AFP / PHILIPPE HUGUEN

Flüchtlinge in Calais

Elend zur Abschreckung

von Nikos Tzermias / 16.02.2016

In Frankreich wurden 2015 nur 73.500 Asylgesuche eingereicht. Paris wird vorgeworfen, Slums zu tolerieren, um den Migrantenstrom einzudämmen.

Die Einfamilienhaus-Idylle im Quartier du Moulin in Grande-Synthe, einer Ortschaft südlich der französischen Hafenstadt Dünkirchen, ist gestört. Die Eigentümer der neuen, niedlich herausgeputzten Backsteinhäuser, die vielfach mit Solarpaneelen bestückt sind, haben während der vergangenen Monate mit Schrecken mitverfolgen müssen, wie im nahe gelegenen Wald ein riesiger Migrantenslum entstanden ist. Darin herrschen noch schlimmere Zustände als im berühmt-berüchtigten „Dschungel“ von Calais.

Schlamm, Ratten und Schüsse

Ein jüngeres Ehepaar, das eines der neuen Familienhäuser vor ein paar Jahren erworben hat, beklagt, es lebe in Angst, die Zahl der Diebstähle habe zugenommen und man werde manchmal in der Nacht durch Schüsse aufgeschreckt. Die Kinder könne man nicht mehr auf der Straße spielen lassen. Dabei habe doch der Bürgermeister versprochen, dass im angrenzenden Wald ein „Öko-Quartier“ mit viel Natur und Auslauf für Spaziergänger und Radfahrer entstehen werde.

Der neue Slum zählt bereits 2.500 bis 3.000 Migranten. Er schwoll erst während der letzten zwei, drei Monate massiv an, weil Hunderte von Flüchtlingen den von der Polizei zunehmend eingegrenzten „Dschungel“ bei Calais rund 40 Kilometer südlich von Grande-Synthe verließen oder umgingen. Es hat sich unter den Migranten herumgesprochen, dass es weiter im Norden, bei Dünkirchen bis hinauf nach Belgien, einfacher sei, den Ärmelkanal zu überqueren, um nach Großbritannien zu gelangen.

Die meisten Flüchtlinge in Grande-Synthe sind Kurden aus dem Nordirak. Unter ihnen befinden sich auch viele Familien. Die Zahl der Kinder wird auf 200 geschätzt. Die Flüchtlinge hausen in primitiven Zelten, die im nassen, schlammigen Untergrund und im wild herumliegenden, Ratten anziehenden Abfall zu versinken drohen. Die Blachen bieten kaum Schutz vor der Kälte, den heftigen Regengüssen und garstigen Windböen, die in den Wintermonaten über die Dünenlandschaft auf der Ostseite des Ärmelkanals fegen.

Kinder mit Brandwunden

Die Zustände im „Dschungel“ von Calais sind prekär.
Credits: AFP / PHILIPPE HUGUEN

Es fehlt an Toiletten und Waschgelegenheiten. Viele der Gestrandeten leiden unter Mageninfektionen, Entzündungen der oberen Atemwege und teilweise auch an Krätze, wie Mathieu Baltazar, ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Médecins sans Frontières, besorgt erzählt. Viele Kinder hätten auch wegen Brandwunden behandelt werden müssen, weil sie sich an einem der zahlreichen offenen Holzfeuer verbrannt hätten, an denen sich die Migranten Tag und Nacht warmzuhalten versuchten.

Der neue „Dschungel“ ist eingezäunt und wird seit ein paar Wochen von Gendarmen mit Maschinenpistolen scharf bewacht. Die Ordnungshüter sollen Tag und Nacht sicherstellen, wie einer von ihnen sagt, dass sich keine Schlepper einschleichen oder Diebesgut und gar Waffen in den Slum gelangen. Es habe im Januar eine Schießerei zwischen Banden gegeben, die zum Glück nur einige Leichtverletzte gefordert habe. Verboten ist auch die Herbeischaffung von Baumaterial, um zu verhindern, dass die Migranten wie bei Calais stabilere Behausungen errichten und auf diese Weise ein Dauerprovisorium entsteht.

Parallelen zum verwüsteten Heimatort

Mohammed Hussain, dem wir an diesem nasskalten Vormittag begegnen, ist ebenfalls Kurde. Der Primarschullehrer erzählt, wie sein Dorf im Nordirak von der Terrormiliz Islamischer Staat völlig zerstört worden sei und er für die bisherige Odyssee mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren fast 30.000 Euro bezahlt habe. Die Schlepper hätten ihm, wie ihm später bewusst geworden sei, das Zwei- bis Dreifache des üblichen Tarifs abverlangt. Doch immerhin sei für die gefährliche Überfahrt nach Griechenland ein großes seetüchtiges Schiff organisiert worden.

Plötzlich knallt es. Im Lager ist nicht eine neue Fehde ausgebrochen, sondern nur die nass gewordene Mehrfachsteckdose explodiert, an der die Flüchtlinge jeden Morgen ihre Mobiltelefone aufladen. Mohammed Hussain will nicht klagen. Aber nach einigem Zögern sagt er doch, er habe nicht erwartet, nach all den Strapazen in einem Slum im Herzen des reichen Europa zu landen. Vieles erinnere ihn hier an sein verwüstetes Heimatdorf. Doch immerhin fühle er sich nun viel sicherer, und er sei froh, dass der Slum von der Polizei bewacht werde.

Mohammed Hussain will nicht mehr ausschließen, dass er doch noch in Frankreich Asyl beantragen wird, auch wenn das Land als wenig offen gelte, weniger Beschäftigungsmöglichkeiten als Großbritannien biete und er erst noch Französisch lernen müsste. Auch bei Dünkirchen sei es sehr schwierig und riskant geworden, auf einem Lastwagen versteckt nach Großbritannien zu gelangen. Vor allem mit Kindern sei das äußerst gefährlich.

Unmenschliche Regierung?

Eine Straße im „Dschungel“ wurde von den Flüchtlingen nach dem britischen Premierminister benannt.
Credits: AFP / PHILIPPE HUGUEN

Vickie Hawkins, die britische Direktorin von Médecins sans Frontières, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie wirft Großbritannien und Frankreich vor, mit ihrer Abschreckungspolitik eine humanitäre Krise verursacht zu haben. Auch Vertreter anderer humanitärer Nichtregierungsorganisationen, die im Slum Nothilfe zu leisten versuchen, lasten der Regierung in Paris an, sich bewusst nicht richtig um die Flüchtlinge zu kümmern, um deren Zustrom einzudämmen. Im letzten Jahr wurden in Frankreich 73.499 neue Asylanträge gestellt, gegenüber einer halben Million in Deutschland.

Nur widerwillig und erst unter dem Druck internationaler humanitärer Organisationen und negativer Medienberichte fand sich die Regierung kürzlich bereit, Médecins sans Frontières in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Grande-Synthe den Bau eines Flüchtlingslagers zu erlauben, das humanitären Mindesterfordernissen genügt und den Slum am Rande der Stadt ablösen soll. Die Bewilligung für die Errichtung des Lagers mit 500 heizbaren Zelten für insgesamt 2.500 Flüchtlinge, adäquaten sanitären Einrichtungen, Gemeinschaftsräumen und auch Schulräumlichkeiten wurde erst nach einem monatelangen Hin und Her Mitte Januar erteilt. Das Zeltlager, das sich weit außerhalb der Gemeinde auf einem Areal zwischen der Autobahn und der Eisenbahnlinie befinden wird, kann voraussichtlich im nächsten Monat eröffnet werden. Médecins sans Frontières trägt zwei Millionen der insgesamt 2,4 Millionen Euro hohen Baukosten. Den Rest bezahlt die Gemeinde.

Premierminister Manuel Valls und sein Innenminister Bernard Cazeneuve haben aus ihren großen Bedenken gegen solche Projekte kaum je einen Hehl gemacht. Wiederholt erklärten sie, dass eine Willkommenskultur, wie sich in Deutschland zeige, kontraproduktiv wäre. Eine solche Politik würde die Aufnahmekapazität Frankreichs heillos überfordern, erst recht zu humanitären Missständen führen und letztlich „ganz Europa destabilisieren“, sagte Valls kürzlich in einem BBC-Interview. Darin betonte er auch, dass sich Europa in erster Linie um die Sicherung seiner Außengrenzen und die Behebung der Ursachen der Krise kümmern müsse.

Nur temporäre Lösung

Französische Regierungsvertreter argumentieren gern, dass die Migranten bei Calais und Dünkirchen nach Großbritannien drängten und nicht in Frankreich ein Asylbegehren einreichen wollten, obwohl im letzten Sommer ein Gesetz zur Erleichterung von Gesuchen verabschiedet worden sei. Allerdings müssen Flüchtlinge in Frankreich schon allein für die Einreichung der Begehren weiterhin mindestens vier Monate warten, während deren sie noch kein reguläres Anrecht auf Unterstützungsleistungen haben.

Auch in der lokalen Bevölkerung von Grande-Synthe bestehen weiterhin erhebliche Zweifel, ob das humanitäre Experiment ihres Bürgermeisters von der links-grünen Partei Europe Écologie Les Verts gelingen wird und sich Sicherheit, Ordnung und Menschlichkeit miteinander kombinieren lassen. Bürgermeister Damien Carême versichert, dass das neue Flüchtlingslager nur eine vorübergehende Lösung sei. Allerdings sei schon damit zu rechnen, dass das Camp ein paar Jahren bestehen bleibe, was jedoch immer noch besser sei als wilde Bidonvilles, welche die Gemeinde auf keinen Fall mehr zulassen werde.

Und was geschieht, falls sich die Menschlichkeit von Grande-Synthe herumspricht, immer mehr Migranten ankommen und das Zeltlager nicht mehr ausreicht? Dann müssten endlich auch andere Gemeinden ihre humanitäre Verantwortung übernehmen, meint Bürgermeister Carême.