EPA/EDVARD MOLNAR HUNGARY OUT

Ein Jahr Willkommenskultur

Europas Türwächter auf dem Balkan

von Andreas Ernst / 09.09.2016

Trotz der Schliessung sind noch immer Zehntausende auf der Balkanroute unterwegs. Für Europa sind die Balkanländer deshalb wichtiger geworden.

Wenn die Nummer drei beim Hauptbahnhof die Türen aufklappt und eine schwatzende Schar bunt gekleideter afghanischer Frauen und Kinder das Tram besteigt, hebt kaum ein Passagier die Augen vom Smartphone. Die Flüchtlinge gehören heute zum Stadtbild von Belgrad – anders als im Frühling letzten Jahres: Damals war Belgrad noch eine fast ausschliesslich „weisse“ Stadt. Das hat sich wohl für immer geändert, seit die Balkanroute zum Migrations- und Schmuggelweg für Hunderttausende wurde.

Der Preis der Effizienz

Die Anfänge waren chaotisch: Im Frühling 2015 verloren in Mazedonien Dutzende von Flüchtlingen ihr Leben, weil sie auf den Bahngeleisen im engen Vardartal den Weg nach Norden suchten. An der griechischen Grenze versuchte die mazedonische Polizei die herandrängenden Menschenmassen mit Tränengas zurückzutreiben. In Belgrad lagerten Tausende in den Parks. Es fehlten Essen, Kleidung, Toiletten. Doch im Sommer entfaltete sich das Improvisationstalent der balkanischen Gesellschaften, und es zeigte sich eine eindrückliche Hilfsbereitschaft. Es waren Freiwillige und erst in zweiter Linie der Staat, die anfangs für eine menschenwürdige Versorgung der Flüchtlinge sorgten.

Auf der Balkanroute entstand ein Transportkorridor, der die Reisenden in wenigen Tagen von Griechenland nach Österreich brachte. Der Zaun, den die Ungarn Mitte September errichtet hatten, änderte noch wenig. Der Strom der Flüchtlinge änderte bloss seine Richtung und wanderte via Kroatien weiter. Entscheidend war Österreich, das am 24. Februar zu einem Gipfeltreffen der Balkanländer einlud und erklärte, seine Grenze dichtzumachen. Damit war klar, dass die südöstlich gelegenen Länder den Zugang ebenfalls schliessen mussten. Andernfalls würden die Fremden bleiben.

Wie sieht die geschlossene Balkanroute heute aus? Die Zahl der Reisenden hat markant abgenommen. Aber es sind immer noch 25 000 Personen, die in den vergangenen sechs Monaten durch Serbien gereist sind. Das sind zehnmal weniger als in der gleichen Vorjahresperiode, aber dreimal mehr als 2012. Die Zahl der Syrer hat ab-, jene der Afghanen zugenommen. Es sind weniger Familien und mehr Männer unterwegs. Der Landweg aus der Türkei via Bulgarien wird stärker begangen. Aber die Hauptroute verläuft über Mazedonien. An dessen Südgrenze, die teilweise mit einem Zaun gesichert ist, versuchen täglich Hunderte durchzukommen. Der Druck ist nicht auf die wenigen Neuankommenden in Griechenland zurückzuführen, sondern das Resultat der Ungewissheit, mit der die Migranten in griechischen Lagern kämpfen. Dieser ziehen sie die Risiken illegaler Grenzübertritte und Schlepperdienste vor.

Serbien unter Druck

Grenzdörfer wie Moin im Süden oder Lojane im Norden Mazedoniens sind Umschlagplätze für den Menschenschmuggel. Die Polizei verhaftet immer wieder Schlepper, aber gegen die eingespielten Netzwerke ist sie machtlos, solange grosse Nachfrage herrscht. In Serbien stauen sich die Flüchtlinge, weil die Weiterreise nach Ungarn stark begrenzt wurde. An zwei Übergängen werden täglich nur je 15 Personen durchgelassen und viele zurückgeschickt. Weil aber täglich etwa 200 Flüchtlinge in Serbien ankommen, wächst die Population. Mit etwa 5000 Personen im Land sind die staatlichen und privaten Zentren fast vollständig belegt. Der bevorstehende Winter wird eine logistische Herausforderung. In Belgrad klagen Hilfsorganisationen zudem, dass mit der Abnahme des Medieninteresses an der Balkanroute auch die Spenden und die Freiwilligenarbeit zurückgegangen seien.

Ganz anders als in Bulgarien und Ungarn berichten die Medien in Serbien und Kroatien mehrheitlich emphatisch über die Flüchtlinge. Sie werden als Opfer und nicht als mögliche Täter dargestellt. In Serbien, wo viele Medien vom Staat abhängig sind, machte die Regierung klar, dass sie Hetze nicht toleriere. Nun hat Ministerpräsident Aleksandar Vucic zu Wochenbeginn erstmals negative Töne angeschlagen. Man wird sehen, ob sie eine Trendwende einleiten oder eine Konzession an seinen Gast, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, waren. Vucic stellte fest, dass sich die Zusammensetzung und das Verhalten der Flüchtlinge geändert hätten. Man habe es jetzt mit afghanischen Wirtschaftsflüchtlingen zu tun, die gewalttätige Konflikte unter sich austrügen und von denen manche auch stählen. Wie schon den Mazedoniern sagte Orban auch den Serben Unterstützung beim Grenzschutz zu.

Professionelle Schwarzseher hatten im letzten Jahr davor gewarnt, dass der Flüchtlingsstrom zu Spannungen, ja zum Krieg zwischen den Balkanländern führen könne. Das ist weit übertrieben. Der kroatische Innenminister bezeichnet die Zusammenarbeit in der Region bei den Grenzkontrollen als „exzellent“. Das überrascht nicht, denn es waren die Sicherheitskräfte der ehemals jugoslawischen Staaten, die nach den Kriegen dank ähnlicher Prägung und ähnlichen Aufgaben schnell zu guter Kooperation fanden. Diese verdankt sich ihrem Eigeninteresse und der Tatsache, dass über die Steuerung der Migration nicht in diesen Ländern, sondern in den Zielländern im Norden entschieden wird.

Eine neue Mission

Auf der politischen Ebene gab es gelegentlich Konfrontationen im Dreieck Serbien – Ungarn – Kroatien. Nachdem Ungarn die Grenze geschlossen hatte und Flüchtlinge in grosser Zahl nach Kroatien gekommen waren, schloss das überforderte Zagreb die Grenze nach Serbien – aber nicht für Flüchtlinge, sondern für den Warenverkehr. Nach Protesten aus der Wirtschaft wurde die seltsame Strafmassnahme schnell rückgängig gemacht.

Insgesamt hat das strategische Gewicht von Mazedonien, Bulgarien und Serbien zugenommen. Sie sind zu Pufferstaaten für ein Kerneuropa geworden, das die Zuwanderung aus den Kriegs- und Krisengebieten des Nahen und des Mittleren Ostens begrenzen will. Ihre Rolle wird umso wichtiger, je weniger eine gesamteuropäische Einwanderungspolitik existiert. So setzen sich auch die Visegrad-Staaten, die eine gemeinsame EU-Migrationspolitik ablehnen, besonders stark für den Grenzschutz im Südbalkan ein. Die dortigen Regierungen sehen diese Aufwertung als Chance. Europa fordert nun nicht mehr primär Rechtsstaatlichkeit und freiere Medien ein. Gefragt sind Zuverlässigkeit und Effizienz bei der Sicherung der Grenzen. Diesen Auftrag erfüllen viele Balkanpolitiker mit mehr Überzeugung.