Steffano Rellandini/Reuters

Schweres Erdbeben

Erdbeben in Italien: Verzweifelter Kampf gegen die Zeit

von Andrea Spalinger / 25.08.2016

Mindestens 240 Menschen sind bei dem schweren Beben ums Leben gekommen. Ganze Gemeinden sind nicht mehr bewohnbar. Tausende sind obdachlos. Die Rettung der Verschütteten hat  zur Zeit absolute Priorität. Danach kommt auf die italienische Regierung eine wahre Herkulesaufgabe zu.

Vom Erdbeben aus dem Schlaf gerissenen Bewohnern und herbeigeeilten Helfern boten sich in vier italienischen Gemeinden des zentralen Apennins am frühen Mittwochmorgen apokalyptische Szenen. Grosse Teile der pittoresken kleinen Berggemeinden Accumoli und Amatrice in Latium sowie Arquata del Tronto und Pescara del Tronto in den Marken lagen in Schutt und Asche. Vor allem in den historischen Stadtkernen sind die meisten Häuser zerstört, und viele Gebiete sind nicht mehr zugänglich. Im italienischen Fernsehen konnten die Zuschauer live mitverfolgen, wie Verletzte und unter Schock stehende Überlebende nach Sonnenaufgang in den Strassen herumirrten. Einige waren von Helfern notfallmässig versorgt worden, andere sassen noch immer blutend inmitten des Chaos auf der Strasse.

Tausende von Personen waren im Schlaf vom Erdbeben überrascht worden. Vor allem ältere Gebäude brachen innert Sekunden in sich zusammen. Die Bewohner hatten keine Chance, zu entkommen. Aus Trümmerhaufen waren Hilferufe von Verschütteten zu hören. Feuerwehrmänner und Zivilschützer suchten bis am späten Abend verzweifelt nach Überlebenden. Anwohner unterstützten sie mit Schaufeln und oft auch mit blossen Händen. Immer wieder gab es Erfolgsmeldungen. So konnten in Arquata zwei Brüder im Alter von vier und sieben Jahren aus den Trümmern des Hauses ihrer Grossmutter gerettet werden, bei der sie in den Ferien waren. Die alte Frau hatte die beiden zum Schutz unter ihr Bett geschoben. Auch sie konnte später befreit werden. In Amatrice wurde ein junges Mädchen gerettet.

Insgesamt wurden im Lauf des Tages mehr als hundert Verschüttete geborgen, die meisten in Amatrice und Accumoli. Einige Schwerverletzte wurden per Helikopter nach Rom geflogen. Die meisten werden laut der Direktorin des Departements für Zivilschutz, Immacolata Postiglione, aber in Spitälern in der Umgebung versorgt. Die Lage sei unter Kontrolle, sagte sie an einer Pressekonferenz am Abend in Rom. Leider sei aber zu befürchten, dass die Zahl der Todesopfer weiter ansteigen werde. Am frühen Mittwochabend erklärte Ministerpräsident Matteo Renzi, dass mindestens 120 Personen ums Leben gekommen seien. Die Zahl erhöhte sich in der Nacht auf 160. Zudem werden Dutzende von Personen noch vermisst.

In Accumoli suchten Rettungskräfte den ganzen Tag über vergeblich nach einem verschütteten jungen Paar mit zwei Kleinkindern. Auch unter einem eingestürzten Hotel und in einer Hotelfachschule in Amatrice werden noch zahlreiche Opfer vermutet. Die betroffenen Bergdörfer sind abgelegen und für Rettungskräfte schwer zugänglich, umso mehr, als auch viele Strassen und Brücken in der Region beschädigt wurden. Das Rote Kreuz rief Autofahrer dazu auf, die einzige grössere Zufahrtsstrasse aus dem rund 150 Kilometer südwestlich gelegenen Rom, die sogenannte Via Salaria, zu meiden, um die Rettungsarbeiten nicht zu behindern. Da ganze Häuserzeilen und Ortsteile eingestürzt waren, sind aber auch viele Wege und Strassen innerhalb der verwüsteten Orte versperrt.

Rettungskräfte aus ganz Italien

Der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, sagte in einem Interview mit dem staatlichen Fernsehsender RAI, das lokale Spital sei leider zerstört und die Verletzten würden auf dem Platz davor behelfsmässig behandelt, bis sie mit Ambulanzen in den nächstgelegenen grösseren Ort Rieti gebracht werden könnten. In Arquata del Tronto wurden auf einem Sportplatz Zelte aufgebaut, in denen Verletzte versorgt wurden. Im Lauf des Tages trafen Feuerwehrmänner, Zivilschützer, Vertreter des Roten Kreuzes und andere Rettungskräfte aus allen Regionen des Landes im Erdbebengebiet ein. Zudem wurden auch Spezialtruppen der Armee mobilisiert.

Momentan hat die Rettung von Verschütteten laut Renzi absolute Priorität. Danach werden auf seine Regierung aber weitere Herkulesaufgaben zukommen. Denn Tausende von Personen sind durch das Erdbeben obdachlos geworden. Stefano Petrucci, der Bürgermeister von Accumoli, sagte in einem Interview mit der RAI, allein in seiner Gemeinde hätten 2500 Personen ihr Zuhause verloren. Kein einziges Gebäude in Accumoli sei mehr bewohnbar, sagte er. Man müsse deshalb Notunterkünfte für die gesamte Bevölkerung organisieren. Betroffen sind auch rund 2000 Personen, die in der Region Ferien machten. Die kühle Bergregion ist vor allem bei italienischen Touristen und insbesondere bei Römern sehr beliebt, die im Sommer gerne vor der Hitze der Hauptstadt fliehen.

Erdbeben in den frühen Morgenstunden

In den vier am schwersten betroffenen Ortschaften sind selbst viele der Häuser, welche noch stehen, beschädigt. Experten haben bereits warnend darauf hingewiesen, dass diese vor einer genaueren Überprüfung durch Ingenieure auf keinen Fall mehr betreten werden sollten. Das erste Beben am Mittwoch ereignete sich um 3 Uhr 36 morgens und hatte eine Stärke von über 6 auf der Richter-Skala. Eine Stunde später folgten kurz nacheinander zwei weitere Erschütterungen mit einer Stärke von 5,4 und 5. Das jüngste Beben war damit sogar noch etwas stärker als jenes im nahe gelegenen L’Aquila 2009. Damals waren mehr als 300 Personen ums Leben gekommen, und das historische Zentrum der Stadt in den Abruzzen war weitgehend zerstört worden.

Das nun betroffene Gebiet zwischen Latium und den Marken ist glücklicherweise weniger dicht besiedelt. Die Gemeinden, die verwüstet wurden, hatten nur je einige tausend Einwohner. Hätten sich in dem Gebiet grössere Städte befunden, wären laut dem Seismologen Andrea Tertulliani vom Istituto Nazionale di Geofisica a Vulcanologia in Rom wohl sehr viel mehr Todesopfer zu verzeichnen gewesen. Der Experte meint jedoch warnend, dass weitere, auch schwere Nachbeben möglich seien. Bereits am Mittwochnachmittag waren in der Gegend tatsächlich zahlreiche leichtere Erschütterungen zu spüren.

„Niemand wird alleine gelassen“

Noch ist es unmöglich, das ganze Ausmass der Zerstörung zu beurteilen und den Schaden einzuschätzen. Der Finanzminister erklärte am Mittwochnachmittag, für erste Notmassnahmen stehe ein Fonds mit 234 Millionen Euro bereit. Renzi sprach den Angehörigen der Opfer in einer kurzen Ansprache am Mittag sein Beileid aus und versprach den Betroffenen staatliche Unterstützung. „Niemand wird alleine gelassen“, betonte er. Noch am Abend besuchte der Regierungschef persönlich das Erdbebengebiet und sprach dort mit Helfern. Danach traf Matteo Renzi in Rieti mit Verkehrsminister Graziano Delrio und dem Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, zu Krisengesprächen zusammen.

Aus dem Ausland trafen zahlreiche Beileidsbekundungen und Hilfsangebote ein. Deutschland, Frankreich und die Schweiz boten Italien Unterstützung an. Und auch der zuständige EU-Kommissar, Christos Stylianides, erklärte, Brüssel stehe bereit zu helfen. Das Zentrum für die Koordination von Notfallmassnahmen sei bereits in Kontakt mit den italienischen Behörden, sagt Stylianides. Unter anderem habe man Rom bereits Satellitenbilder vom Erdbebengebiet übergeben, damit es das Ausmass der Katastrophe besser abschätzen könne.