Andreas Körner

Konsularischer Amtsschimmel

Fast wie früher in der Sowjetunion

von Ivo Mijnssen / 04.08.2016

In Osteuropa ein Visum zu erhalten, ist zuweilen komplizierter als erwartet. Verantwortlich ist die Kombination von sowjetischer Tradition und modernem Kapitalismus.

Ein Visum schützt zwar vor unangenehmen Erfahrungen an der Grenze, doch sein Erwerb kann ganz schön anstrengend sein. Diese Erfahrung liess sich jüngst in der Botschaft eines osteuropäischen Landes machen, das hier nicht näher benannt werden soll; auch Bürokratien haben schliesslich ein Recht auf Persönlichkeitsschutz.

Um korrekt vorzugehen, hat man beim Aussenministerium einen Antrag um Akkreditierung gestellt. Nachdem wochenlang nichts aus der Hauptstadt zu hören gewesen ist, ergibt eine Nachfrage, die Akkreditierung liege längst in der Botschaft in Bern. Dort wird der Fehler anerkannt – die zuständige Person sei in den Ferien, die Benachrichtigung sei vergessen gegangen. Nun unbürokratisch Abhilfe zu schaffen, würde aber weder der sowjetischen Tradition entsprechen noch der postsowjetisch-kapitalistischen Maxime, mit Visa Geld zu verdienen. Die Antwort lautet deshalb, man habe zwar einen Fehler gemacht, aber angesichts der baldigen Abreise und der vorgegebenen, leider nicht änderbaren Prozedur müsse der Journalist ein Expressvisum kaufen – für den doppelten Preis.

Die Behandlung auf der Botschaft ist dabei durchaus freundlich, doch Prozedur bleibt Prozedur: Bezahlen darf man nur auf der Bank, nicht auf der Post, „da die uns sonst wieder etwas abziehen“, wie es heisst. Mit der Quittung und einem frankierten Couvert sollte es aber klappen mit dem Visum. Etwas lockerer werden die gestrengen Bürokraten erst, als man beginnt, auf Russisch zu plaudern und Reiseerinnerungen auszutauschen. Nun bietet der Schalterbeamte plötzlich an, das Visum sofort auszustellen, er habe sowieso nichts zu tun.

Eine Viertelstunde später streckt er strahlend das Visum hin mit den nicht einmal ironisch gemeinten Worten: „Unser Credo ist Geschwindigkeit und Effizienz.“ Ganz falsch ist dies nicht und seine Schlitzohrigkeit nicht einmal unsympathisch. Nur eine Frage bleibt: Wofür braucht es dann eigentlich die sinnlose Prozedur? Und weshalb muss die osteuropäische Bürokratie zuerst alles so kompliziert machen, wenn es eigentlich auch einfach geht?