AFP / KENZO TRIBOUILLARD

Jahresrückblick 2015

Fin de Siècle in Frankreich

von Nikos Tzermias / 03.01.2016

Die Terroranschläge im Januar und November haben Frankreich in eine Identitätskrise gestürzt. Die Versuchung ist groß, sich Populisten anzuvertrauen und die Muslime als Sündenböcke abzustempeln.

La vie continue! Die Pariser Restaurants, Cafés und anderen Lokale, auf die islamistische Terroristen am 13. November wild gefeuert hatten, haben wieder geöffnet oder ihre Wiederöffnung angekündigt. In der Metropole an der Seine ist jedoch auch anderthalb Monate nach der Ermordung von 130 unschuldigen, vorwiegend jungen Menschen noch längst nicht der Courant normal zurückgekehrt. Der Pariser Alltag wirkt vielmehr geharnischt. Die Metalldetektoren an den Eingängen von Konzerthäusern oder Museen und die Taschenkontrollen selbst im Supermarkt um die Ecke erinnern ständig und überall daran, dass Staatspräsident François Hollande dem Terrorismus auch im Mutterland Frankreich selbst den Krieg erklärt hat und dass der Ausnahmezustand noch mindestens bis Mitte Februar dauern wird.

Die große Mehrheit der Bevölkerung befürwortet laut Meinungsumfragen auch längerfristig eine beträchtliche Einschränkung der individuellen Freiheitsrechte zugunsten von mehr Sicherheit. Nach den Anschlägen im Januar auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und auf einen koscheren Supermarkt hatten dagegen noch viele Bürger ihr unerschütterliches Vertrauen in die freiheitlichen republikanischen Werte mit Großaufmärschen im ganzen Land bekundet; und ein neues Gesetz für mehr Überwachungsbefugnisse der Geheimdienste sorgte im Sommer noch für ziemlich heftige Debatten.

Düstere Stimmungslage

Trauerkundgebung in Paris nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ im Jänner 2015
Credits: AFP PHOTO / KENZO TRIBOUILLARD

Seit den Anschlägen vom 13. November herrschen dagegen Verbitterung und Wut auf die angeblich zu laxe Justiz vor, zudem Überfremdungsängste, die sich vorab gegen die Muslime im Land richten. Nicht von ungefähr konnte der ultranationalistische Front National, der seit Jahren nicht zuletzt gegen die angebliche Islamisierung Frankreichs polemisiert, Anfang Dezember in Regionalwahlen die Position als stimmenstärkste Partei weiter ausbauen.

„Ich kann Ihnen versichern, dass die Terroranschläge im zurückliegenden Jahr nur der Anfang waren. Es wird noch viel mehr Attentate und gar einen Bürgerkrieg geben müssen, damit Frankreich richtig aufwacht.“ Diese schauderhaften Worte sprach ein pensionierter Polizist, den wir Anfang Dezember in Aubervilliers trafen und der in dem Pariser Vorort Wohnungen an die dort besonders zahlreichen Einwanderer aus dem Maghreb und anderen Teilen Afrikas vermietet.

Waren wir da einfach einem Spinner begegnet, der sich auch nicht von ungefähr selber zum Interview vordrängte, als er die Kamera des NZZ-Fernsehteams auf dem Hauptplatz vor dem Gemeindehaus erblickte? Nur bedingt. Vor der Gefahr, dass Frankreich durch den ultranationalistischen Front National noch in einen Bürgerkrieg getrieben werden könnte, hatte ein paar Wochen zuvor auch Premierminister Manuel Valls gewarnt. Schon nach den Januar-Anschlägen hatte er von „Apartheid“ in Frankreich gesprochen und gewarnt, dass sich in den Banlieues ein bedrohliches Potenzial von Unzufriedenheit aufstaue.

Der Ex-Polizist, der den moralischen Niedergang Frankreichs beklagt, bekundet aber nicht nur Sympathien für den Front National und vor allem dessen rechtsextremistischen Gründer Jean-Marie Le Pen. Er kann sich bei seiner Schwarzseherei auch auf den der Académie française angehörenden Philosophen Alain Finkielkraut berufen, ebenso auf den Bestsellerautor Eric Zemmour sowie den mehrfach preisgekrönten Schriftsteller Michel Houellebecq.

Pariser Bürger legen Blumen an einem Schauplatz der Anschlagserie im November 2015 nieder.
Credits: AFP PHOTO / ALAIN JOCARD

Diese Defaitisten haben mit ihren Büchern „L’identité malheureuse“, „Le suicide français“ und „Soumission“ die Ängste in der französischen Bevölkerung vor einem selbstmörderischen Wertezerfall der Gesellschaft und einer unkontrollierten Masseneinwanderung vorab von Muslimen stark geschürt. Dabei werden Letzteren eine grundsätzliche Unfähigkeit zur Integration und überdies Mitverantwortung für die gefährliche islamistische Radikalisierung Jugendlicher unterstellt. „Französischstämmige müssen sich zunehmend als Fremde im eigenen Land fühlen“, beklagt etwa Finkielkraut, der dem Front National auch attestiert hat, die einzige Partei zu sein, die sich um die Ängste der Bürger kümmere.

Einwanderung – ein Erbe der Kolonialzeit

Solche Äußerungen drohen die Tatsache zu verdrängen, dass der Anteil der im Ausland geborenen Bewohner Frankreichs während der letzten zehn Jahre im Unterschied zu anderen großen Industrienationen kaum mehr stark zugenommen hat, nämlich von 8,1 auf 8,9 Prozent (2014) gestiegen ist und damit gewiss noch kein exorbitantes Niveau erreicht hat.

Überdies wird die Zahl der Bewohner „aus dem muslimischen Kulturraum“ vom Innenministerium auf vier bis fünf Millionen geschätzt, was einem Bevölkerungsanteil von höchstens acht Prozent entspräche. Von dieser Bevölkerungsgruppe bezeichnen sich bloß rund 40 Prozent als gläubige und praktizierende Muslime, und nur ein Viertel der Befragten beteiligt sich regelmäßig am Freitagsgebet. Verdrängt wird schließlich gerne, dass die meisten Immigranten ein Erbe der Kolonialzeit sind, ein Großteil von ihnen bereits vor fünfzig Jahren in Frankreich ankam und für den wirtschaftlichen Aufbau des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg benötigt wurde.

Doch nicht nur der Front National, sondern auch der bürgerlich-konservative Oppositionsführer und frühere Staatspräsident Nicolas Sarkozy scheute sich in den letzten Monaten nicht, die „Masseneinwanderung“ und die nationale Identität zu existenziellen Fragen des Landes emporzustilisieren. Es gibt Anlass zur Befürchtung, dass die Immigranten zunehmend zu Sündenböcken für die wirtschaftliche Stagnation und für den Abstieg des Landes von einer Weltmacht zu einer schwächelnden Mittelmacht verantwortlich gemacht werden. Tatsächlich hängen die Probleme Frankreichs hauptsächlich mit der bereits jahrzehntelangen Reformunfähigkeit des Landes im wirtschaftlichen Bereich und auch im Erziehungswesen zusammen. Weiterhin ist der Glaube stark verbreitet, dass hauptsächlich der Staat für die Lösung der Wirtschaftsprobleme zuständig sei und lenkend ins Geschehen eingreifen müsse. Die meisten Franzosen scheinen auch immer wieder der selbstgefälligen Vorstellung zu erliegen, dass ihrem Land, das eine Leuchte der Menschheit sei, weiterhin eine herausragende Rolle zumindest noch als besondere, nämlich schöpferische Mittelmacht zustehe. Das ist ein Denken, das auch die Außen- und Sicherheitspolitik Hollandes stark prägt.

Fin-de-Siècle-Stimmung

Die gegenwärtige Atmosphäre in Frankreich erinnert geradezu an die Fin-de-Siècle-Stimmung, welche die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg geprägt hatte und auch als Wegbereiterin faschistischen Gedankenguts gilt.

Solche Überzeugungen tragen dazu bei, dass Frankreich besonders große Mühe hat, die Herausforderungen der Globalisierung und der europäischen Wirtschaftsintegration anzunehmen. Weit verbreitet ist die Sehnsucht nach einem starken Mann zumindest vom Schlage eines Generals Charles de Gaulle, der dem Land endlich wieder internationales Gewicht und mit staatlicher Lenkung einen neuen Modernisierungsschub verleihen soll. Dabei wird von einigen nationalkonservativen Politikern auch gerne in Erinnerung gerufen, dass de Gaulle nicht nur feststellte, dass Frankreich ohne „Größe“ nicht auskommen könne, sondern gerade er auch immer wieder Bedenken gegen eine Überfremdung aus dem Maghreb bekundet hat.

Praktisch von allen Parteien wird auch nicht liberale Kritik an der EU und ihrer Währungsunion erhoben. Von links bis rechts herrscht vielmehr der Vorwurf vor, dass in Brüssel zu sehr Banker und Freihändler das Sagen hätten. Mit Kritik an der angeblich von Deutschland diktierten Austeritätspolitik hatten sich sowohl Präsident Hollande wie auch sein Vorgänger Sarkozy immer wieder zu profilieren versucht. Und der ultranationalistische Front National sticht aus diesem Chor letztlich nur durch besonders schrille Töne heraus.

Die gegenwärtige Atmosphäre in Frankreich erinnert geradezu an die Fin-de-Siècle-Stimmung, welche die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg geprägt hatte und auch als Wegbereiterin faschistischen Gedankenguts gilt. Die damalige Epoche war ebenfalls von erheblichen Zukunftsängsten, Defaitismus und einer Abwendung von rationalem Fortschrittsdenken geprägt. Die starken gesellschaftlichen Veränderungen, welche die Industrialisierung und die Gewerbefreiheit ausgelöst hatten, verunsicherten und wurden nicht als zivilisatorischer Fortschritt, sondern als Zeichen von Dekadenz empfunden.