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Michel Houellebecq

Europa steht vor dem Selbstmord

von Michel Houellebecq / 27.09.2016

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist in Berlin mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede diagnostiziert er westliche Müdigkeit und prognostiziert Europas Untergang.

Früher war es in Frankreich üblich – und das ist es, wie ich annehme, in nahezu allen Ländern –, dass man über einen kürzlich Verstorbenen nichts Schlechtes sagt. Ich erinnere mich noch, dass dieser Damm 2005 brach, als Guillaume Dustan starb. Der Hass, der ihm vonseiten der militanten Mitglieder von „Act Up“ (ein Verband von Aids-Aktivisten, die Red.) entgegengeschlagen war, legte sich nicht mit seinem Tod, und gewisse Leute zögerten nicht, den Toten bereits am Tag nach seinem Ableben in den Zeitungen zu attackieren. Dasselbe Phänomen hat sich dieses Jahr mit Maurice Dantec wiederholt. Und mit mir, das kann ich jetzt schon sagen, wird es noch schlimmer kommen.

Es gibt viele französische Journalisten, die sich über meinen Tod ganz ernsthaft freuen werden. Ich meinerseits gebe die Hoffnung nicht auf, solange ich lebe, zum Bankrott gewisser Zeitungen beizutragen. Das wird sehr schwierig, denn in Frankreich werden die Zeitungen vom Staat unterhalten – in meinen Augen übrigens eine der am wenigsten gerechtfertigten, ja eigentlich skandalösesten öffentlichen Ausgaben dieses Landes.

Unmöglich erscheint es mir dennoch nicht, da die Zeitungen in den letzten Jahren doch viele Leser verloren haben. Alle linken Medien, d. h. fast alle französischen Medien, befinden sich in einer schwierigen Lage. Es fehlen ihnen Leser. Allgemeiner gesprochen, ist die Linke in Frankreich allem Anschein nach am Sterben, ein Prozess, der sich seit dem Amtsantritt von François Hollande beschleunigt hat. Aus diesem Grund vor allem ist die Linke immer aggressiver und bösartiger geworden. Es handelt sich um den klassischen Fall des in die Enge getriebenen Tiers, das Todesangst verspürt und gefährlich wird.

Ich halte es für nützlich, an dieser Stelle zu präzisieren, was meine Existenz und der Erfolg meiner Bücher in Gefahr bringen, und zwar so sehr, dass man mir glaubwürdig den Tod wünscht. Sehr häufig verwendet man dafür den Ausdruck „politisch korrekt“, aber stattdessen würde ich gern ein etwas anderes Konzept einführen, das ich den „neuen Progressivismus“ nennen möchte.

Der „neue Progressivismus“ hat seinen perfekten und vollständigen Ausdruck mit einer Publikation im Jahr 2002 erreicht – einem schmalen Band von Daniel Lindenberg von wenig mehr als siebzig Seiten mit dem Titel „Aufruf zur Ordnung“ und dem Untertitel „Untersuchung über die neuen Reaktionäre“. Ich war einer der Hauptangeklagten, einer der Vordersten in der Reihe der neuen Reaktionäre.

Der Untertitel wirkte damals auf mich einigermassen bizarr. Er machte den Eindruck, der Autor wolle ausdrücken, dass die neuen Reaktionäre sich eines Aufrufs zur Ordnung schuldig gemacht hätten. Tatsächlich schien es mir aber, ich selbst sei es, der zur Ordnung gerufen werden sollte: „Achtung, Sie haben vergessen, sich der Linken zuzuschlagen, aber Sie können das noch korrigieren.“

Michel Houellebecq auf der Manifesta in Zürich. Für eine der ersten Präsentationen seiner Arbeit als bildender Künstler lenkt Michel Houellebecq einen Blick auf Krankheit und Gesundheit seines eigenen Körpers.

Credits: Ennio Leanza / Keystone

Die neuen Reaktionäre

Zu Beginn des Jahres 2016 ist eine Neuauflage des Büchleins erschienen. Auf dem Umschlag heisst es nun auf einem roten Streifen „Die Vorhersage“, und es gibt ein unveröffentlichtes Nachwort des Autors, aus dem ich Ihnen jetzt einen Auszug vorlese, um Ihnen zu zeigen, in welchem Ausmass er mit sich zufrieden ist. „Ein unvorstellbares Sperrfeuer hat 2002 das Erscheinen dessen begleitet, was einige verächtlich ein Pamphlet genannt haben. Seither ist viel Wasser unter den Brücken hindurchgeflossen. Die Thesen, die ich, umgeben von allgemeiner Skepsis, damals aufstellte, werden heute als fruchtbar betrachtet. Jene, die mich als Inquisitor oder als Phantasten hinstellten, sind heute die Ersten, die die Champagnerkorken knallen lassen, um ihren Sieg im Krieg der Ideen zu feiern.“

Lindenberg hat recht, wenn er sagt, sein Buch sei 2002 schlecht aufgenommen worden. Man hat ihm vorgeworfen, alles durcheinanderzuwerfen und unter dem Etikett „neue Reaktionäre“ Leute zusammenzufassen, deren Meinungen auf nichts dergleichen zu schliessen erlaubten.

Zum ersten Mal kann man beispielsweise, Lindenbergs Buch gemäss, Reaktionär sein, nicht weil man rechts ist, sondern weil man zu links ist.

Da muss ich ihn paradoxerweise verteidigen. Es stimmt, er subsumiert Menschen, deren Gedanken nichts damit zu tun haben. Aber wenn die neuen Reaktionäre derart verschieden voneinander sind, derart unterschiedlich, dass sie definitiv nichts miteinander gemein haben, dann ist dies so, weil ihre Gegner, die neuen Progressivisten, ein enger denn je definierter, äusserst kleiner und äusserst anspruchsvoller Kreis sind.

Zum ersten Mal kann man beispielsweise, Lindenbergs Buch gemäss, Reaktionär sein, nicht weil man rechts ist, sondern weil man zu links ist. Ein Kommunist oder jeder, der sich den Gesetzen der Marktökonomie als letztem Ziel widersetzt, ist ein Reaktionär. Ein Anhänger staatlicher Souveränität oder jeder, der strikt gegen die Auflösung seines Landes in einem föderalen europäischen Raum ist, ist ein Reaktionär. Jemand, der den Gebrauch der französischen Sprache in Frankreich verteidigt oder jenen jeder anderen Nationalsprache in ihrem jeweiligen Land und der sich der universellen Verwendung des Englischen entgegenstellt, ist ein Reaktionär. Jemand, der der parlamentarischen Demokratie und dem Parteiensystem misstraut, jemand, der dieses System nicht als die Ultima Ratio politischer Organisation begreift, jemand, der es gerne sähe, dass der Bevölkerung öfter das Wort erteilt wird, ist ein Reaktionär. Jemand, der dem Internet und den Smartphones wenig Sympathie entgegenbringt, ist ein Reaktionär. Jemand, der Massenvergnügungen so wenig mag wie organisierten Tourismus, ist ein Reaktionär.

Zusammengefasst ist es nach dem neuen Konzept des Progressivismus, wie es Lindenberg entwickelt hat, nicht die Natur einer Innovation, die sie zu einer guten macht, sondern es ist das Charakteristikum des Innovativen selbst. Der progressivistische Glaube nach Lindenberg besagt, dass wir in der besten aller Epochen leben und dass jede wie auch immer geartete Innovation diese, allen voraufgegangenen Epochen überlegene Epoche noch weiter verbessern wird.

Das Kurioseste an Lindenbergs Schrift besteht darin, dass die Hauptangeklagten, die am häufigsten und ausgiebigsten zitierten „neuen Reaktionäre“, streng genommen nicht etwa Intellektuelle waren. Es handelte sich um Maurice Dantec, Philippe Muray und mich.

Ich habe den Eindruck, dass weder Maurice Dantec noch Philippe Muray im deutschsprachigen Raum sehr bekannt sind. Das bedauere ich, aber ich werde gleichwohl von ihnen sprechen, denn ich finde Lindenbergs Wahl ganz vortrefflich. Die Ideen von Muray und Dantec verdienen Verbreitung, sehr viel mehr als jene der meisten Intellektuellen und auch mehr als meine.

Das ist keine Bescheidenheit; ich weiss, was ich als Autor wert bin, ich war noch nie bescheiden, und ich lehne die Bescheidenheit auch ab. Das ist vielmehr eine Tatsache: Ich betrachte sie als mir intellektuell leicht überlegen.

Zunächst. Wen würde man in Frankreich als Intellektuellen bezeichnen? Soziologisch gesprochen, ist das eine ganz präzise Sache. Es ist jemand, der fleissig studiert hat, am besten an der Ecole Normale Supérieure, mindestens aber an einer Universität, Fachbereich Literatur oder Geisteswissenschaften. Es ist jemand, der ab und zu Essays veröffentlicht. Der einen hinreichend wichtigen Platz in einer Zeitschrift besetzt, die sich den intellektuellen Debatten widmet. Und dessen Name regelmässig unter Meinungsstücken zu Ideendebatten steht, in den entsprechenden Rubriken der wichtigsten Tageszeitungen.

Mitunter werde ich als eine Art Prophet betrachtet, während es mir doch offensichtlich erscheint, dass meine prophetischen Fähigkeiten weit geringer ausgebildet sind als die meiner zwei Kameraden.

Weder Dantec noch Muray oder ich erfüllen auch nur eines dieser Kriterien. Wir wären eher als Schriftsteller zu bezeichnen, was eine davon verschiedene soziologische Kategorie ist. In Wirklichkeit gibt es sogar nur ganz wenig Berührung zwischen Intellektuellen und Schriftstellern. Vor dem Erscheinen von Lindenbergs Buch kannte ich keinen der zitierten Intellektuellen persönlich, ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, ihnen zu begegnen. Dagegen kannte ich Muray und Dantec sehr gut.

Ich werde versuchen zusammenzufassen, was diese drei Schriftsteller, die als wichtigste Inspiration einer „neoreaktionären Bewegung“ angesehen werden, die heute angeblich das Zentrum des intellektuellen Lebens in Frankreich bildet, genau gedacht haben und was sie sich vorgestellt haben für die Zukunft. Mitunter werde ich als eine Art Prophet betrachtet, während es mir doch offensichtlich erscheint, dass meine prophetischen Fähigkeiten weit geringer ausgebildet sind als die meiner zwei Kameraden. Diese Illusion ist entstanden, weil es manchmal seltsame Koinzidenzen gibt zwischen dem Erscheinen meiner Bücher und anderen, weitaus dramatischeren Ereignissen.

Es stimmt, „Soumission“ („Unterwerfung“) ist in Frankreich am Tag der Anschläge auf „Charlie Hebdo“ erschienen. Weniger bekannt ist, dass ich der „New York Times“ ein Interview über „Plattform“ gegeben hatte – ein Interview, in dem der Journalist übrigens fand, ich übertreibe wahrscheinlich die islamistische Gefahr. Nun – dieses Interview ist in der „New York Times“ vom 11. September 2001 erschienen. Kurzum, es scheint, dass Gott (oder das Schicksal oder eine andere grausame Gottheit) sich damit amüsiert, unter Benutzung meiner Bücher tragische Koinzidenzen hervorzubringen.

Aber wenn man das grössere Bild betrachtet, was genau habe ich da prophezeit? Zunächst, und das gilt für mehrere meiner Bücher, das Aufkommen des Transhumanismus. Das vollzieht sich gerade, im Moment zwar nur langsam, aber es ist in der Tat möglich, dass diese Bewegung an Fahrt gewinnt. Dann, in „Unterwerfung“, die Machtergreifung eines moderaten Islam, dem sich ein Europa, das seinen Werten abgeschworen hat, die ihm im Grunde nicht mehr passen, unterwerfen würde.

Im Augenblick könnte man ja nicht sagen, wie sich in Europa der gemässigte Islam manifestiert. So gesehen, könnte man mich für einen schlechten Propheten halten. Es gibt da nur diese kleinen Anzeichen, die sich langsam bemerkbar machen. Zunächst – und tatsächlich wie in meinem Buch – wäre da die Biegsamkeit des Rückgrats der europäischen Universitäten, insbesondere der französischen, die Leichtigkeit, mit der sie gleich welche Konzession machen, sobald wichtige Finanzierungen, die aus den Golf-Monarchien stammen, auf dem Spiel stehen. Da entdeckt man sie wieder, die natürliche Eignung der Franzosen zur Kollaboration.

Man könnte sagen, ich bin ein Prophet im halben Sinn des Wortes, ein Prophet, dessen Vorhersagen sich nur sehr langsam realisieren.

Dann der Umstand, dass junge Mädchen in vielen Stadtteilen mehr und mehr davon absehen, sich sexy oder provozierend zu kleiden, damit sie in Ruhe gelassen werden. Tatsache ist, und das fiel mir neulich wieder ein, dass die jungen Mädchen heute, verglichen mit meiner Jugend, sehr viel weniger aufregend gekleidet sind. Zu wissen, ob das nun eine schlechte Sache ist oder nicht, ist übrigens eine ambivalente Frage für mich. Mir scheint, man könnte aus meinen Büchern radikal entgegengesetzte Schlüsse ableiten, mit gleicher Plausibilität.

Kurz, man könnte sagen, ich bin ein Prophet im halben Sinn des Wortes, ein Prophet, dessen Vorhersagen sich nur sehr langsam realisieren. Und jetzt zu Maurice Dantec. Was hat er vorhergesagt?

Zunächst so wie ich das Aufkommen des Transhumanismus. An diesem Punkt finden wir wieder zueinander, abgesehen davon, dass ich mich vor allem für den genetischen Aspekt interessiere und er sich für die mentale Hybridisierung von Mensch und Maschine. Sagen wir, wir ergänzen einander. Und da kommen wir zu demselben Urteil: Es beginnt zu entstehen, nach und nach.

Von der Presse umzingelt: Am 8. November 2010 erhält Michel Houellebecq den französischen Literaturpreis „Prix Goncourt“ für sein Buch „La carte et le territoire“.
Credits: Thibault Camus / AP

Das Auftreten des Jihadismus

Dann – und da ist seine Prophezeiung wirklich fulminant, denn er hat das vor allen anderen kommen sehen: das Auftreten des Jihadismus. Das Wiedererscheinen eines angreifenden, gewalttätigen Islam, angetrieben von Welteroberungsplänen, eines Islam, der Attentate durchführt und die ganze Welt mit Bürgerkrieg überzieht. Was hat Dantec in den Stand versetzt, diese unglaubliche Intuition zu entwickeln? Unbestreitbar die Tatsache, dass er während des Balkankrieges nach Bosnien gegangen ist – nach Bosnien, das eines der ersten Länder war, in denen der internationale Jihadismus seine Leute ausbildete. Das war es, Maurice Dantec ist nach Bosnien gefahren, und er hat verstanden, was dort gerade geschah. Er war der Einzige.

Aber am faszinierendsten ist, welche Position Maurice Dantec daraufhin eingenommen hat. Die Haltung unserer Regierungen, insbesondere der französischen, war doch grob gesagt diese: „Wir werden siegen, denn unsere Werte sind die stärkeren: die Trennung von Kirche und Staat, die Demokratie, der Liberalismus, die Menschenrechte usw.“ Und noch dazu (aber davon sprechen sie nicht) sind wir die besser Bewaffneten.

Dantec sagt etwas ganz anderes. Und hier muss ich ihn, kurioserweise, neben Philippe Muray stellen. Ihre Schriften mögen denkbar verschieden sein, aber hier treffen sie sich und ergänzen einander. Es gibt einen kaum bekannten Text von Philippe Muray, der 2002 unter dem Titel „Liebe Jihadisten“ veröffentlicht wurde und von einer sehr dunklen Ironie durchtränkt ist. Lassen Sie mich Ihnen einen Auszug daraus vorlesen: „Liebe Jihadisten! Fürchtet den Zorn des Mannes in Bermudashorts! Fürchtet die Wut des Konsumenten, des Reisenden, des Touristen, des Urlaubers, der aus seinem Wohnwagen steigt! Ihr stellt euch vor, wie wir uns suhlen in unseren Freuden und Vergnügungen, die uns haben verweichlichen lassen.“ An anderen Stelle mokiert er sich sanft über Salman Rushdie, der über die Islamisten schreibt: „Sie wollen uns alle guten Dinge des Lebens nehmen: Schinkensandwiches und Miniröcke . . .“

Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre seiner Meinung nach imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen.

Wieder an anderer Stelle bezeichnet er „Le Monde“ als „quotidien de révérence“ (also als Tageszeitung der Verneigung, statt référence, Referenz-Blatt, im Sinne von bedeutendem Blatt, Blatt, auf das die anderen Bezug nehmen, die Red.) oder als „quotidien de déférence“ (Journal der Ehrerbietung). Ich glaube, diese Beispiele reichen, damit Sie den Stil Philippe Murays einordnen können; ich darf Sie im Übrigen zurückverweisen an sein Werk, in dem beinahe alles wert ist, gelesen zu werden.

Maurice Dantec selbst definiert sich als „gläubigen und zionistischen Kämpfer“. Von uns im Westen verlangt er, wieder die zu werden, als die uns die Jihadisten zu Unrecht beschreiben: uns wieder in Gekreuzigte zu verwandeln. Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre seiner Meinung nach imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen.

An dieser Stelle bin ich versucht, sehr weit auszuholen, weil ich gerade Lamartines „L’Histoire des Girondins“ lese, die recht eigentlich eine Geschichte der Französischen Revolution ist. Zuallererst verwundert einen in diesem Buch der Glaube, der die französischen Revolutionäre beseelt, ein Glaube, der sie unsinnige Akte des Heldentums hat vollführen lassen und der es ihnen erlaubt hat, das verbündete Europa militärisch zu besiegen, während im Land selber mehrere Bürgerkriege tobten. Haben wir heute, wir anderen liberalen Demokraten zu Beginn des 21. Jahrhunderts, denselben republikanischen Glauben?

Die Frage zu stellen, heisst, sie schon zu beantworten.

Allerdings erstaunt auch die monströse Grausamkeit der französischen Revolutionäre. Man kann verstehen, wenn Joseph de Maistre die Französische Revolution als eine vollständig satanische Veranstaltung ansieht. Alle vier oder fünf Seiten bei Lamartine werden auf Lanzen aufgespiesste abgeschlagene Köpfe herumgetragen. Und ohne Unterbrechung diese abscheulichen Geschichten. Da gibt es die berühmteste, jene der Prinzessin von Lamballe, deren Vulva an ihrem Leichnam zerschnitten wurde – von einem Aufrührer, der sich einen falschen Bart daraus machte.

Der französische Autor Michel Houellebecq während der Vorstellung seines Romans „Plattform“ im März 2002.
Credits: Imago

Grausamkeiten der Revolution

Da sind die abgeschlagenen Köpfe, die man zum Kegeln benutzte; die Kinder, die ihren Eltern das Grab schaufeln mussten. Wiederholte Szenen, in denen der Helfer des Henkers einen von der Guillotine herabgefallenen Kopf zurückholt, um ihn unter den Anschuldigungen des Publikums zu ohrfeigen.

Neben den französischen Revolutionären erscheinen die Menschen des Islamischen Staates beinahe zivilisiert.

An diesem Punkt gibt es einen Zweifel, den ich mit Ihnen teilen möchte, einen Pascalschen, sinistren Zweifel, der aber paradoxerweise einen Hoffnungsschimmer bergen kann.

Die herkömmliche Idee ist, zugegeben, dass das menschliche Wesen zum Heldentum wie zur Grausamkeit fähig wird, weil es durch einen Glauben beseelt ist; meistens religiös, gelegentlich revolutionär. Der Pascalsche Zweifel meint, dass der Mensch mitunter von einer Trunkenheit der Gewalt, der Grausamkeit, des Gemetzels ergriffen wird und dass er dann als Vorwand irgendeinen beliebigen Glauben verwendet, am häufigsten einen religiösen, um seine Taten zu rechtfertigen.

Also, die Grausamkeit und das Gemetzel breiteten sich aus und verzehrten das Land.

Und dann, mit einem Schlag, hört das auf. Warum hat die Französische Revolution ein Ende genommen? Warum wurden die Menschen mit einem Schlag dieser Blutorgie überdrüssig? Darüber wissen wir nichts. Mit einem Mal, ohne ersichtlichen Grund, liessen die Menschen davon ab, und die Gier nach Blut verschwand. Und vielleicht ist es einfach so, ohne wirklichen Grund, auf konfuse Weise und wenig spektakulär, dass der Islamische Staat enden wird.

Von dieser grausamen, gewalttätigen männlichen Welt spricht Philippe Muray sehr wenig. Er ist zu früh gestorben, um ihr Wiedererscheinen wirklich mitzuerleben. Vor allem berichtet er uns von einer ermüdeten westlichen Welt, wehleidig und ängstlich, und auch da haben sich seine Vorhersagen verblüffend genau erfüllt.

Aber bevor ich über Philippe Muray spreche, möchte ich Ihnen eine berühmte Stelle von Tocqueville vorlesen, schon rein zum Vergnügen, denn es ist immer ein Vergnügen, so viel Intelligenz gepaart zu sehen mit einer solchen stilistischen Eleganz. „Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen.

Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.

Der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft auszurotten versucht, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst.

Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmässig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie bloss, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen.

Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Förderer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

Das wurde 1840 veröffentlicht, im zweiten Teil von Tocquevilles Meisterwerk „Über die Demokratie in Amerika“. Das ist schwindelerregend. Was die Ideen betrifft, so enthält diese Passage praktisch mein gesamtes geschriebenes Werk. Ich habe dem nur eines hinzuzufügen gehabt, und das ist, dass das Individuum, welches bei Tocqueville noch Freunde und eine Familie hat, sie bei mir nicht mehr hat. Der Prozess der Vereinzelung ist abgeschlossen.

Was die Ideen betrifft, enthält diese Stelle auch praktisch die gesamten Schriften von Philippe Muray. Philippe hat nichts als die Präzisierung hinzugefügt, dass jene Macht keine väterliche Macht ist, sondern in Wirklichkeit nichts anderes als die mütterliche Macht. Mit den von Philipp Muray angekündigten neuen Zeiten ist ganz einfach die Rückkehr des Matriarchats in neuer Form gemeint, in Staatsform. Die Bürger werden in einem Zustand fortgesetzter Kindheit unterhalten, und der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft auszurotten versucht, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst.

Die Prostitution abzuschaffen, das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.

In diesem Sinn hat die Entwicklung der französischen Gesellschaft seit Philippe Murays Tod und insbesondere seit der Rückkehr der Sozialisten an die Macht seine Prophetien in atemberaubendem Ausmass bestätigt, und mit einer Rasanz, die ihn selbst, glaube ich, erstaunt hätte. Die Tatsache, dass Frankreich nach Schweden das zweite Land der Welt sein könnte, das die Kunden von Prostituierten bestraft, das, so glaube ich, wäre selbst Philippe Muray schwergefallen zu glauben, er wäre entsetzt zurückgeschreckt vor der Perspektive. Nicht so früh. Nicht so schnell. Nicht in Frankreich.

Die Prostitution abschaffen heisst, eine der Säulen der sozialen Ordnung abzuschaffen. Das heisst, die Ehe unmöglich zu machen. Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen, und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft. Die Prostitution abzuschaffen, das ist für die europäischen Gesellschaften einfach ein Selbstmord.

Also ja, man kann dieser ältesten, aus dem späten Mittelalter wieder aufgetauchten Formel, dem salafistischen Islam, eine grosse Zukunft voraussagen. Und also ja, ich bleibe bei meiner Prophetie, auch wenn die Ereignisse mir im Moment unrecht geben. Der Jihadismus wird ein Ende finden, denn die menschlichen Wesen werden des Gemetzels und des Opfers müde werden. Aber das Vordringen des Islam beginnt gerade erst, weil die Demografie auf seiner Seite ist und Europa, das aufhört, Kinder zu bekommen, sich in einen Prozess des Selbstmords begeben hat. Und das ist nicht wirklich ein langsamer Selbstmord. Wenn man erst einmal bei einer Geburtenrate von 1,3 oder 1,4 angekommen ist, dann geht die Sache in Wirklichkeit sehr schnell.

Unter diesen Umständen sind die unterschiedlichen Debatten, die von den französischen Intellektuellen geführt werden über die Trennung von Kirche und Staat, den Islam usw., von gar keinem Interesse, weil sie den einzigen relevanten Faktor, den Zustand des Paars, der Familie, gar nicht einbeziehen. Also kann es auch nicht überraschen, dass im Verlauf der letzten zwanzig Jahre die einzigen Personen, die einen interessanten und bedeutsamen Diskurs über den Zustand der Gesellschaft geführt haben, nicht die Berufs-Intellektuellen waren, sondern Leute, die sich für das wirkliche Leben von Menschen interessieren, das heisst die Schriftsteller.

Ich hatte das grosse Glück, Philippe Muray und Maurice Dantec persönlich zu kennen und so unmittelbaren Zugang zu ihrem Denken zu haben in dem Moment, in dem es sich vollzog. Heute sind sie tot, und ich habe nichts mehr zu sagen.

Das heisst nicht, dass ich am Ende bin. In einem Roman sind Ideen nicht essenziell, umso weniger in einem Gedicht. Und um den Fall eines genialen Romanciers zu nehmen, bei dem die Ideen eine Hauptrolle spielen, so kann man doch nicht sagen, dass die „Brüder Karamasow“ im Vergleich zu den „Dämonen“ mehr Ideen liefern. Man kann sogar, mit ein wenig Übertreibung, sagen, dass alle Ideen von Dostojewski bereits in „Verbrechen und Strafe“ enthalten waren.

Dennoch ist sich der Grossteil der Kritiker einig, dass „Die Brüder Karamasow“ den Höhepunkt des Dostojewskischen Werkes darstellt. Persönlich muss ich gestehen, dass ich mir eine kleine Schwäche für die „Dämonen“ bewahre, aber vielleicht habe ich unrecht, und das ist auch eine andere Debatte.

Man kann auf jeden Fall behaupten, dass es in meinem Alter wenig wahrscheinlich ist, dass ich in meinen zukünftigen Werken fundamental neuen Ideen Ausdruck verleihen werde. Ich befinde mich also hier vor Ihnen in einer seltsamen Lage, in der meine einzigen wahrhaftigen Gesprächspartner gestorben sind. Es gibt in Frankreich noch begabte Schriftsteller, es gibt in Frankreich noch schätzenswerte Intellektuelle, aber das ist nicht das Gleiche wie mit Muray oder Dantec. Heute interessiert es mich, was die anderen schreiben, aber es fasziniert mich nicht wirklich.

Freie Männer

Es passiert mir, dass ich mich frage, warum ich noch am Leben bin. Ist das eine Frage der literarischen Begabung? Ja, sicher, das spielt mit, aber im Grunde ist das nicht wesentlich. Muray und Dantec besassen grosse literarische Begabung, ein seltenes Talent, aber was noch seltener ist, sie schrieben, ohne jemals an Anstandsregeln oder Konsequenzen zu denken. Sie scherten sich nicht darum, ob sich diese oder jene Zeitung von ihnen abwandte, sie akzeptierten es gegebenenfalls, sich vollkommen allein dastehen zu sehen. Sie schrieben einfach – und einzig und allein für ihre Leser, ohne jemals an die Limitationen und Befürchtungen zu denken, die die Zugehörigkeit zu einem Milieu einschliesst.

Mit anderen Worten, sie waren freie Männer.

Und ihre Freiheit war befreiend. Dank ihnen sind die französischen Intellektuellen heute in einer neuen Lage, so neu, dass sie sie noch gar nicht ganz ermessen haben: Sie sind frei. Sie sind frei, denn sie sind befreit aus der Zwangsjacke der Linken. Und sie sind auch deshalb frei, weil sie nicht mehr leiden – oder jedenfalls weniger leiden unter der Art von Faszination, von heiligem Zauber, der auf ihre Vorgänger ausgeübt wurde durch die vorgeblichen grossen Denker des voraufgegangenen Jahrhunderts. Mit anderen Worten, die heiligen Kühe sind tot. Der Erste, der von diesem anscheinend unhintergehbaren Horizont des Denkens verschwand, war Marx.

Eine ganze Weile später ist Freud ihm ins Grab gefolgt. Das ist noch ganz und gar nicht der Fall bei Nietzsche, aber ich bin guter Dinge, dass dies in nicht allzu langer Zeit geschehen wird. (An diesem Punkt muss ich, um ehrlich zu sein, unterstreichen, dass ich, was Nietzsche angeht, nicht mit meinen Kameraden übereinstimmte, die bis zum Schluss grosse Achtung für Nietzsche bezeugten, das ist bei weitem nicht der Fall bei mir.)

Man kann nicht sagen, und darauf bestehe ich, dass die französischen Intellektuellen „sich befreit hätten“: Die Wahrheit ist, wir waren es, die sie befreit haben, wir haben mit dem gebrochen, was sie hemmte, und ich bin einigermassen stolz, an der Seite von Philippe Muray, an der Seite von Maurice Dantec meinen Teil dazu beigetragen zu haben. Keiner von uns dreien ist meiner Meinung nach gewesen, was man einen grossen Denker nennen könnte, dazu waren wir wahrscheinlich zu sehr Künstler, aber wir haben das Denken befreit. Jetzt ist es an den Intellektuellen, sich ans Denken zu machen, und wenn sie ein neues Denken hervorbringen können, dass sie es dann auch tun.

Aus dem Französischen übersetzt von Wiebke Hüster.