Yasin Bulbul / Keystone

Inselstreit in der Ägäis

Erdogan legt sich mit der Geschichte an

von Marco Kauffmann Bossart / 03.10.2016

Im Vertrag von Lausanne wurden 1923 unter anderem die Grenzen zwischen Griechenland und der Türkei verankert. Nicht nur in Athen fragt man sich, weshalb Erdogan daran rüttelt.

In einer Rede vor Dorfvorstehern setzte Recep Tayyip Erdogan unlängst zu einer historischen Tour d’Horizon an, die vom blutigen Putschversuch im Juli bis zur Gründungszeit der Republik in die 1920er Jahre führte. Wie damals trage die Türkei heute einen Unabhängigkeitskrieg aus, rief Erdogan den applaudierenden Lokalfunktionären in seinem Palast zu.

Der Staatspräsident liess es nicht bei der etwas sonderbaren Analogie bewenden, sondern zog über den Vertrag von Lausanne von 1923 her, der nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs die Türkei innerhalb der heutigen Grenzen anerkannte. Drei Monate nach der Unterzeichnung am 24. Juli 1923 auf Schloss Ouchy proklamierte Mustafa Kemal Atatürk die Türkische Republik. Es sei versucht worden, das Abkommen der Türkei als Sieg zu verkaufen, lamentierte Erdogan vor den Dorfvorstehern. Dabei seien Inseln „mit unseren Moscheen“ abgetreten worden, die sich in Rufnähe der Türkei befänden. Erdogan bezog sich auf die Ägäisinseln, die wegen ihrer Nähe zum türkischen Festland zum Fokus in der Flüchtlingskrise wurden. Gegenstand des Lausanner Vertrages waren unter anderem die Inseln Lesbos, Chios, Samos und Ikaria. Darin deklarierte man sie als partiell demilitarisierte Gebiete.

„Inseln in Rufnähe“

An der Konferenz von 1923 wurde auch ein Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei vereinbart. Über eine Million orthodoxer Christen waren danach gezwungen, die Türkei zu verlassen. Im Gegenzug mussten 400 000 Muslime von Griechenland in die Türkei migrieren. Zudem zog der Vertrag einen Schlussstrich unter die Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit der Vernichtung der osmanischen Armenier.

In der Athener Reaktion auf Erdogans historischen Exkurs mischte sich Unverständnis mit Empörung. Ministerpräsident Alexis Tsipras meinte warnend, es sei gefährlich für die bilateralen Beziehungen und die ganze Region, das Lausanner Abkommen infrage zu stellen. (Verweis) Unter Beschuss kam Erdogan auch in der Türkei: „Was ist falsch mit dem Vertrag von Lausanne?“, wunderte sich der Chefredaktor der gemässigt regierungskritischen „Hürriyet Daily News“. Abgeordnete der oppositionellen CHP, der Partei Atatürks, nannten Erdogans Ausführungen schändlich, zumal sie als Herabwürdigung der säkularen Gründungsväter verstanden werden müssen, die in Lausanne am Verhandlungstisch sassen. Angeführt wurde die Delegation von Ismet Inönü, dem Weggefährten Atatürks und späteren Staatschef.

Gilt der Vertrag von Lausanne heute als Symbol der Unabhängigkeit der Türkei, war es vielmehr der von den Siegermächten diktierte Friedensvertrag von Sèvres (1920), der am Bosporus tiefe Wunden hinterlassen hat. Gemäss dem nie ratifizierten Abkommen wäre aus dem zerfallenen Osmanischen Reich ein kleiner Rumpfstaat übrig geblieben. Erst nach weiteren Kriegsjahren wurde die Türkei 1923 in der heutigen Grösse anerkannt. Für Erdogan verkörpert das Osmanische Reich den Glanz einer Türkei, wie sie ihm vorschwebt.

Nationalistische Symbolpolitik

Dass Ankara jetzt aggressiv Gebietsansprüche anmeldet, ist indes unwahrscheinlich. Erdogan dürfte es eher darauf angelegt haben, mit seiner Geschichtsdeutung nationalistische Gefühle zu bedienen, zumal sie zum offiziellen Klagelied passt, das die Türkei als ein von fremden Mächten drangsaliertes Land darstellt.

Diese Ausgangslage schliesst nicht aus, dass sich das Katz-und-Maus-Spiel in der Ägäis zwischen Griechenland und der Türkei wieder intensiviert. Die beiden Nato-Mitgliedstaaten hatten in den 1990er Jahren wegen umstrittener Seegrenzen fast einen Waffengang geführt. Seither kommt es auf beiden Seiten regelmässig zu Provokationen. Das territoriale Gerangel erschwerte die im Februar 2016 gestartete Nato-Mission, die Menschenschmugglern in der Ägäis das Handwerk legen sollte. Laut griechischen Quellen hat Ankara unlängst beantragt, die Nato-Einsatzverbände wegen geringerer Flüchtlingszahlen abzuziehen. Nato hält an Mittelmeer-Einsatz fest nn. Brüssel ⋅ Die Türkei hat die Nato-Partner schon vor einigen Monaten erstmals wissen lassen, dass sie keine Notwendigkeit für die Fortführung der Überwachungsmission in der Ägäis mehr sieht. Die Alliierten sind aber mehrheitlich der Ansicht, dass die Mission, die derzeit aus sechs Schiffen besteht, nach wie vor sinnvoll ist: „Unsere Boote liefern täglich wichtige Informationen und helfen Griechenland, der Türkei und Frontex bei der Schlepper-Bekämpfung“, betont ein Nato-Beamter auf Anfrage. Um die im Februar nach einem Kompromiss zwischen Berlin, Ankara und Athen beschlossene Mission zu beenden, wäre ein Konsens-Entscheid aller 28 Nato-Alliierten nötig. Sollten sich die Meinungsverschiedenheiten zuspitzen, könnte die Türkei auch versucht sein, die Arbeit der Mission in der Praxis zu behindern. Die Nato will ihr Engagement in der Flüchtlingskrise noch ausbauen: In Kooperation mit der EU laufen die Planungen für eine Nato-Mission im zentralen Mittelmeer.