REUTERS/Michaela Rehle

Flüchtlingskrise: Das Gespenst des Bürgerkriegs

Gastkommentar / von Ralph Janik / 17.09.2016

„Wir wollen keinen Bürgerkrieg in Deutschland“ hat Frauke Petry, die Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) unlängst in einem Interview mit der Welt am Sonntag erklärt. Woher kommt die Sorge vor größeren Unruhen oder gar bewaffneten Konflikten innerhalb europäischer Staaten?

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Bürgerkriegs. Was lange als semiparanoide Anwandlungen eines relativ kleinen und durch Bücher wie Udo Ulfkottes „Vorsicht Bürgerkrieg! Was lange gärt, wird endlich Wut“ geprägten gesellschaftlichen Spektrums abgetan wurde, scheint sich immer mehr im kollektiven Bewusstsein einzunisten. Die Flüchtlingskrise und der bisherige Umgang damit haben bei vielen das Urvertrauen in den Staat nachhaltig beschädigt. Wer dieses Vertrauen ohnehin nie gefasst oder schon länger verloren hatte, fühlt sich zunehmend bestätigt.

Woher kommt die Sorge?

Zunächst bestehen weit verbreitete Zweifel an der staatlichen Leistungsfähigkeit im Allgemeinen. Zeitliche Verzögerungen und „unabsehbare Mehrkosten“ bei Bankenrettungen (Hypo!) oder Bauprojekten sorgen zwar für Ärger, werden aber mit relativer Leidenschaftslosigkeit hingenommen: „Was will man machen, das war schon immer so.“

Sobald es jedoch um die Sicherheit – den aktuell wohl bedeutsamsten aller Werte – geht, sieht die Sache anders aus. Wenn der Staat seiner Rolle als Garant von innerer Ordnung und sozialem Frieden nicht mehr gerecht zu werden scheint, bekommt er ein gewaltiges Legitimationsproblem. Genau dieser Eindruck dürfte sich 2015 breitgemacht haben, zumal sich in Deutschland die Zahl der privaten Schusswaffen merklich erhöht hat und auch in Österreich verstärkt in die Verteidigung von Leib und Eigentum investiert wurde.

Der youth bulge

Die Sorge vor dem Bürgerkrieg ist eher langfristiger Natur: Selbst wenn es nicht heute oder morgen zu größeren Gewaltausbrüchen kommen sollte, könnte es spätestens übermorgen so weit sein. Dann nämlich, wenn die Anzahl der Neuankömmlinge, genauer gesagt der jüngeren männlichen Neuankömmlinge ohne hinreichende Qualifikation bei gleichzeitig stark unterschiedlicher kultureller Prägung, ein gewisses Maß übersteigt. Man spricht in diesem Zusammenhang von der insbesondere mit Gunnar Heinsohn in Verbindung gebrachten, mittlerweile weithin bekannten Theorie des youth bulge. „Wohin mit den jungen Männern?“, fragte die Zeit in einem Interview vom letzten September: Wenn sie gesellschaftlich nicht auf- beziehungsweise nachrücken können, weil es schlicht und ergreifend keinen Bedarf an ihnen gibt, könnte die daraus resultierende Enttäuschung und Perspektivenlosigkeit in Gewalt münden.

Selbst wenn es gelingen sollte, die in den nächsten Jahren Ankommenden ausreichend mit Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsplätzen zu versorgen, hat Heinsohn in seinem Buch Söhne und Weltmacht eine beunruhigende Folgethese parat: Während die erste Generation noch Dankbarkeit verspürt, gibt sich der Nachwuchs mit den unteren gesellschaftlichen Etagen nicht mehr zufrieden und pocht oft gewaltsam auf Wiedergutmachung für mangelnde Integration. Aus einer solchen pessimistischen Perspektive verschiebt sich die Frage nach der grundsätzlichen Möglichkeit eines Bürgerkriegs zu einer anderen Frage: „Wann ist es so weit?“

Die Suche nach dem großen Plan

Frauke Petry nimmt sich als wohl einzige deutsche Spitzenpolitikerin derartiger Ängste ausdrücklich an. Angela Merkel ist schon lange in Verruf geraten, außer Phrasen und Relativierungen nicht viel zu bieten. In Österreich versucht man mittlerweile, eine Art bemüht-moderaten Mittelweg zwischen Panikmache und Schönreden zu finden. Ganz gelungen ist das zwar (noch) nicht, aber wie soll ein solcher Weg auch aussehen?

Solange Deutschland (und auch Österreich) beziehungsweise die gesamte EU keine erfolgsversprechenden Pläne zur langfristigen Integration besonders der jungen Männer vorlegen, wird die Angst bleiben und eher weiter zunehmen. Die unangenehm-ernüchternde Frage, ob es einen solchen Plan überhaupt gibt und selbst wenn es ihn gibt, ob er auch entsprechend umgesetzt wird, steht im Raum. Zumal die bisherigen Erfahrungen, von türkischen über libanesische bis hin zu tschetschenischen Migranten, wenig Anlass für Optimismus geben. Zum Bürgerkrieg ist es allen Schwierigkeiten zum Trotz freilich nicht einmal ansatzweise gekommen. Den besorgten Bürger wird das dennoch kaum beruhigen.