Eurozone entkommt der Deflation

von René Höltschi / 30.04.2015

Neue Zahlen von Eurostat zeigen, dass die Inflation in der Eurozone erstmals seit November letzten Jahres nicht mehr negativ ist. Weitgehend unverändert bleiben die Arbeitslosenzahlen. Aus Brüssel berichtet NZZ-Korrespondent René Höltschi.

Im Euroraum ist die an den Konsumentenpreisen gemessene jährliche Inflationsrate laut einer am Donnerstag veröffentlichten ersten Schätzung des EU-Statistikamts Eurostat von –0,1 im März auf 0,0 Prozent im April gestiegen. Von Dezember bis März war der Wert während vier Monaten in Folge negativ, mit einem Tiefstand von –0,6 Prozent im Januar. Dass das Vorzeichen nun nicht mehr negativ ist, dürfte die von manchen Ökonomen zeitweise gehegten Ängste vor einem Abgleiten des Währungsraums in eine Deflationsspirale weiter dämpfen. Gelassenere Geister hatten stets betont, die negativen Raten seien ein vorübergehendes Phänomen im Gefolge geschrumpfter Erdölpreise.

Kernteuerung bleibt tief

Hauptursache für die tiefe Inflationsrate bleiben denn auch die Energiepreise. Sie sind im Berichtsmonat gegenüber demselben Vorjahresmonat um 5,8 Prozent gesunken, während der Rückgang im März noch 6,0 Prozent betragen hat. Auf ein Jahr betrachtet wirkt hier noch immer der – inzwischen zu Ende gekommene – Einbruch der Erdölpreise nach. Wieder angezogen haben derweil die Preise für unverarbeitete Lebensmittel, die in den Monaten Dezember und Januar ebenfalls gesunken waren. Die Preise für Industriegüter ohne Energie stiegen im April nur um 0,1 Prozent, jene für Dienstleistungen um 0,9 Prozent. Die Kernteuerung, die die volatilen Preise für Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak ausblendet, ist im Berichtsmonat mit 0,6 Prozent auf demselben tiefen Niveau geblieben wie im März.

Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt mittelfristig eine durchschnittliche Inflationsrate von „unter, aber nahe 2 Prozent“ an. Im Kampf gegen die sehr tiefe Inflation und die (damals) gesunkenen Inflationserwartungen der Marktteilnehmer hat sie im Januar eine quantitative Lockerung (QE) der Geldpolitik unter anderem durch den Kauf von Staatsanleihen ab März angekündigt. Auch wenn sich die Lage seither entspannt hat, hält die EZB Debatten über ein frühzeitiges Ende dieses Programms für verfrüht, wie EZB-Chef Mario Draghi Mitte April erklärt hat.

Die meisten Auguren gehen davon aus, dass die Inflation im Durchschnitt des laufenden Jahres sehr tief bleiben, aber im Laufe des Jahres infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs, des schwachen Euro und einer Erholung der Ölpreise etwas anziehen wird.

Hartnäckige Arbeitslosigkeit

Nur sehr zäh verläuft trotz der konjunkturellen Erholung die Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Wie Eurostat ebenfalls am Donnerstag separat mitteilte, waren im März in der ganzen EU (EU-28) 23,75 Millionen Menschen arbeitslos, davon 18,11 Millionen im Euroraum. Gegenüber Februar sank die Zahl um 75.000 in der EU-28 und um 36.000 in der Eurozone. Diese Verbesserung war indessen zu gering, um auch die Arbeitslosenquoten zu senken: Sie blieben im März mit 11,3 Prozent im Euroraum und 9,8 Prozent in der EU-28 gegenüber dem Vormonat unverändert. Immerhin sind die Werte über ein Jahr betrachtet gesunken: Im März 2014 hatte die Arbeitslosenquote im Euroraum noch 11,7 Prozent und in der EU-28 10,4 Prozent betragen.

Was Irland von Italien unterscheidet

Weiterhin enorm sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern der EU. Das Spektrum reichte im März von 4,7 Prozent in Deutschland bis zu 23 Prozent in Spanien und 25,7 Prozent in Griechenland (Januar, keine neueren griechischen Daten verfügbar). Über ein Jahr betrachtet ist die Arbeitslosenquote in 22 der 28 EU-Staaten gefallen, in Österreich mit 5,6 Prozent stabil geblieben und in fünf Staaten gestiegen. Zu diesen fünf Ländern gehören neben Belgien, Finnland und Kroatien auch zwei angeschlagene Schwergewichte: In Frankreich stieg die Quote von 10,1 Prozent im März 2014 auf 10,6 Prozent im März 2015, in Italien von 12,4 auf 13 Prozent. Unter den Staaten mit den größten Rückgängen wiederum sind auch zwei ehemalige Hilfsempfänger: In Irland ist die Arbeitslosenquote im genannten Zeitraum von 12 auf 9,8 Prozent gefallen, in Spanien von 25,1 auf 23,0 Prozent.