EU beliebter als ihr Ruf

von Marie-Astrid Langer / 06.06.2015

Die Bevölkerung der EU denkt wieder positiver über die Union, das zeigt eine Studie des Pew Research Center. Die Wirtschaftsleistungen spalten jedoch die Geister. Die NZZ-Redakteurinnen Marie-Astrid Langer und Roberta Fischli fassen die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammen.

Man will meinen, um die Europäische Union ist es dieser Tage schlecht bestellt: Die Briten diskutieren über einen Austritt aus der EU; Griechenland stellt das Bündnis seit Monaten vor eine Zerreißprobe, und an der Ukraine-Frage spalten sich die Geister der Mitgliedsländer.

Doch das Ansehen der Union ist gar nicht so schlecht, zumindest unter den Mitgliedern, wie eine nun veröffentlichte Studie des amerikanischen Pew Research Center zeigt.

In Deutschland allerdings hat sich die Meinung der Deutschen zur Europäischen Union verschlechtert. Während das EU-Ansehen in Frankreich (55 Prozent), Großbritannien (51 Prozent) und Polen (72 Prozent) stabil blieb, ging es in Deutschland auf 58 Prozent von 66 Prozent im Jahr davor zurück. In Spanien stieg das Ansehen der EU gar (46 auf 63 Prozent), ähnlich wie in Italien (50 auf 64 Prozent).

Die größten sechs Mitgliedsländer befragt

Das amerikanische Institut hat für seine Ergebnisse 6.028 Personen in den sechs EU-Ländern Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien befragt. Zwar fehlt damit die Mehrheit der 28 Mitgliedsländer, jedoch repräsentieren die befragten sechs Staaten 70 Prozent der gesamten EU-Bevölkerung und 74 Prozent der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt). Die Umfrage wurde zwischen dem 7. April und dem 13. Mai 2015 durchgeführt.

Stimmung hat sich wieder gebessert

Insgesamt hat sich das Ansehen der EU zuletzt verbessert: In den sechs größten EU-Staaten hatten 61 Prozent der Befragten ein positives Bild von der EU, nach 53 Prozent 2014 und 52 Prozent im Jahr 2013.

Europaskeptische Parteien überraschend beliebt

Das Aufkommen europakritischer Parteien auf der linken und rechten Seite des politischen Spektrums scheint die Bürger überraschend wenig zu sorgen. Ein Großteil der Befragten ist der Meinung, dass diese Parteien gut sind für die jeweiligen Länder, weil sie wichtige Fragen aufwerfen, die von den eingesessenen Parteien häufig ignoriert werden. Das treffe besonders für Frankreich zu, schreiben die Autoren der Studie: Unter denen, die angeben, der europaskeptische Front National sei etwas Gutes, herrscht eine negativere Sicht auf die EU; man glaubt, das Europäische Projekt habe Frankreich geschwächt.

Wachsende Beliebtheit in Großbritannien

In Großbritannien hätten laut dem Pew Research Center derzeit die Befürworter eines Verbleibs in der EU die Mehrheit. 55 Prozent der Befragten erklärten, entsprechend abzustimmen, 36 Prozent wollten gegen einen Verbleib stimmen. 2013 kamen beide Lager noch auf je 46 Prozent. Premierminister David Cameron will bis Ende 2017 ein Referendum über die Frage abhalten.

Zweifel an wirtschaftlichen Vorteilen

Die wirtschaftlichen Vorteile der EU werden in den Mitgliedstaaten unterschiedlich bewertet. Eine grundsätzliche Befürwortung der Mitgliedschaft in der Union heißt nicht automatisch, dass die Befragten auch eine vorteilhafte Auswirkung auf die Wirtschaft im eigenen Land erkennen.

In Spanien sehen sich 63 Prozent der Befragten als generelle Befürworter der EU, aber nur 43 Prozent sind der Meinung, die wirtschaftliche Integration habe sich positiv für sie ausgewirkt. In Italien ist es ähnlich: Sechs von zehn Befragten haben ein positives Bild von der EU, aber nur einer von zehn Befragten ist der Meinung, dass sich die Mitgliedschaft positiv auf die wirtschaftliche Situation im Land ausgewirkt hatte. Eine Ausnahme ist Deutschland, das stark von der wirtschaftlichen Integration profitiert.