Flüchtlingsströme als Geschäftsgrundlage

von Daniel Gerny / 04.05.2015

Peter Wenger, operativer Leiter bei der auf Flüchtlingsbetreuung spezialisierten Organisation ORS, ist vorne dabei, wenn im Land Unterkünfte eröffnet werden. Meist legt sich die Aufregung, wenn die Flüchtlinge einquartiert sind, so seine Beobachtung. NZZ-Redakteur Daniel Gerny hat ihn getroffen.

Die Flüchtlingsströme beschäftigen nicht nur die schweizerischen Behörden und Hilfsorganisationen, sie generieren auch neue Geschäftsfelder. Die Firma ORS Services AG gehört zu den großen Playern im Bereich der Unterbringung und Betreuung von Asylsuchenden. In der Schweiz betreibt sie im Auftrag von Bund, Kantonen und Gemeinden mehrere Dutzend Unterkünfte. Sie beschäftigt über 400 Mitarbeiter und betreut landesweit rund 4.500 Flüchtlinge. Ihr Jahresumsatz beträgt rund 65 Millionen Franken. Inzwischen hat sie ihre Tätigkeit auch auf Österreich und Deutschland ausgeweitet.

Die Kritik an der ORS

Obwohl auf der Website der ORS viel von Transparenz die Rede ist, macht das Unternehmen keine Angaben zum Gewinn. Auch der Geschäftsführer der ORS Services AG, Stefan Moll-Thissen, gibt sich eher medienscheu und möchte im Rahmen der „Fluchtwege“-Serie nicht porträtiert werden. Er sei zu exponiert, lautet die Erklärung. Denn die ORS sieht es nicht gerne, wenn der Fokus auf den wirtschaftlichen Aspekt ihrer Tätigkeit gelegt wird. Dass das Asylwesen auch einen ökonomischen Faktor darstellt – diese Tatsache scheint Moll-Thissen selbst in gewisser Weise unangenehm zu sein.

Denn die Interessen der Aktionäre und die Anliegen der Flüchtlinge stehen in einem Spannungsverhältnis, was wiederholt zu Mutmaßungen geführt hat, die ORS steigere ihre Erträge zulasten der Betreuungsqualität. Ein Glaubenskrieg ist darüber im Gange, ob Geschäfte und Gewinne in diesem Bereich moralisch überhaupt vertretbar sind. Peter Wenger, Mitglied der ORS-Geschäftsleitung und operativer Leiter in den Kantonen Basel-Stadt, Solothurn und Bern, scheinen solche Fragen allerdings weniger aus der Ruhe zu bringen als den angespannten Chef.

„Jede Organisation, ob gewinnorientiert oder nicht, muss Überschüsse machen, um ihre Qualität zu sichern und sich weiterzuentwickeln“, argumentiert Wenger, verweist routiniert auf Leistungsvereinbarungen, ISO-Zertifizierung, Weiterbildungsprogramme und Qualitätsmanagement. Die steigende Nachfrage nach den Dienstleistungen seines Unternehmens zeige, dass die Kritik nicht gerechtfertigt sei, so wischt er Einwände beiseite – und wirkt dabei dennoch leicht genervt.

Seine Welt ist nicht die des Geschäfts. Er ist lieber an der Front tätig, primär als Leiter des Wohn- und Durchgangszentrums Atlas in Allschwil im Kanton Basel-Landschaft. Inzwischen ist er für insgesamt zehn Unterkünfte in drei Kantonen mit insgesamt 1.000 Betten zuständig. Muss eine Asylunterkunft in Betrieb genommen werden, ist er der Mann vor Ort: Wenger rekrutiert das Personal, ist für die Einrichtung zuständig, pflegt den Kontakt mit Behörden und Bevölkerung. Gibt es Probleme, vermittelt er und sucht nach Lösungen. Er macht nicht den Anschein, als wäre er dabei leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Äthiopien statt Baustellen

Wenger begann seinen Werdegang als Maurer und Polier. Doch statt auf Baustellen nach Schweizer Norm landete er kurz nach seiner Ausbildung als Experte des Schweizerischen Katastrophenhilfekorps (SKH) in Äthiopien und unterstützte den Aufbau somalischer Flüchtlingslager. Es folgten Jahre in der Jugendarbeit, als Mitarbeiter erlebnispädagogischer Therapieprojekte auf einem Segelboot und eine weitere Ausbildung zum Sozialpädagogen, bevor Peter Wenger mitten in der Kosovokrise zur ORS wechselte und in diesem Betrieb bis in die Geschäftsleitung aufstieg. Bis heute fasziniert ihn an seiner Arbeit das Unvorhersehbare, aber auch das Internationale und die kulturelle Vielfalt. „Wer einmal im Ausland gearbeitet hat, verliert das Gefühl der Faszination dafür nie mehr“, erklärt er.

Womit man zur Frage gelangt, ob ihm auch die Geschichten und Schicksale der Asylbewerber nahegehen, mit denen er täglich konfrontiert ist. Natürlich sei man empathisch, meint er: „Doch am Feierabend muss man abschalten können. Es braucht die professionelle Distanz – anders geht es nicht.“ Wenger weiß, dass die meisten der Flüchtlinge, die in seiner Obhut landen, kein Asyl erhalten und in ihr Land zurück müssen. „Die Geschichten wiederholen sich, und das kann belasten. Aber so laufen die Dinge in diesem Bereich.“ Dass er und seine Firma in die Verfahren nicht involviert sind und auf die Asylentscheide keinerlei Einfluss haben, erleichtert ihm die Wahrung professionellen Abstands: Hier die Klienten, da der Anbieter von Service-Dienstleistungen.

„Grüezi“

Auch den Ängsten in der Bevölkerung, die stets geäußert werden, wenn Peter Wenger mit einem neuen Projekt in einer Gemeinde auftaucht, begegnet er mit der Gelassenheit des erprobten Praktikers. Er versteht die Skepsis bei der Bevölkerung. Aber er weiß, dass sich vieles legt, sobald die Flüchtlinge einmal im Ort einquartiert sind. Wahrnehmung und Haltung verändern sich in den Gemeinden stets nach ähnlichem Muster, wie Wenger beobachtet: Am Anfang stehen Angst vor dem Fremden und um das Wohlergehen von Frauen und Kindern im Vordergrund, die Befürchtung eines Verlusts des Gleichgewichts in der Dorfgemeinschaft: „Wie begegnen wir diesen Leuten auf der Straße bloß?“, will die verunsicherte Bevölkerung zum Beispiel wissen. Dabei sei die Antwort gar nicht schwierig: „Sagen Sie einfach ‚Grüezi‘, und man wird Sie ebenfalls grüßen.“

Denn oft findet sich die Normalität in außerordentlichen Situationen in den kleinen Alltäglichkeiten wieder. Peter Wenger ist jedenfalls nicht der Ansicht, dass die derzeitigen Flüchtlingszahlen für ein Land wie die Schweiz nicht zu bewältigen wären. „Wir stoßen zwar immer wieder an Grenzen“, meint er. „Aber so ist das, wenn die Welt im Wandel ist.“