Europa bleibt zu Hause – warum das ein Problem ist

von Bernhard Schinwald / 03.12.2014

Die politischen Diskussionen über Migration befassen sich in der Europäischen Union in aller Regel mit den Problemen, die damit verbunden sind. Der neue OECD-Migrationsbericht offenbart jedoch ein fundamentales Problem, das in diesen Diskussionen kaum vorkommt: die mangelnde Mobilität am europäischen Arbeitsmarkt.

Idealerweise sind Arbeitskräfte in einem Wirtschaftsraum so mobil, dass sie dort hin- oder abwandern werden, wo entsprechender Mangel beziehungsweise Überschuss besteht. Dadurch können die Arbeitslosigkeit gelindert und konjunkturelle Schocks abgefedert werden. Langfristig kann eine hohe Mobilität auch demografische Entwicklungen ausgleichen. Das dürfte für einen Kontinent, der in weiten Gebieten zunehmend altert, von besonderem Interesse sein. So weit das theoretische Ideal. Die europäische Realität ist davon weit entfernt.

Binnenwanderung

Die mangelnde Mobilität wird bei Binnenmigration innerhalb der EU, also der Wanderung von EU-Bürgern zwischen den einzelnen Mitgliedsländern, besonders ersichtlich. Durch die EU-Osterweiterung und den schrittweisen Fall der Arbeitsmarktbeschränkungen für Menschen aus den neuen Mitgliedsländern ist die Kurve zuletzt zwar leicht gestiegen, doch im Vergleich zu den USA hinkt die EU in der Binnenmigration weit hinterher.

Die Sprachbarrieren diesseits des Atlantiks sind dafür aber nur ein Problem unter vielen. „Das Ziel des freien Personenverkehrs ist nicht erreicht“, attestiert Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Er beklagt, dass die Politik diese Missverhältnisse nicht nur nicht erkenne, sondern außerdem die „falschen Diskussionen über nicht vorhandene Negativfolgen“ führe. Die Debatten in Großbritannien um die Beschränkung der Zuwanderung von EU-Bürgern seien dafür beispielhaft.

Zusammen mit Kollegen aus ganz Europa rief Zimmermann anlässlich der Europawahlen 2014 in einem Manifest zur Schaffung eines Binnenarbeitsmarkts auf. Die Maßnahmen, die dafür notwendig sind, umfassen unter anderem die bessere Koordinierung der Sozialversicherungssysteme etwa bei Pensionsanrechnungszeiten, Programme zur gesamteuropäischen Arbeitsvermittlung, gezielte Sprachförderungen sowie bessere Informationen für Arbeitnehmer und -geber.

Besonders schwerwiegend sind für Zimmermann jedoch die Schwächen in der Anerkennung von Qualifikationen. Diese seien einerseits ein Hindernis, das Hochqualifizierte von Einwanderungen abhält. Andererseits führen sie dazu, dass offene Stellen überqualifiziert besetzt werden. Auch das zeigt der OECD-Bericht.

Zuwanderung

Die Schwäche, qualifizierte Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wirkt sich auch auf die Zuwanderung aus Drittstaaten aus.

„Es gibt keine Kanäle für Arbeitsmarktzuwanderung“, erklärt Zimmermann. Die Union ziehe eher minderqualifizierte Arbeitskräfte an, denn der Großteil der Zuwanderung erfolge aus humanitären Gründen oder Familienzusammenführungen. Das klassische Profil eines Einwanderungslandes, wie es etwa die USA und Australien haben, fehle der EU.