AFP PHOTO / DANIEL LEAL-OLIVAS

Attentat auf britische Politikerin

EU-Abstimmung als Tatmotiv?

von Markus M. Haefliger / 17.06.2016

Jo Cox, eine allseits beliebte Labourabgeordnete, ist von einem Einzeltäter auf offener Straße getötet worden. Großbritannien ist im Schockzustand.

Die Bluttat hat sich am Donnerstagmittag in einem Vorort von Leeds ereignet, den Jo Cox seit gut einem Jahr im britischen Parlament vertreten hatte. Die 41-jährige Labourabgeordnete hatte die wöchentliche Sprechstunde für Bürger des Wahlkreises in ihrem lokalen Büro beendet und wollte nebenan ein Sandwich kaufen. Ein Mann stach Cox unterwegs nieder und schoss mit einer Feuerwaffe zwei oder drei Mal aus nächster Nähe auf sie, davon einmal ins Gesicht.

Angeblich „Britain first“ gerufen

Die Polizei verhaftete wenig später den über 50-jährigen mutmaßlichen Täter, der in der Nachbarschaft als Tommy Mair bekannt ist. Die Untersuchungsbehörden gehen von einem Einzeltäter aus. Laut Augenzeugen rief er „Britain first!“, als er Jo Cox angriff – ein möglicher Hinweis auf einen Zusammenhang mit dem britischen EU-Referendum nächste Woche. Jo Cox hatte sich in der Kampagne stark für den Verbleib Großbritanniens in der EU engagiert. Sie starb kurz nach der Spitaleinlieferung.

Über die Auswirkungen kann man nur mutmaßen. Britische Parlamentsabgeordnete pflegen in ihren Wahlkreisen, die sie alleine vertreten, ein hohes Maß an Bürgernähe. Die persönliche Sicherheit der Abgeordneten auch außerhalb des Parlaments dürfte nun auf die Traktandenliste kommen. Zunächst sind die Reaktionen emotional und heftig. Jo Cox war eine fröhliche und allseits beliebte Persönlichkeit und wirkungsvolle Politikerin. Ihr wurde eine große Zukunft vorausgesagt. Politiker aller Parteien äußerten Bestürzung; selbst sonst kühlen Politikern wie Innenministerin Teresa May zitterte die Stimme, als sie vor die Kameras traten. Premierminister David Cameron sprach vom „großen Herzen“ der verstorbenen Politikerin, die parteiübergreifende Allianzen geschmiedet habe.

Vor ihrer Wahl hatte Jo Cox als humanitäre Helferin in Afrika gearbeitet und die politische Abteilung der Hilfsorganisation Oxfam geleitet. Sie stand der Parlamentskommission zu Syrien vor. Parteiintern outete sie sich kürzlich als Kritikerin von Labourchef Jeremy Corbyn. Das politische Großbritannien, in dem noch Momente zuvor der Abstimmungskampf zum EU-Referendum hin und her gegangen war, verstummte am Donnerstagnachmittag schlagartig. Beide Lager stellten ihre Kampagnen bis auf weiteres ein.