Tourismus in Griechenland

Ferien abseits der Krise

von Giannis Mavris / 18.05.2016

Der Tourismus floriert im krisengeschüttelten Griechenland. Zwar ist die wirtschaftliche Lage noch immer prekär. Inselgruppen wie den Kykladen bleiben aber die landschaftlichen Trümpfe. Zudem hat die Finanzkrise durchaus auch gute Seiten.

„Hello, bonsoir, kalispera!“ Beim Spazieren entlang der Promenade oder in den pittoresken Gässchen von Parikia, dem Hauptort von Paros, wird der Besucher in diversen Sprachen begrüßt. „Ein Blick ins Menü gefällig? Wollen Sie den Innenhof besichtigen?“ Es sind Osterferien in Griechenland, und viele Besucher – Griechen wie Ausländer – verbringen sie auf der Insel. Neben der regulären Speisekarte bieten die Tavernen bis Karsamstag auch Fastenspeisen an, bevor am Ostersonntag traditionell Lamm auf den Teller kommt.

Erfolgreiches Vorjahr

Das griechisch-orthodoxe Osterfest, die wichtigste religiöse Feier in Griechenland, fiel dieses Jahr vergleichsweise spät an, auf das letzte Wochenende im April. „Zum Glück“, sagt Olga Mira, die zusammen mit ihren Eltern eine Taverne in Parikia betreibt. Das gute Wetter und die auf den 3. Mai verschobene 1.-Mai-Feier sorgten für zusätzliche Ausflügler. Der Verband der griechischen Tourismus- und Reisebüros verzeichnete eine Zunahme um rund ein Viertel im Vergleich mit dem letzten Osterfest, unter anderem dank günstigeren Angeboten. „Das Osterfest war für uns sozusagen die Generalprobe, bevor die Saison im Juni in Fahrt kommt“, sagt Mira. Ihre Taverne blieb wie die meisten anderen über die Wintermonate geschlossen. Im März wurde das Lokal renoviert und das Personal eingestellt. Seit Mitte April stehen die Türen offen.

Die letztjährige Saison verlief für die Kykladen, wie für ganz Griechenland, äußerst erfolgreich. Mit über 26 Mio. Besuchern konnte ein Rekordwert verzeichnet werden. Und dies trotz des politischen Krisensommers mit einem aufsehenerregenden Referendum und der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, die das Finanzsystem stabilisieren sollten. Noch immer können griechische Bürger nur 420 Euro pro Woche abheben, und der Zahlungsverkehr von Unternehmen ins Ausland unterliegt einer Genehmigung der Hausbank. Ausländer sind von diesen Beschränkungen jedoch nicht betroffen.

Zu Beginn dieses Jahres sorgte jedoch vor allem die Flüchtlingskrise für Besorgnis. Die Kykladen sind zwar nicht direkt betroffen, die Angst vor Stornierungen ging aber auch auf Paros um. Nach eher schwachen Buchungen in den ersten drei Monaten hat sich nun das Rad gedreht. Seit dem Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens der EU mit der Türkei steigen die Reservierungen wieder an. Auch Mira ist zufrieden; das Geschäft sei gut angelaufen.

Mit Rucksack und Surfbrett

Die Insel hat knapp 14.000 ständige Einwohner, dazu kommen rund 1.000 Einwohner der kleineren Nachbarinsel Antiparos, die ebenfalls zur Gemeinde gehört. Während der Saison lebt jedoch viele davon auf der Insel, neben den Touristen auch Saisonarbeiter oder Besitzer von Sommerhäusern. In den wichtigsten drei Monaten Juni, Juli und August gab es im vergangenen Jahr allein per Schiff über 312.000 Ankünfte. Das waren knapp 12 Prozent mehr als im Vorjahr und somit der höchste Wert seit 2010. Damit verzeichnet Paros nach den zwei weltbekannten Destinationen Santorin und Mykonos den drittgrößten Zustrom an Touristen in der Inselgruppe der Kykladen, die aus 56 Inseln besteht. Dank guten Fährenverbindungen zu Piräus ist Paros auch unter Griechen ein beliebter Ferienort, besonders Mitte August, wenn mit den Feierlichkeiten zu Mariä Himmelfahrt der Höhepunkt der Tourismussaison erreicht wird.

Bis in die 1970er Jahre stellten auf Paros nicht nur die Fischerei und die Landwirtschaft eine wichtige Einkommensquelle dar. Die meisten Devisen generierten Einheimische, die sich als Seeleute auf der ganzen Welt verdingten. Der Tourismus begann sich ab den 1980er Jahren zu entwickeln, vor allem durch europäische Rucksackreisende. Heute ist er bei Weitem der wichtigste Wirtschaftszweig. Die ständigen Winde erlauben über mehrere Monate hinweg Surf-Aktivitäten. In den vergangenen zehn Jahren sind mehrere Schulen für Windsurfing und Kitesurfing entstanden, die mittlerweile einen wichtigen Teil der Tourismusbranche ausmachen.

„Viele ausländische Touristen kommen hauptsächlich wegen unserer Strände, des schönen Wetters und des Meers“, sagt Christos Christoforos, Vizebürgermeister und Vorsteher des Tourismus-Ausschusses der Gemeinde. „Das ist natürlich sehr schön, aber wir haben mehr zu bieten.“ Das vielfältige kulturelle Erbe der Insel ist ein Konzentrat der historischen Entwicklungen im östlichen Mittelmeer: Die ältesten Funde sind 5.000 Jahre alt und Zeugnisse der Kykladenkultur, einer frühgriechischen Hochkultur. Danach haben Römer, Byzantiner, Venezianer und Osmanen ihre Spuren hinterlassen.

Geisel des eigenen Erfolges

Beobachter rechnen mit einer weiteren Zunahme des Tourismus. Der Bau des neuen, nun internationalen Flughafens soll bis Mitte Juli abgeschlossen sein. Die Erwartungen sind hoch. „Der offizielle Umsatz auf der Insel betrug im vergangenen Jahr rund 36 Mio. Euro. Mit dem neuen Flughafen rechnen wir ab 2017 mit zusätzlichen 24 Mio. Euro“, sagt Christoforos. Die Fertigstellung des Flughafens hat sich wiederholt verzögert, auch wegen zahlreicher Einsprachen. Nicht alle Inselbewohner sind von der Idee billiger Charterflüge begeistert. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Überlegungen. „Der Tourismus ist ein zweischneidiges Schwert“, meint Christoforos. „Einerseits sind wir als kleine Insel darauf angewiesen, andererseits kann es den Charakter des Ortes irreparabel schädigen. Die Belastung für die Infrastruktur ist besonders in den Sommermonaten groß – nicht zu sprechen von jener für die Umwelt.“

Überfischung, Abfallberge und ein sinkender Grundwasserspiegel sind der Preis des Erfolgs. Hinzu kommen die Folgen der Bauwut, die ab den 1990er Jahren bis zu Beginn der Wirtschaftskrise andauerte und zum Unmut vieler Einheimischer führte. Insbesondere auf Antiparos kam es zum Bau zahlreicher luxuriöser Villen, nachdem der amerikanische Hollywoodstar Tom Hanks dort ein Anwesen gekauft und der winzigen Insel dadurch einen Hauch von Exklusivität verliehen hatte.

Mit dem Aufkommen des Tourismus ist zudem die landwirtschaftliche Anbaufläche massiv zurückgegangen, und die hohen Grundstückspreise machen die Landwirtschaft zusehends unattraktiver. Seit Jahren gibt es jedoch Anstrengungen, Tourismus und Landwirtschaft zu vereinbaren. „Viele Einwohner gehen außerhalb der Saison einer landwirtschaftlichen Beschäftigung nach, etwa dem Oliven- oder Weinanbau“, sagt Christoforos. Eine Kombination biete sich an, zumal sich dadurch die Saison verlängern lasse und die Touristenströme zeitlich etwas gleichmäßiger verteilt werden könnten.

Rückkehr aus der Schweiz

Auch das gesellschaftliche Leben auf Paros hat sich in den letzten Jahren verändert. Der wirtschaftliche Einbruch und die grassierende Arbeitslosigkeit haben dazu geführt, dass viele jüngere Leute – vor allem aus Athen – wieder zurück ins Elternhaus gekehrt sind. Zudem ist die Bauwirtschaft weitgehend zum Erliegen gekommen. In der Folge haben zahlreiche ausländische Bauarbeiter, vor allem aus Albanien und Bulgarien, die Insel verlassen.

Olga Mira ist ebenfalls erst kürzlich wieder nach Paros gezogen. Die Tochter eines Griechen und einer Schweizerin zog 2010 in die Schweiz, wo sie eine Stelle als Projektmanagerin in einem KMU antrat. „Die Situation in Griechenland war bereits zu jenem Zeitpunkt sehr schwierig. Eine gute Stelle zu finden, war unmöglich“, sagt sie. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft und einigen schlecht bezahlten Jobs beschloss sie, in die Schweiz zu ziehen. Sechs Jahre später wagte sie die Rückkehr in die Heimat, um die Leitung der familieneigenen Taverne zu übernehmen. „Die wirtschaftliche Situation in Griechenland ist zwar noch immer prekär. Immerhin bietet aber der Tourismus auf der Insel gewisse Perspektiven. Zudem ist die Lebensqualität gut.“

Die Rückkehr vieler 20- bis 30-Jähriger hat ferner die winterliche Monotonie etwas abgemildert. In den vergangenen Jahren sind neue Vereine gegründet worden, das Kultur- und Musikleben hat an Schwung gewonnen. Das sind die positiven Seiten der Finanzkrise, die nun bereits seit sechs Jahren anhält.

Politische Instabilitäten

Dennoch, die Probleme bleiben. Abgesehen von der Unberechenbarkeit des Sektors liegen diese vor allem in der höheren Steuerbelastung und der politischen Instabilität. Im vergangenen Herbst wurde der Sondersatz der Mehrwertsteuer für die meisten Inseln in der Ägäis von 16 Prozent auf 23Prozent erhöht. „Das ist nicht nur eine zusätzliche Belastung für die Einheimischen, die ohnehin schon unter relativ hohen Lebenshaltungskosten leiden. Die Erhöhung kratzt auch an der Wettbewerbsfähigkeit der Insel. Schließlich ist der Tourismus der einzige funktionierende Sektor, der uns als Land noch bleibt“, sagt Christoforos.

Seit 2008 wurde der Steuersatz für die Hotellerie bereits achtmal angepasst, was die Steuerbelastung verdoppelt hat. Zudem fallen sowohl für den Betrieb als auch für die Investitionen in Griechenland zum Teil massiv höhere Abgaben an als in anderen vergleichbaren Tourismusdestinationen Europas. Von der Branche wird moniert, dass diese Unsicherheit Investoren abschrecke; dringend benötigte Investitionen würden daher verschleppt.

Akuter als die anhaltende Flüchtlingskrise erscheinen die politischen Probleme. Die überfüllten Flüchtlingslager sind weit entfernt von Paros, die sozialen Unruhen in Athen ebenfalls. Für Nervosität sorgten aber bis vor kurzem die in den griechischen Medien durchgespielten Szenarien eines möglichen Regierungswechsels oder gar eines gefürchteten Grexit. Die Verabschiedung eines neuen Maßnahmenpakets durch das Parlament und das jüngste Sondertreffen der Finanzminister der Eurogruppe, bei dem die Geber auch lobende Worte fanden für Athen, haben die Befürchtungen vorerst etwas zerstreut. Sollte die Überprüfung des dritten Hilfspakets jedoch nicht bald abgeschlossen und eine weitere Tranche ausbezahlt werden, muss Athen im Sommer mit Zahlungsschwierigkeiten rechnen. Die Hoffnung ruht nun auf einer Einigung an der nächsten Eurogruppensitzung vom 24. Mai.