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Erdbebenschutz

Erdbeben in Italien: Von Katastrophe zu Katastrophe

von Julius Müller Meiningen / 25.08.2016

Italien ist das erdbebenreichste Land Europas. Dennoch sind 70 Prozent der Gebäude nicht gesichert. Experten fordern schon lange eine andere Prävention.

In Italien sind in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Hunderte von Menschen Naturkatastrophen zum Opfer gefallen. Seit dem Jahr 1968 wurden insgesamt 180 Milliarden Euro für den Wiederaufbau nach Erdbeben investiert. Das hat der italienische Verband der Bauunternehmer errechnet. 13,7 Milliarden Euro wurden alleine für die Rekonstruktion nach dem Erdbeben 2009 in den Abruzzen bereitgestellt. Alle paar Jahre wird das Land von einem schweren Erdbeben heimgesucht, letztmals 2012 in der Emilia-Romagna. Der Wiederaufbau ist zweifellos notwendig, aber Geologen, Seismologen und Angehörige des italienischen Zivilschutzes beklagen vor allem den Mangel an Erdbeben-Prävention im Land. „Immer unvorbereitet“, titelte die Mailänder Zeitung „Libero“ am Donnerstag auf der ersten Seite.

Die Sensibilisierung fehlt

„In Italien haben wir trotz allem keine Präventions-Kultur“, sagt Francesco Peduto, der Vorsitzende des italienischen Geologen-Rates. 24 Millionen der knapp 60 Millionen Italiener leben laut Peduto in Gegenden mit erhöhtem Erdbebenrisiko, die betroffenen Gegenden reichen vom Friaul über den Apennin bis nach Kalabrien und Sizilien. „Wir geben uns damit zufrieden, den Notstand zu verwalten“, kritisiert der Erdbebenforscher Massimo Cocco des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (Ingv). Enzo Boschi, Seismologe und ehemaliger Präsident des Ingv, behauptet: „In Italien wird nur nach Erdbeben verantwortungsvoll gebaut.“ Dies war etwa in der umbrischen Stadt Norcia der Fall, die 1979 und 1997 von Erdbeben betroffen war. Nach entsprechenden Baumassnahmen gab es beim Beben vom Mittwoch weder Tote noch Verletzte und auch kaum Schäden, obwohl das Epizentrum in unmittelbarer Nähe lag.

Unisono fordern die Experten nun einen grundlegenden Wandel. Zum einen bedürfe es einer neuen „Kultur der Prävention“. Die oft ahnungslose Bevölkerung in den entsprechenden Gebieten müsse für die Risiken sensibilisiert werden und eine Anleitung für richtiges Verhalten im Fall von Erdbeben bekommen. Das sei bis jetzt nicht der Fall. Bereits in der Schule müssten Kurse gegeben werden. „Zwischen 20 und 50 Prozent der Todesfälle haben ihre Ursache in Fehlverhalten der Personen während eines seismischen Ereignisses“, sagt Peduto.

Andererseits monieren die Experten die mangelnde Sicherung der Gebäude gegen Erdbeben. Ihr Einsturz verursacht die meisten Todesfälle. Obwohl Italien das am meisten von Erdbeben betroffene Land in Europa ist, seien 70 Prozent aller Immobilien nicht erdbebensicher. Grund dafür ist auch die alte Bausubstanz, wie in den teilweise mittelalterlichen Dörfern Amatrice oder Accumoli. Steuerbegünstigungen für erdbebensichere Renovierungen privater Gebäude erwiesen sich bisher als Flop, Eigentümer haben oft weder Mittel noch Interesse an aufwendigen Umbauten. Gegen die Kategorisierung privater Gebäude wehrten sich Italiens Immobilieneigentümer bis anhin erfolgreich. Die Etikettierung eines Hauses als unsicher hätte entweder eine Entwertung oder aufwendige Umbaumassnahmen zur Folge. „Die Regierung müsste wenigstens Krankenhäuser und Schulen sichern lassen“, sagt der Seismologe Massimo Cocco. Der Geologe Peduto fordert gar einen nationalen Plan zur Sicherung der Gebäude.

Kategorisierung hilft nicht

Erst als im Herbst 2002 in der Region Molise 27 Kinder und eine Lehrerin nach einem Erdstoss in ihrer Schule erdrückt wurden, begann die Regierung mit der Unterteilung des Landes in verschiedene Gefahrenzonen. Erdbebensicheres Gebiet gibt es seit 2004 in Italien offiziell nicht mehr. Konsequenzen aus der Erfassung der besonders gefährdeten oder strategisch wichtigen Gebäude wurden aber nur ungenügend gezogen. Immer noch sind zahlreiche Schulen nicht erdbebensicher.

So stürzte beim Beben in Mittelitalien am Mittwoch auch das Schulgebäude von Amatrice ein, in dem sich Kindergarten, Grund-, und Mittelschule befanden, obwohl es 2012 angeblich erdbebensicher renoviert worden war. Da sich das Beben nachts um 3.36 Uhr ereignete, war das Gebäude glücklicherweise leer. Auch das Rathaus von Amatrice fiel in sich zusammen, das Krankenhaus wurde evakuiert und ist unbegehbar. Die Staatsanwaltschaft aus der nahe gelegenen Provinzhauptstadt Rieti ermittelt.