Reuters

Ferngesteuerte Terroristen

von Markus Ackeret / 14.09.2016

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat neue Strategien entwickelt für Anschläge in Europa. Das Internet und unterschiedliche Tätertypen werden wichtiger.

Die drei jungen Männer mit syrischen Pässen, die am Dienstag unter Terrorverdacht in norddeutschen Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge verhaftet worden sind, hatten bis zuletzt in engem Austausch mit ihren Auftraggebern im Ausland gestanden. Erst als die Ermittler die über Kurzmitteilungsdienste erfolgte Kommunikation entschlüsseln und auswerten konnten, hatten sie genügend Anhaltspunkte in der Hand, um einen Haftbefehl zu erwirken. Die als Flüchtlinge eingereisten mutmasslichen Terroristen hatten ein unauffälliges Leben geführt. Es gab aber genügend nachrichtendienstliche Hinweise darauf, dass sie in Verbindung mit den Attentätern von Paris vom November 2015 standen und auf demselben Weg wie zwei von diesen nach Deutschland gelangt waren. Sie wurden seit Anfang des Jahres mit hohem Personalaufwand rund um die Uhr überwacht.

„Nur scheinbar Einzeltäter“

Die Terrorverdächtigen stehen für neue Strategien der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Europa. Bereits seit längerem beobachtet der deutsche Verfassungsschutz unterschiedliche Formen, wie die Täter des IS operieren. Zum Teil stammen diese aus der einheimischen Islamisten-Szene und hatten Kampferfahrungen in Syrien und im Irak gesammelt. Andere wurden – wie im jüngsten Fall – über die Flüchtlingsroute eingeschleust, um dann als Schläferzelle auf günstige Gelegenheiten oder Aufträge zu warten. Wieder andere radikalisierten sich in Deutschland, blieben unter der Schwelle der Aufmerksamkeit der Behörden und schlugen plötzlich zu.

Der IS scheint diese Modelle unterschiedlicher Tätertypen zu perfektionieren. Nach Angaben des Verfassungsschutzes agieren verschiedene Tätergruppen zusammen, gerade bei komplexen Anschlägen. Immer öfter kämen Einzeltäter zum Einsatz, die mit einfachen Waffen – wie im Fall des jungen Afghanen im Regionalzug bei Würzburg im Juli – zuschlagen. Diese seien aber, wie der Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen sagt, „nur scheinbar Einzeltäter“. Sie würden vielmehr aus dem Ausland über Kurzmitteilungsdienste ferngesteuert.

Vom Täter in Ansbach ist bekannt, dass er noch kurz vor dem Zünden der Bombe hektisch mit dem Mobiltelefon hantierte und in Kontakt mit einer Bezugsperson stand. Solche Täter werden über entsprechende Kommunikationskanäle beraten und gelenkt. Den Sicherheitsbehörden bereitet das grosse Sorgen, weil es, genauso wie das Aufdecken von Schläferzellen, umfangreicher personeller und technischer Ressourcen bedarf, um den Verdächtigen noch rechtzeitig auf die Schliche zu kommen.

Radikalisierung via Internet

Das Internet ist nach Einschätzung des deutschen Inlandgeheimdienstes bei der Radikalisierung, der Anwerbung, Steuerung, Planung und Vernetzung der Terroristen die zentrale Plattform. Auch die für den IS-Terror bedeutsame Vermarktung nach einem Anschlag, die den Tätern Ruhm verspricht und der Terrororganisation neuen Zulauf, gehört dazu. Übers Internet gelangen die Anwerber des IS an Hilfesuchende, denen die radikalislamische, salafistische Ideologie neue Perspektiven verspricht. Auch das scheint immer besser zu verfangen. Die Zahl der Salafisten in Deutschland steigt nach Angaben des Verfassungsschutzes ständig – allein von Ende Juni bis jetzt von 8900 auf 9200 Personen. Das vergrössere auch das Rekrutierungspotenzial für die Jihadisten, sagt Maassen.

Hinzu kommt, dass der Terrainverlust des IS im Irak und in Syrien zur Heimkehr vieler europäischer Kämpfer führen dürfte. Während des Einsatzes im Kriegsgebiet haben sich unter den aus westlichen Ländern stammenden Jihadisten Netzwerke gebildet, die nach der Rückkehr grenzüberschreitend genutzt werden. Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, verwies in der Zeitung „Die Welt“ auf die Kampferfahrung, Verrohung und Skrupellosigkeit dieser Jihadisten und auf die Bedrohungslage, die sich daraus ergibt. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Nachrichtendienste ist zentral, aber ebenso deren Befugnisse, um es mit dem „hybriden Krieg“, wie ihn Maassen nennt, im Internet aufzunehmen.