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Terrorismus

Frankreich im Krieg

Meinung / von Andres Wysling / 14.11.2015

In Frankreich verstärkt sich das Gefühl, dass man sich im Krieg befindet. Der Feind ist weitgehend unsichtbar und damit besonders unheimlich. Zudem sitzt er nicht im Ausland, sondern in Frankreich selbst.

Die neusten islamistischen Terrorattacken in Paris werden mit ihrer blutigen Grausamkeit das Gefühl der französischen Bevölkerung verstärken, dass ihr Land sich im Krieg befindet. Präsident Hollande traf diese Stimmungslage, als er von einem „Kriegsakt“ einer „Armee von Terroristen“ sprach. Das Gefühl der Bedrohung ist schon seit längerem da, es hat sich schleichend ausgebreitet und verstärkt, weil es in den letzten Jahren immer wieder Anschläge gab; besonders diejenigen vom Januar in Paris haben die Öffentlichkeit verstört.

Eine Art geistiger Belagerungszustand hat sich über das Land gelegt. Dieser ist darum besonders schwer zu ertragen, weil der Feind weitgehend unsichtbar und damit besonders unheimlich ist. Er ist nicht im Ausland zu suchen oder nicht in erster Linie im Ausland, sondern er sitzt in Frankreich selbst. Die vorangegangen Anschläge wurden von Leuten mit französischem Pass oder mit Wohnsitz in Frankreich ausgeführt. Man muss annehmen, dass das auch bei dem neusten Massaker der Fall ist.

Es passt ins Bild, dass Frankreich als alte Kolonialmacht mit entsprechendem Selbstbewusstsein auch an weit entfernten Schauplätzen Krieg führt. Französische Flugzeuge bombardieren, in Zusammenarbeit mit den USA, Ziele im Irak und in Syrien, französische Truppen sind zudem in mehreren Ländern Afrikas im Einsatz gegen islamistische Rebellen, so etwa in Mali. 2011 übernahm Frankreich beim Eingreifen in Libyen die Führung. Einer der Angreifer in Paris rechtfertigte seine Tat nun offenbar als Antwort auf Frankreichs Engagement in Syrien.

Der kombinierte Angriff mit mindestens acht Tätern, die an sechs verschiedenen Orten gleichzeitig zur Tat schreiten, zeigt Schwächen im Dispositiv der französischen Sicherheitskräfte. Diese überwachen die islamistische Szene intensiv, und insbesondere haben sie ein Auge auf heimkehrende Dschihadisten, die in Syrien kämpften. Offenbar wurden jetzt aber die Vorbereitungen nicht entdeckt. Entweder waren die Täter besonders vorsichtig in ihrem Vorgehen und raffiniert in ihrer Tarnung, oder die Geheimdienste sind nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe. Die Analyse der Vorgänge wird zeigen, ob einfach Fehler bei der Bedrohungsanalyse passierten, oder ob die Befugnisse und Methoden der zuständigen Behörden nicht ausreichten.

Das Massaker von Paris ist nicht nur eine französische Angelegenheit, es betrifft auch die NATO-Bündnispartner. Zumindest einige von ihnen sind seit etlichen Jahren ebenso vom islamistischen Terrorismus bedroht wie Frankreich. Sie haben bisher schon gemeinsame Abwehrstrategien entwickelt und werden diese nun wohl ausbauen. Auch die Schweiz als Nachbarland Frankreichs mit engen – und im westlichen Landesteil engsten – bilateralen Beziehungen wird in die Abwehrmaßnahmen involviert sein, und sei es nur bei der polizeilichen Zusammenarbeit im Grenzgebiet.