AFP PHOTO / DHA

Anschlag in Istanbul

Erdoğan verdächtigt die PKK

von Marco Kauffmann Bossart / 09.06.2016

Die Terrorwelle in der Türkei reißt nicht ab. Am Dienstagmorgen starben in Istanbul elf Menschen durch die Explosion einer Autobombe. Die Regierung präsentiert zwiespältige Erfolge.

Am Dienstagmorgen sind im Istanbuler Quartier Beyazit, unweit des historischen Zentrums, durch die Explosion einer Autobombe sieben Polizisten und vier Zivilisten getötet worden. Mindestens 36 Personen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan machte umgehend die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) für den Anschlag auf den Polizeibus verantwortlich.

Dieselbe Handschrift

Durch die wuchtige Detonation, die sich während des morgendlichen Berufsverkehrs ereignete, kippte der mit Bereitschaftspolizisten besetzte Bus zur Seite. Autos fingen Feuer, und der Eingang eines Hotels brannte vollständig aus. Auch die Scheiben einer Moschee aus dem 16. Jahrhundert gingen zu Bruch. An der Universität Istanbul wurden Vorlesungen und Prüfungen abgebrochen. Offenbar lösten die Täter die Explosion mit einer Fernbedienung aus, als der Bus vorbeifuhr. Augenzeugen berichteten von einem anschließenden Schusswechsel. Wenige Stunden nach dem Anschlag nahm die Polizei vier Verdächtige fest. Laut der Nachrichtenagentur DHA soll die Autobombe in einem Mietwagen platziert worden sein.

Zum dritten schweren Anschlag in Istanbul seit Anfang des Jahres bekannte sich zunächst niemand. Es sei nichts Neues, dass „die Terrororganisation“ Anschläge in großen Städten verübe, erklärte hingegen Erdoğan, der in einem Istanbuler Spital Verletzte besuchte. Wie andere Mitglieder der türkischen Führung nennt Erdoğan die PKK meist nicht bei ihrem Namen. Tatsächlich attackieren die kurdischen Extremisten seit dem Kollaps des Friedensprozesses im Juli 2015 unablässig Armee- und Polizeieinheiten. Während die PKK vor allem in den kurdischen Gebieten im Südosten des Landes zuschlägt, tragen Splittergruppen den bewaffneten Kampf in die Hauptstadt Ankara und nach Istanbul, das wirtschaftliche und touristische Zentrum der Türkei. Im März hatte eine Autobombe in Ankara 35 Menschen in den Tod gerissen. Dazu bekannten sich die „Freiheitsfalken Kurdistans“. Die obskure Gruppierung im Dunstkreis der PKK kündete weitere Anschläge an, explizit auch gegen touristische Einrichtungen.

Nicht nur kurdische Rebellen haben es darauf angelegt, Angst und Schrecken zu verbreiten. Im Januar sprengte sich in Istanbul ein Selbstmordattentäter, der dem Islamischen Staat (IS) zugerechnet wurde, in die Luft und tötete unweit des jüngsten Blutbades zwölf deutsche Touristen. Deutschland ist eines der wichtigsten Herkunftsländer in Bezug auf die türkische Tourismusbranche. Im März erreichte der Terror die Istiklal Caddesi, die am stärksten frequentierte Einkaufsstraße Istanbuls. Laut den Behörden steckte ebenfalls der IS dahinter. Der Fremdenverkehr, ein für die türkische Wirtschaft zentrales Standbein, hat in diesem Frühjahr die stärksten Einbußen seit 1999 erlitten. Das deutsche Außenministerium wies Reisende am Dienstag warnend darauf hin, dass weiter mit politischen Spannungen, gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen sei.

Zweifelhafte Erfolge

Die türkische Regierung stellt die beunruhigende Häufung von Terrorakten immer wieder als letztes Aufbäumen der PKK dar. Laut der offiziösen Zeitung „Sabah“ wurden seit Juli 2015 rund 4.900 PKK-Kämpfer getötet. Dabei verloren mehr als 500 Sicherheitskräfte ihr Leben. Allerdings zeigt die Gewaltwelle, dass die Extremisten stärker sind, als es der Sicherheitsapparat in Ankara eingestehen will. Das brutale Vorgehen des Militärs in den kurdischen Gebieten führt derweil dazu, dass sich Jugendliche in Scharen der PKK anschließen.