Dagmar Schwelle / laif

Launen der Geschichte im Baltikum

Eine Stadt, zwei Länder, drei Namen, vier Wechsel

von Rudolf Hermann / 15.10.2016

Welchen Unterschied ein kleines Bächlein machen kann: davon können die Einwohner des estnisch-lettischen Grenzstädtchens Valga / Valka viel erzählen.

Es ist ein ziemlich jämmerliches Rinnsal, das sich da durch die Wiese zwischen dem Parkplatz eines Supermarktes auf der einen und einem scheunenartigen Wirtschaftsgebäude unter hohen Bäumen auf der anderen Seite schlängelt. Und doch kann es hochtrabend das Attribut „Grenzfluss“ für sich in Anspruch nehmen. Denn der Wasserlauf, keinen halben Meter breit, trennt nicht nur Estland von Lettland, sondern auch ein rittlings auf der Grenze sitzendes Provinznest in einen grösseren estnischen und einen kleineren lettischen Teil.

Mehr als 600 Jahre lang spielte das Bächlein in Walk, einer von Deutschbalten verwalteten Siedlung in der historischen Landschaft Livland, keine besondere Rolle. Doch das änderte sich mit der russischen Revolution. Estland und Lettland, zuvor gemeinsam Teil des zaristischen Gouvernements Livland, wurden zu eigenen Staaten. Und weil Walk ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt war, drohte Zank. So schickte der eben konstituierte Völkerbund den britischen Oberst Stephen Tallents ins Baltikum, um eine Demarkationslinie zu ziehen und eine Auseinandersetzung zu verhindern. In besagtem Bächlein erblickte Tallents den geeigneten Grenzverlauf.

Über Nacht zur Doppelstadt geworden, wurde in Walk plötzlich vieles komplizierter. Der Name wurde je nach Sprache zu Valga beziehungsweise Valka, im täglichen Verkehr brauchte es einen Pass und zweierlei Geld, wenn man sich überall bewegen wollte. Paradoxerweise war es die unwillkommene Besetzung des Baltikums durch die Sowjets, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenze wieder aus der Wahrnehmung im praktischen Leben entfernte.

Ein Déjà-vu dann 1991: Mit dem Zerfall der Sowjetunion hielten einmal mehr Grenzkontrollen und Geldumtausch Einzug. Nur vorübergehend allerdings, denn 2007 traten Estland und Lettland als Mitglieder der EU dem Schengenraum bei. Seit 2011 beziehungsweise 2014 gehören sie auch der Euro-Zone an. Seither stehen die schwarz-weissen Grenzpfähle wieder etwas schief in der Landschaft.