Imago

Wirtschaft der Türkei

Erdogans ökonomische Baustellen

Meinung / von Thomas Fuster / 18.07.2016

Nach dem Umsturzversuch dürften Wirtschaftsreformen tiefe Priorität haben in der Türkei. Dabei gäbe es zahlreiche Baustellen, denen man sich nun dringend zuwenden müsste.

Nach dem misslungenen Putschversuch macht sich der türkische Präsident Erdogan mit hohem Tempo daran, seine Macht zu festigen und Kritiker aus dem Staatsapparat zu entfernen. Damit dürften wirtschaftliche Reformen eine noch tiefere Priorität erhalten. Dass Erdogan zu solchen Reformen fähig wäre, hat er zu Beginn seiner Regierungszeit bewiesen. Zwischen 2002 und 2005 erfuhr die Türkei mit Unterstützung des Währungsfonds eine tiefgreifende Erneuerung. Der Bankensektor wurde umgepflügt, der Wechselkurs flexibilisiert, die Unabhängigkeit der Zentralbank gefestigt, die Infrastruktur modernisiert, der Mittelstand gestärkt und der Wohlstand auch in anatolische Hinterlande getragen.

Jeder Reformeifer scheint erlahmt

Erdogan, man mag es heute kaum noch glauben, galt damals auch im westlichen Ausland als hoffnungsvoller Reformer. Doch nach vierzehn Jahren ununterbrochener Regentschaft scheint jeder Reformeifer erlahmt. Zwar weist die Türkei seit Jahren ein recht ansehnliches Wirtschaftswachstum aus und hat zudem viele Stellen geschaffen, namentlich in ehemals strukturschwachen Regionen. Doch der selbstherrliche Auftritt Erdogans, die Zensurierung des Internets, die Aushebelung der Gewaltenteilung und die Inhaftierung unliebsamer Opponenten schrecken immer mehr Investoren ab. Entsprechend mangelt es dem Land an Direktinvestitionen; für solche Engagements verlangen Investoren einigermassen berechenbare Rahmenbedingungen.

Der selbstherrliche Auftritt Erdogans, die Zensurierung des Internets, die Aushebelung der Gewaltenteilung und die Inhaftierung unliebsamer Opponenten schrecken immer mehr Investoren ab.

Zu restaurieren gälte es aber nicht allein die Rechtsstaatlichkeit und die richterliche Unabhängigkeit. Die türkische Wirtschaft krankt auch an diversen Ungleichgewichten, die seit Jahren nur halbherzig angegangen werden. So wird das Wachstum allzu stark durch den Privatkonsum angetrieben, finanziert durch einfach zugängliche Kreditkarten. Entsprechend tief ist die Sparquote. Dies führt dazu, dass die Türkei in hohem Mass von Kapitalimporten abhängig ist, also vom volatilen Auf und Ab der Finanzmärkte. Enge Grenzen für die Entwicklung setzt auch die tiefe Beschäftigungsquote der Frauen. Während in den OECD-Staaten durchschnittlich 59 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren erwerbstätig sind, ist dies in der Türkei nur bei 31 Prozent der Fall. Dass Erdogan, der ein extrem konservatives Familienmodell propagiert, daran tatsächlich etwas ändern will, erscheint als wenig glaubwürdig.

Gefährliches Unterlassen

Weitere ökonomische Baustellen gibt es zuhauf, etwa die ungenügende Berufsausbildung oder die schwerfällige Bürokratie. Sie zu ignorieren, wäre für Erdogan ein gefährliches Unterlassen. So verdankt er einen grossen Teil seines öffentlichen Rückhalts dem wirtschaftlichen Aufschwung. Selbst Alleinherrscher agieren nicht im luftleeren Raum.