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Wirtschaftsleistung der EU

Erstmals über Vor-Krisen-Niveau

von René Höltschi / 29.04.2016

Das EU-Statistikamt Eurostat hat dem Euroraum zwei gute und eine schlechte Nachricht beschert. Wegen Letzterer kann EZB-Chef Draghi noch nicht aufatmen.

Gleich drei Schlüsseldaten zum Euro-Raum hat das EU-Statistikamt Eurostat am Freitag veröffentlicht. Zwei davon, das Wirtschaftswachstum und die Arbeitslosendaten, entwickelten sich gut, die Inflation hingegen veränderte sich in die falsche Richtung. So hat das reale Wachstum des saisonbereinigten Bruttoinlandprodukts (BIP) gegenüber dem Vorquartal laut einer ersten Schätzung von 0,3 Prozent im Schlussquartal 2015 auf 0,6 Prozent im ersten Vierteljahr 2016 angezogen. Es fiel damit kräftiger aus als von Analytikern erwartet. Außerdem hat das BIP mit diesem Zuwachs erstmals den unmittelbar vor der Finanzkrise im ersten Quartal 2008 erreichten Stand wieder überschritten. Die Eurozone hat also bis jetzt gebraucht, um den in der Krise erlittenen Einbruch wieder wettzumachen.

Vor Jubelstürmen wird gewarnt

In der ganzen EU-28 legte das Wachstum von 0,4 Prozent im Schlussquartal 2015 auf 0,5 Prozent im ersten Quartal 2016 zu. Gegenüber demselben Vorjahresquartal stieg das BIP in den ersten drei Monaten des Jahres im Euro-Raum um 1,6 Prozent und in der EU-28 um 1,7 Prozent.

Es ist das erste Mal, dass Eurostat so früh eine „Schnellschätzung“ zum BIP veröffentlicht. Da diese weder Angaben zu den einzelnen Mitgliedstaaten noch zu den BIP-Komponenten enthält, ist sie schwierig zu interpretieren. Etwas detaillierte Angaben folgen am 13. Mai. Die bisher vorliegenden Daten scheinen aber zu zeigen, dass vor allem im Euro-Raum wachstumsstützende Faktoren wie die niedrigen Ölpreise und die lockere Geldpolitik den Gegenwind in Form der Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern überraschend klar wettgemacht haben. Laut ersten nationalen Angaben haben im ersten Quartal sowohl Frankreich mit einem BIP-Zuwachs gegenüber dem Vorquartal um 0,5 Prozent als auch Spanien mit einem Plus von 0,8 Prozent gute Resultate erzielt.

Ökonomen warnten indessen in ersten Kommentaren vor allzu viel Euphorie: Zum einen könnten Sonderfaktoren wie der milde Winter zum guten Ergebnis beigetragen haben, zum andern bleibe angesichts der Premiere abzuwarten, wie verlässlich derart frühe Schätzungen seien.

Erneut negative Inflation

Einen Wermutstropfen steuerte zudem die erste Schätzung zur April-Teuerung bei: Laut dieser ist die jährliche Inflation im Euro-Raum gemessen an den Konsumentenpreisen von 0 Prozent im März auf –0,2 Prozent im April gesunken. Sie liegt damit trotz aller Lockerungen der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) erneut im negativen Bereich und auf demselben Niveau wie schon im Februar. Der Grund liegt weiterhin bei den Energiepreisen, die im April um 8,6 Prozent (März: 8,7 Prozent) tiefer waren als im selben Vorjahresmonat.

Ungünstig hat sich zudem die Kernteuerung entwickelt, die die volatilen Preise für Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak ausblendet und deshalb als für die mittelfristige Entwicklung aussagekräftiger gilt: Sie sank von 1,0 Prozent mit März auf 0,8 Prozent im April. Dies lag daran, dass die Preise für Dienstleistungen zwar auch im Berichtsmonat unter allen Teilindizes am stärksten gestiegen sind, ihr Plus gegenüber demselben Vorjahresmonat aber mit 1,0 Prozent geringer ausfiel als mit März mit 1,4 Prozent.

Diese Daten scheinen die Erwartung vieler Auguren zu bestätigen, dass die Teuerung wegen der Schwankungen der Ölpreise noch für einige Zeit sehr tief oder gar negativ sein könnte. Immerhin könnte die konjunkturelle Belebung etwas Gegensteuer geben und preissteigernd wirken. Die EZB strebt mittelfristig eine durchschnittliche Inflationsrate von „unter, aber nahe zwei Prozent“ an.

Musterschüler Tschechien

Erfreulich entwickelt hat sich die dritte Kennzahl vom Freitag: Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote ist im Euro-Raum von 10,4 Prozent im Februar auf 10,2 Prozent im März gesunken. Damit hat sie den tiefsten Stand seit August 2011 erreicht. Allerdings liegt sie weiterhin klar über den 2008 vor Ausbruch der Finanzkrise erreichten Werten von gut 7 Prozent.

Etwas besser ist die Lage in der ganzen EU: Deren Arbeitslosenquote sank von 8,9 Prozent im Februar auf 8,8 Prozent im März, womit sie laut Eurostat den tiefsten Stand seit sieben Jahren erreicht hat. Die EU-weit tiefsten Werte wiesen im Berichtsmonat Tschechien mit 4,1 Prozent und Deutschland mit 4,2 Prozent aus, die höchsten Spanien mit 20,4 Prozent und Griechenland mit 24,4 Prozent (Januar, keine neueren griechischen Daten verfügbar). Über ein Jahr betrachtet sank die Arbeitslosenquote in 25 der 28 Mitgliedstaaten; gestiegen ist sie nur in Österreich (von 5,6 Prozent auf 5,8 Prozent) Lettland und Finnland. Am stärksten gesunken ist sie in Zypern, Bulgarien und Spanien. In Frankreich ging die Quote von 10,3 Prozent im März 2015 auf 10,0 Prozent im März 2016 zurück, in Italien von 12,4 Prozent auf 11,4 Prozent.

Eurostat schätzt, dass im März EU-weit 21,4 Mio. Menschen arbeitslos waren, davon 16,4 Mio. im Euro-Raum. Gegenüber Februar sank die Zahl in der EU-28 um 250.000 und im Euro-Raum um 226.000.