AFP / Robert ATANASOVSKI

Grenzschließungen

Flüchtlinge sitzen in Balkanländern fest

von Andreas Ernst / 11.03.2016

Angeblich verläuft alles nach Plan. Massen von Migranten stehen im Balkan im Regen. Sie können nicht weiter – und wollen auch nicht zurück.

Während die Innenminister der EU in Brüssel über den deutsch-türkischen Plan zum Flüchtlingsmanagement streiten, stecken mehrere tausend Personen auf der Balkanroute zwischen Gevgelija in Mazedonien und Sentilj in Slowenien fest. Besonders hart erwischte es die tausend Personen, die es von Griechenland nach Mazedonien knapp geschafft hatten, aber vor dem Übertritt nach Serbien von der Grenzschließung überrascht wurden. Sie sitzen im Grenzort Tabanovce in einem Lager fest.

Zwischen den Schlagbäumen

Weitere vierhundert Personen lagern direkt am Grenzstreifen und werden nach Angaben der Organisation Refugee Aid Macedonia weder von den Serben eingelassen noch von den Mazedoniern zurückgenommen. Um die Tragödie zu vervollständigen, geht seit Tagen ein kalter Dauerregen über dem südlichen Balkan nieder. Was das für die Bewohner der improvisierten Siedlungen bedeutet, schildert eine Helferin: Die Zelte stehen im Wasser, Kinder gehen barfuß durch den Matsch, während die Väter mit Stecken versuchen, Abflusskanäle zu graben. Im Zelt drängt sich schlotternd die Familie zusammen. Und die Wetterprognosen sind schlecht.

Auch sonst sind die Aussichten trübe für die Flüchtlinge, die nach Norden wollen. „Das Schließen der Balkanroute verläuft planmäßig, und diese Uhr wird nicht zurückgedreht“, sagte die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner am Mittwoch. Zusammen mit dem österreichischen Außenministerium hatte Mikl-Leitner vor zweieinhalb Wochen in Wien ein Ministertreffen der Balkanstaaten anberaumt – ohne Griechenland. Dort wurde kurzerhand die Schließung der Transitstrecke von Griechenland nach Österreich eingeleitet. Slowenen, Kroaten, Serben und Mazedonier mussten mitziehen, wenn sie das griechische Szenario vermeiden und nicht selbst ein riesiges Auffanglager werden wollten.

Mikl-Leitner bezeichnet die Koalition mit den Balkanstaaten als „Allianz der Vernunft“. Der kroatische Außenminister Vlaho Orepic interpretiert den österreichischen Plan so, dass nun „Europa an der mazedonischen Grenze beginnt“. Im Übrigen werde man die gefällten Entscheidungen respektieren.

Während die breite Bevölkerung auf dem Balkan vom Flüchtlingsstrom nur wenig mitbekam, seit er im Spätsommer in geordneten Bahnen verlief, werden die Fremden jetzt wieder sichtbarer in den Städten und Dörfern. Im Belgrader Bahnhofsquartier eilen junge Männer in kleinen Gruppen durch den strömenden Regen. Wie eine Uniform tragen alle die gleiche grüne Pelerine gegen den unablässigen Regen. Sie hätten sie von einer Hilfsorganisation bekommen, sagt ein Zwanzigjähriger. Mehr will er nicht sagen, schon gar nicht, woher er kommt.

Drei Optionen

Weiterhin sind auch Familien unterwegs, allerdings sind sie weniger sichtbar. „Zu uns kommen täglich etwa hundert Personen, und ein großer Teil sind immer noch Frauen und Kinder“, sagt Branislava Djonin, eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation Info Park; sie sitzt mit zwei Kollegen in einem Holzhäuschen in der Mitte des Parks neben dem Busbahnhof. Doch der Anteil jener, die illegal über die Grenze gelangten, habe zugenommen.

Beim benachbarten Mikser-Kulturhaus verteilen Freiwillige weiterhin Kleider und Proviant, der Andrang ist groß. „Aber was die Menschen vor allem brauchen, ist vertrauenswürdige Information.“ Viele wollten nicht glauben, dass der Weg nach Norden dauerhaft versperrt sei. „Es ist nicht einfach, ihnen das zu sagen – und viele glauben lieber an ein Wunder“, sagt Djonin.

Die Ratsuchenden haben drei Optionen. Sie können mithilfe der International Organization for Migration die Rückkehr in ihre Heimat antreten. Djonin kennt keinen Fall, in dem sich Flüchtlinge so entschieden hätten. Die zweite Möglichkeit: Die Reisenden melden sich bei der Polizei und beantragen Asyl in Serbien. Damit erhalten sie das Recht auf Unterbringung und Verpflegung während des Verfahrens. Zurzeit befinden sich etwa 2.000 Asylsuchende im Land. Viele scheuten diesen Schritt, sagt Djonin. Sie fürchteten, damit in Serbien festzusitzen und ihre Chancen auf Asyl in einem prosperierenden Land Westeuropas zu verspielen.

Weiter nach Westen

Die dritte Möglichkeit ist die illegale Weiterwanderung. Wer dabei erwischt wird, muss zurück oder wird eingesperrt. Derzeit sitzen 407 Flüchtlinge im Lager Slavonski Brod in Abschiebehaft. Sie sollen nach Griechenland gebracht werden. Auch der Weg über Ungarn wird attraktiver, jetzt, wo überall die Barrieren heruntergehen. Budapest hat 1.500 zusätzliche Polizisten und Soldaten an die Grenze verlegt. Seit Anfang März verhafteten sie täglich um die 200 Personen wegen unerlaubten Grenzübertritts.