Benoit Tessier / Reuters

Ein Jahr nach „Charlie Hebdo“

Eisige Wut

von Marc Zitzmann / 07.01.2016

Der Pariser Bluttaten vom Januar 2015 – denen im November eine weitere Attentatsserie folgte – gedenkt Frankreich dieser Tage. Das Satireblatt Charlie Hebdo publizierte aus diesem Anlass eine Doppel-Sonderausgabe.

Am 7., 8. und 9. Januar 2015 ermordeten drei Gotteskrieger von eigenen Gnaden in und um Paris insgesamt siebzehn Menschen: im Redaktionssitz des Satireblatts Charlie Hebdo acht Mitarbeiter, einen Gast sowie einen Leibwächter des seit 2011 bedrohten Chefredaktors, Charb; in dem jüdischen Supermarkt „Hyper Cacher“ einen Angestellten und drei Kunden; ferner im Erdgeschoß des Charlie-Gebäudes einen Liegenschaftsverwalter, Frédéric Boisseau, unweit davon auf der Straße einen Fahrradpolizisten, Ahmed Merabet, endlich am Tag zwischen den beiden Massenmorden in einer Vorstadt eine Polizei-Volontärin, Clarissa Jean-Philippe.

Zwang zum Kommemorieren

Die drei Letztgenannten bleiben in Berichten über die Terroranschläge oft unerwähnt, darum seien sie hier namentlich genannt. Und auch die zweiundzwanzig zum Teil schwer Verletzten sollen nicht vergessen sein. Charlie Hebdo selbst gedenkt aller Opfer in einer gestern erschienenen Sonderausgabe mit doppeltem Umfang und einer Auflage von über einer Million Exemplaren (von denen Zehntausende für das deutschsprachige Ausland bestimmt sind, wo weltweit die größte Nachfrage herrscht).

Der Tonfall ist ungewohnt ernst, ja grimmig. Ein langer, eisig faktischer Einleitungstext erzählt das Massaker so nach, wie die Überlebenden es in Erinnerung haben. Charbs Nachfolger, Riss, geißelt in einer wütenden Stellungnahme die „durch den Koran stumpfsinnig gemachten Fanatiker, aber auch die Frömmler anderer Konfessionen“ sowie die „verbitterten Intellektuellen, faden Kolumnisten und neidischen Journalisten“, die sich seit dem Nachdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen 2006 den Tod des Satireblattes oder gar seiner Macher erhofften. Auch jene subtilen Geister, die nach dem stark mediatisierten Anschlag erklärten, dieser sei eine Chance für das kränkelnde Blatt, kommen dran.

Etliche Texte und Zeichnungen stigmatisieren die Über-Mediatisierung, der sich die Redaktion ausgesetzt sieht, den Zwang zum Kommemorieren, dem die Sonderausgabe selbst mit vier Seiten Zitaten bzw. erstveröffentlichten Zeichnungen aus der Feder der Ermordeten nachgibt. Hauptbotschaft sind freilich die Bedrohtheit der Laizität und die Dringlichkeit, diese zu verteidigen.

Verantwortung und Solidarität

Hingegen wird die Gretchenfrage, jene nach der Verantwortung, bloß gestreift. Charlie Hebdo trägt selbstredend keine Schuld an dem, was ihm widerfahren ist. Aber das Internet und die sozialen Netzwerke tragen Karikaturen, die von Haus aus bloß für einen engen Kreis von Gleichgesinnten bestimmt sind, noch in den hintersten Winkel der Welt, vor die Augen gewaltbereiter Fanatiker – was diese zum Anlass nehmen, Attentate auf unschuldige Menschen hüben wie drüben zu verüben. Nimmt man derlei Konsequenzen in Kauf, um seine Ausdrucksfreiheit zu wahren, oder zensiert man sich selbst, um das eigene oder fremdes Leben zu schützen?

Auch die Frage nach der Solidarität wird in der Sonderausgabe bloß zwischen den Zeilen gestellt. Zeitungen wie The Guardian oder Libération spendeten nach den Attentaten große Geldsummen oder stellten über Monate hinweg Redaktionsräume zur Verfügung. Zu den 7.000 Abonnenten von Ende 2014 kamen 176.000 neue hinzu; auch die Kioskverkäufe sind explodiert.

Aber gleich nach den Attentaten zierten sich etliche namentlich angelsächsische Medienorgane mit recht gespreizten Argumenten, Charlie-Karikaturen nachzudrucken – und sei’s auch bloß zu Informationszwecken. Dabei wurde vergessen, dass die Mehrzahl der „religiösen“ Zeichnungen des Satireblatts nicht sämtliche Gläubigen aufs Korn nimmt, sondern bloß die Fanatiker. Die NZZ optierte damals für die Abbildung von acht Zeichnungen – nicht die anstößigsten – und beschrieb in einem Artikel auch wüstere Produkte.

In Frankreich selbst wurde Charlie in den letzten Monaten immer wieder angegriffen wegen Karikaturen, die etwa den Tod des Flüchtlingsknaben Aylan Kurdi oder den Absturz der russischen Passagiermaschine über dem Sinai thematisierten. Die Daseinsberechtigung der Art von Satire, wie das Blatt sie betreibt, wird auch nach den Anschlägen nicht von allen anerkannt.