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Uno-Ziele fraglich

Erfolge und Hindernisse im Kampf gegen den Hunger

von Sereina Capatt / 11.10.2016

Die Unterernährung nimmt weltweit ab. Dies zeigt der neueste Index der deutschen Welthungerhilfe. Doch das Ziel der Uno, den Hunger vollständig zu verbannen, liegt noch in utopisch weiter Ferne.

795 Millionen Menschen sind von Hunger betroffen. Zu dieser Bilanz kommt der Bericht der deutschen Welthungerhilfe, des Internationalen Forschungsinstituts für Ernährungspolitik und Concern Worldwide. Der neueste Welthunger-Index (WHI) 2016 zeigt aber auch, dass der Hunger in den letzten 16 Jahren um 29 Prozent zurückgegangen ist – auch in absoluten Zahlen, obwohl die Weltbevölkerung weiter wächst.

Kambodscha als Vorreiter

Der WHI kategorisiert die Länder Ost- und Südostasiens, des Nahen Ostens, Nordafrikas, Lateinamerikas, der Karibik sowie Osteuropas. Die regionalen Unterschiede bei der Ernährungssicherheit sind frappant. Kambodscha, Rwanda und Burma gehören zu jenen Staaten, die den Hunger seit 200 am stärksten verringern konnten. Alle drei Länder waren in den vergangenen Jahrzehnten von Bürgerkriegen und politischer Unruhen betroffen. Die Verbesserungen in der Ernährungssicherheit könnten teilweise als Resultat einer grösseren Stabilität angesehen werden. Wie definiert der Index „Hunger“?Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet Hunger die Qual, die durch einen Mangel an Nahrung erzeugt wird. Die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen definiert Nahrungsentzug oder Unterernährung als die Aufnahme von weniger als 1800 Kilokalorien am Tag. Dies sei ein Minimum, das die meisten Menschen für ein gesundes und produktives Leben benötigten. Unterernährung geht über die Kalorienaufnahme hinaus und bezeichnet eine unzureichende Versorgung mit Energie, Proteinen oder wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen. Der WHI erfasst Hunger mittels vier Indikatoren: Unterernährung, Auszehrung bei Kindern, Wachstumsverzögerung bei Kindern und Kindersterblichkeit. In vielen afrikanischen Ländern südlich der Sahara ist die Situation laut dem Bericht hingegen weiterhin sehr ernst. Das Schlusslicht im Welthunger-Index bildet in diesem Jahr die Zentralafrikanische Republik. Besonders gravierend ist das Hungerproblem auch im Tschad, in Sambia und Haiti, auf Madagaskar, in Jemen und in Sierra Leone. Als sehr ernst wird die Lage auch in Afghanistan eingeschätzt.

In Kriegsgebieten fehlen die Daten

Bewaffnete Konflikte wie im Südsudan, in Kongo-Kinshasa oder in Syrien sind oft die Hauptursache für Hunger und Mangelernährung. Doch für diese und zehn weitere Länder fehlen im WHI aktuelle Daten. Gemäss Schätzungen wird die dortige Situation aber als gravierend eingestuft. Verschärft wird das Problem durch die grosse Zahl an Flüchtlingen, die durch die gewaltsamen Konflikte entstehen. Im Sudan schätzt die Welthungerhilfe, dass Binnenvertreibungen aus dem Südsudan die Ernährungsunsicherheit massiv verstärken. Im Sudan leidet rund ein Sechstel der Kinder an Auszehrung.

Auch in Libyen werden aktualisierte Daten dringend benötigt, damit die internationale Gemeinschaft die Herausforderungen für die Ernährungssicherung in Folge des libyschen Bürgerkriegs von 2011 sowie des zweiten Bürgerkriegs seit 2014 besser einschätzen kann. Konflikte und Instabilität haben die landwirtschaftliche Produktion vermindert und beeinträchtigen die Infrastruktur zur Verteilung der Nahrungsmittel. Laut Schätzungen ist die Ernährung von 1,28 Millionen Menschen in Libyen nicht gesichert.

Unrealistisches Ziel der Uno?

„Den Hunger beenden“ ist eines von insgesamt 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Uno, die bis 2030 erreicht werden sollen. Die Agenda wurde im letzten Jahr von den Uno-Mitgliedstaaten verabschiedet. Neue Massnahmen für Landwirtschafts- und Ernährungssysteme sollen die Ernährungssicherheit auch gegen Naturkatastrophen, Auswirkungen des Klimawandels und gewaltsame Konflikte sicherstellen. David Nabarro, Sonderberater für die Agenda 20130, fordert in einem kürzlich veröffentlichten Schreiben, dass sich alle Regierungen auch eigenständig dem Ziel „Zero Hunger“ verpflichten. Dabei sollen alle nationalen Gesellschaftsgruppen miteinbezogen werden.

Das Ziel, den Hunger verschwinden zu lassen, ist enorm ehrgeizig. Der diesjährige Welthunger-Index zeigt die Probleme auf, aufgrund derer das Ziel aller Voraussicht nach verfehlt wird: Wenn die Regionen, die im Index vertreten sind, zwischen 2016 und 2030 ihre Ernährungssituation in derselben Geschwindigkeiten verbessern wie seit 2000, werden ihre WHI-Werte ungefähr bei 20 bis 22 liegen. Damit wäre ihre Lage immer noch ernst. Hinzu kommt, dass in kriegszerrütteten Ländern wie Syrien die humanitäre Situation undurchsichtig ist. Hilfe für die in der syrischen Stadt Aleppo hungernden Zivilisten kommt nicht durch die besetzten Gebiete und für die Regierung Asad scheint das Ziel „Zero Hunger“ nicht prioritär.

Barbara Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, bekräftigte an einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin die pessimistische Perspektive. Das Tempo der Verbesserung der Versorgungslage sei zu gering, um in 14 Jahren Hungersnöte besiegen zu können.