächst verloren hatte, wieder zurückerobert. Das ist eine gute Nachricht. Laut Lehrbuch müsste dieser Erfolg nun dazu führen, dass griechische Exporte im Ausland bessere Absatzchancen haben, was wiederum das Wirtschaftswachstum ankurbeln würde. Dieser Prozess ist auf den ersten Blick durchaus beobachtbar. So hat sich die griechische Wirtschaft im vergangenen Jahr mit einem Wachstum um 1,7 Prozent leicht erholen können. Zurückzuführen ist dies nicht zuletzt auch auf die Exporte, die laut Schätzungen des Forschungsinstituts Capital Economics um gegen 10 Prozent zugelegt haben; es wäre dies das stärkste Plus seit 2007.

Der zweite Blick macht jedoch stutzig. So würde man eigentlich erwarten, dass mit dem starken Rückgang der relativen Lohnkosten auch ein Absinken der griechischen Exportpreise verbunden ist. Wie auf dem rechten Teil der Grafik erkennbar wird, ist dies aber kaum der Fall. Die Preise griechischer Ausfuhren sind im internationalen Vergleich kaum billiger geworden, trotz interner Abwertung. Diese irritierende Feststellung kann positiv und negativ gewertet werden. Die positive Lesart lautet, dass es den Exporteuren offenbar gelungen ist, ihre Margen zu verbessern. Die negative (und volkswirtschaftlich bedeutsamere) Interpretation impliziert, dass die griechischen Exporte mit Blick auf ihr Preisniveau weiterhin recht teuer und somit international wenig wettbewerbsfähig sind; es gilt dies vor allem im Vergleich mit anderen südeuropäischen Peripheriestaaten wie Portugal, Spanien und Italien.

Fehlende Offenheit

Eine Analyse der Leistungsbilanz bestätigt den Verdacht auf anhaltend groe Exportprobleme. Zwar dürfte Griechenland 2014 – wie schon 2013 – erneut einen Überschuss in der Leistungsbilanz verbucht haben, nachdem das entsprechende Defizit noch 2008 fast 15 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ausgemacht hatte. Mit dynamischen Exporten hat dieser Abbau externer Ungleichgewichte aber trotz erfolgreichem Tourismusgeschäft wenig zu tun. Der Überschuss spiegelt vielmehr den Einbruch der Importe im Zug einer massiv tieferen Inlandnachfrage und Kauf-kraft. Seit Beginn der Krise im Jahr 2008 haben die Exporte von Gütern und Dienstleistungen um nur 1,5% zugelegt, während die Importe um 35% zurückgingen. Wenn der Anteil der Exporte am BIP in diesem Zeitraum dennoch gestiegen ist, dann nur aufgrund des seit 2008 um 24% eingebrochenen BIP.

Dass Griechenland von der internen Abwertung außenwirtschaftlich wenig profitiert, ist angesichts des Exportvolumens kaum erstaunlich. So ist der Außenhandelssektor schlicht zu klein. Das hat nichts mit der jüngsten Finanzkrise zu tun. Griechenland zählte schon zuvor zu den EU-Mitgliedern mit dem geringsten Grad an wirtschaftlicher Offenheit. Der Anteil der Exporte am BIP beträgt nur 29 Prozent, nachdem er in den 2000er Jahren um 20 Prozent oszilliert hatte. Nur Frankreich weist in der EU eine niedrigere Quote aus. Ausserhalb der EU sind es derweil Staaten wie die USA, Japan und Australien, die ähnlich tiefe Anteile registrieren. Diese Länder verfügen aber über das Plus eines grossen Binnenmarktes. In Griechenland ist das nicht der Fall, weshalb sich das Land eigentlich wirtschaftlich weit internationaler ausrichten müsste, ähnlich wie Irland, die Slowakei oder Ungarn, wo die Exporte bis zu 100 Prozent des BIP betragen.

Griechenland ist daher eine kleine geschlossene Volkswirtschaft. Dem Land fehlt eine Exportindustrie, die über den Tourismus oder den Schiffstransport hinaus von Gewicht ist. 40 Prozent aller Exporte sind Erdölprodukte, obwohl Griechenland gar kein Erdöl produziert; letztlich wird nur zuvor importiertes Erdöl umgeschlagen. Bei den meisten anderen Ausfuhrgütern (Gemüse, Früchte, Metalle, Textilien, Fisch) handelt es sich um Rohwaren oder Massengüter mit geringer Wertschöpfung, tiefem Wachstumspotenzial und hoher Arbeitsintensität. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft schreibt von einer Außenhandelsstruktur, wie sie typisch sei für einkommensschwache Länder. Selbst die medizinischen und pharmazeutischen Ausfuhren, die immerhin 4 Prozent der Exporte ausmachen, benötigen weniger Humankapital als erwartet, da es sich primär um Generika-Produkte handelt.

Neues Wirtschaftsmodell nötig

An einem weiteren Rückgang der Lohnstückkosten und des Preisniveaus führt bei der wirtschaftlichen Sanierung Griechenlands wohl kein Weg vorbei, zumal die ungenutzten Kapazitäten nach sechs Jahren Rezession noch immer riesig sind. Diese Strategie reicht aber kaum aus, um das Land international wieder wettbewerbsfähig zu machen. Notwendig sind auch ein Umpflügen der allzu binnenorientierten Wirtschaftsstruktur und der Aufbau wertschöpfungsintensiver Exportbranchen. Realistisch ist ein solcher Aufbau für die meisten Investoren aber erst dann, wenn das tiefere Kostenniveau sich stärker als bisher auch in international wettbewerbsfähigeren Exportpreisen zu spiegeln beginnt. Ob dieser Umbau innerhalb der Zwangsjacke der europäischen Einheitswährung gelingen kann oder ob hierzu der Rückenwind einer eigenständigen und stark abgewerteten Heimwährung – Stichwort: Grexit – nötig wird, bleibt die Schlüsselfrage.