EPA/YOAN VALAT

Islamophobie

Frankreichs Muslime sind doppelt geplagt

von Nikos Tzermias / 19.12.2015

Frankreichs Muslime haben Angst. Angst davor, als mögliche Terroristen stigmatisiert und noch stärker als bisher diskriminiert zu werden. Dabei befinden sich unter den Todesopfern der Attentate auch viele Muslime.

Yasser Louati, der Sprecher des Collectif contre l’Islamophobie en France (CCIF), holt die NZZ-Journalisten bei der Metrostation Saint-Ouen ab, einem Pariser Vorort im Département Seine-Saint-Denis. Aus Sicherheitsgründen. Die Organisation gibt ihre genaue Adresse nicht mehr heraus. Wohlweislich unbeschriftet ist auch die Sicherheitstüre zu den Büros, in denen vorab Juristinnen teils mit, teils ohne Kopftuch hinter ihren Computern sitzen.

Auch Muslime unter den Toten

Louati, von Beruf Pilot, erzählt, wie ihn die Attentate vom 13. November persönlich zutiefst schockiert hätten. Die französische Jugend sei das Ziel der Terroristen gewesen. Das Blutbad habe in Quartieren stattgefunden, in denen auch er und viele andere junge Muslime gewöhnlich ausgingen. Etwa ein Zehntel der Opfer der jüngsten Anschläge seien Muslime gewesen.

Umso mehr bedrücke es die französischen Muslime, jetzt von vielen Mitbürgern als potenzielle Terroristen stigmatisiert und noch stärker als schon zuvor diskriminiert zu werden, entrüstet sich Louati. Dabei habe doch der Terrorismus nichts mit dem Islam als Religion zu tun, sondern sei persönlichen Problemen labiler Jugendlicher ohne Perspektive anzulasten. Das habe auch der Richter Marc Trévidic von der Anti-Terror-Abteilung der Pariser Gerichtsbarkeit festgestellt. Die Kriminellen seien vor ihrer Entartung zu blutrünstigen Islamisten alles andere als fromme Moscheegänger gewesen.

Trotzdem hätten islamophobe, von Hass auf Muslime geprägte Attacken seit dem 13. November stark zugenommen, sagt Louati. Das CCIF registrierte in den ersten zehn Tagen nach dem Blutbad 47 Aggressionen und Bedrohungen, gegenüber rund 140 Vorfällen im gesamten letzten Jahr. Die interministerielle Delegation gegen den Rassismus (Dilcra) zählte in den ersten zwei Wochen 35 Vorfälle.

Ein paar Beispiele: Eine Muslimin mit Kopftuch wurde in Marseille von einem Mann beschimpft, geschlagen und mit einem Messer verletzt. Ein Kebab-Restaurant im Südwesten Frankreichs wurde mit einem Gewehr beschossen. Vor dem Eingang zu einer Moschee in Ecqueville wurde ein Schweinskopf entdeckt, und etliche andere muslimische Gebetshäuser wurden mit Aufschriften wie „Tod den Muslimen“ beschmiert.

Louati erklärt sich auch beunruhigt über die Wahlerfolge des Front national (FN), der den Hass gegen die Muslime schüre und die wirtschaftlichen Probleme des Landes vorab den maghrebinischen Einwanderern anzulasten versuche. Der CCIF hat sich zusammen mit anderen Organisationen an dem Prozess beteiligt, in dem der FN-Chefin Marine Le Pen die Aufwiegelung zum Hass auf eine Volksgruppe vorgeworfen wurde, weil sie die Gebete von Muslimen auf der Straße mit der Besetzung Frankreichs durch Nazideutschland verglichen hatte. Kürzlich wurde Le Pen in erster Instanz freigesprochen. Die Kläger erwägen nun einen Rekurs.

Aufgebrochene Türen

Muslimische Organisationen beanstanden auch die unverhältnismäßig aggressiven Razzien der Polizei nach den Attentaten. In einem Vorort von Paris stürmten dutzende schwer bewaffnete Polizisten eine Woche nach den Attentaten ein Halal-Restaurant, in dem Familien mit etlichen Kleinkindern zu Abend aßen. Die Ordnungshüter rammten mehrere Türen ein, obschon ihnen der Restaurantbesitzer die Schlüssel gereicht hatte. Eine richtige Durchsuchung von Dokumenten fand dann aber nicht statt, und der Einsatzleiter erklärte dem Wirt plötzlich, dass er Glück habe, da man nichts gefunden habe.

Unverhältnismäßig erschien auch die Durchsuchung einer Moschee in Aubervilliers, einem anderen Vorort von Paris, in der Nacht auf den 17. November. Auch in diesem Fall wurden von den rund sechzig schwer bewaffneten Polizisten Türen aufgebrochen und Fenster eingeschlagen, obschon der Präsident der für die Moschee zuständigen Vereinigung dabeistand und die Räumlichkeiten aufschließen wollte. Darauf kippte die Polizei auch mehrere Möbel um, warf religiöse Bücher auf den Boden und demolierte die Decke auf der Suche nach Waffenverstecken. Gefunden wurde nichts, und auch die Einvernahme verschiedener Verantwortlicher der Moschee führte nicht weiter.

Der Präsident der muslimischen Vereinigung in Aubervilliers, Chiheb Harar, betonte nach der Razzia in einem Interview von Mediapart, dass er überhaupt nichts dagegen habe, dass die Polizei ihre Arbeit mache und die Terroristen und deren Komplizen jage, ganz im Gegenteil. Die Art und Weise des Vorgehens der Polizei gebe ihm allerdings schwer zu denken. Die Verwüstung der Moschee sei von etlichen Gläubigen als Entweihung empfunden worden. Das Vorgehen der Polizei sei umso unverständlicher, als die Verantwortlichen der Moschee nicht nur die Attentate entschieden und unmissverständlich verurteilt, sondern auch mit den Politikern in der Gemeinde stets gute Kontakte gepflegt hätten.

Louati vom CCIF erhebt sodann den Vorwurf, dass auch die meisten anderen der 2.500 Razzien, die im Rahmen des dreimonatigen Ausnahmezustandes bisher durchgeführt wurden, ohne triftigen Grund stattfanden und oft nicht einmal mit der terroristischen Bedrohung zusammenhingen. Bei den Razzien, die auch rund dreißig Moscheen betrafen, wurden nach Angaben des Innenministeriums 305 Personen festgenommen und von diesen 267 verhört sowie 398 Waffen, darunter 39 Kriegswaffen, beschlagnahmt. 354 Personen wurden unter Hausarrest gestellt.

Der Präsident der Muslime von Aubervilliers schließt nicht aus, dass sich in seiner Moschee auch immer wieder radikalisierte Personen am Gebet beteiligen. Doch genauso wie eine christliche Kirche sei eine Moschee ein öffentlicher Raum. Es könne nicht Aufgabe des Imams oder der Vereinigung sein, zu überprüfen, ob sich auch gefährliche Personen unter die tausende von Gläubigen gemischt hätten, die sich am Freitagsgebet beteiligt hätten.

Verhöre und gesperrte Konten

Allerdings habe auch die Regierung noch bis vor kurzem immer wieder festgestellt, dass islamistische Terroristen in der Regel im Internet und nicht in den Moscheen indoktriniert würden. Zudem würden die Gebetsstätten bereits seit Jahren von den Geheimdiensten regelmäßig überwacht und die Predigten von den Verantwortlichen der Moscheen selber aufgenommen.

Innenminister Bernard Cazeneuve hat mittlerweile ein Fehlverhalten eingeräumt und sich gegenüber Vertretern muslimischer Organisationen dafür entschuldigt, dass sich bei den Durchsuchungen Übergriffe ereigneten. Solche versuchte er mit dem hohen Erwartungsdruck der Bevölkerung unmittelbar nach den Terroranschlägen zu erklären. Le Figaro zitierte zudem Polizeiinformanten, laut denen die Durchsuchungen durchaus auch abschreckend gemeint waren. Um neue Fehlgriffe zu vermeiden, soll Cazeneuve die Präfekten im ganzen Land angehalten haben, künftig auf strikte Einhaltung der Vorschriften zu pochen und möglichst respektvoll vorzugehen.

Als wir bei der Moschee von Aubervilliers ankommen, ist die Eingangstüre schon instand gesetzt. Nichts erinnert mehr an die Razzia. Gerade ist das Mittagsgebet zu Ende, und ein paar dutzend Gläubige schlüpfen beim Eingang in ihre Schuhe. Kurz darauf empfängt uns der stellvertretende Imam Mehdi. Er führt uns fürs Interview hinauf in die Studierstube des Predigers im ersten Stock.

Der junge, hünenhafte Mann erzählt, wie auch seine Wohnung mitten in der Nacht von der Polizei überfallmäßig, ohne Rücksicht auf seine verstörte Frau und zwei Kinder, durchsucht worden sei und ihm die Hände auf den Rücken gebunden worden seien. Gefunden hätten die Sicherheitskräfte nichts, was auf eine Verstrickung mit gefährlichen Islamisten hätte hinweisen können. Trotzdem sei der Albtraum für ihn noch nicht zu Ende. Wenige Tage später habe man ihm seine Ersparnisse samt dem Weihnachtsgeld für die Kinder gesperrt, wegen Verdachts auf Geldwäscherei – ein lachhafter Vorwurf, wie Mehdi feststellt. Deshalb habe er auch sein neben der Moschee gelegenes Restaurant „Little Garden“ schließen müssen, das er vor bald zwei Jahren nach einer Karriere als Informatikspezialist in einem angelsächsischen Finanzunternehmen eröffnet habe.

Mehdi verurteilt die Terroranschläge vehement. Die Morde seien mit seinem Glauben völlig unvereinbar. Zugleich ärgert er sich darüber, dass von den Muslimen immer wieder erwartet werde, dass sie sich für solche Verbrechen entschuldigten, die sie nicht begangen hätten. Von Christen werde schließlich auch nicht erwartet, dass sie sich für pädophile Priester oder für die Ku-Klux-Klan-Rassisten entschuldigten.

Sichtlich entnervt beklagt sich Mehdi auch darüber, dass viele Leute selbst seinen Bart als Zeichen einer gefährlichen Radikalisierung interpretierten, obschon Bärte überhaupt keine muslimische Eigenheit seien. Mehdi will sich mit dem Interview nicht neue Scherereien einhandeln und besteht darauf, dass sein Gesicht im Video unkenntlich bleibt.