AGIP / Rue des Archives / Keystone

Algerienkrieg

Frankreichs verratene Hilfstruppen

von Nikos Tzermias / 27.09.2016

Am Ende des Algerienkriegs hat Frankreich die Algerier, die der Kolonialmacht dienten, böse im Stich gelassen. 54 Jahre später erhalten die Harkis Genugtuung – eher moralisch als finanziell.

Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg und dann im blutigen Algerienkonflikt haben die Harkis der französischen Republik als Kanonenfutter gedient. Doch diese Algerier, die nicht nur als Soldaten, sondern zum Teil auch als Beamte in französischen Diensten gestanden hatten, wurden von der Kolonialmacht am Ende des Algerienkriegs auf schändliche Weise im Stich gelassen. Zwischen 55 000 und 75 000 Harkis wurden als Kollaborateure der Rache algerischer Nationalisten ausgeliefert. Die rund 60 000 Harkis, welche damals gegen den Willen von Präsident Charles de Gaulle doch die Flucht nach Frankreich schafften, wurden dort jahrzehntelang höchst schäbig behandelt, vielfach in Internierungslager aus der Vichy-Zeit gesteckt und schwer diskriminiert.

Umstrittene Reparationsfrage

Erst 54 Jahre später hat sich nun Präsident Hollande am Sonntag während einer Zeremonie im Hôtel des Invalides in Paris dazu durchgerungen, erstmals offiziell „die Verantwortung der französischen Regierungen“ anzuerkennen, die aus der Massakrierung der Harkis in Algerien sowie deren unmenschlicher Aufnahme in Frankreich folgt. In dem Zusammenhang hatte Präsident Jacques Chirac bereits einmal im September 2001 Unterlassungen des französischen Staates eingeräumt, algerische Kämpfer ausgezeichnet und eine jährliche Gedenkfeier beim Hôtel des Invalides in die Wege geleitet. Auch Präsident Nicolas Sarkozy hatte noch während des Wahlkampfes von 2012 auf diesen Schandfleck der Nation hingewiesen. Doch war nun Hollande der erste Präsident, der an einer offiziellen Veranstaltung ein eigentliches Verschulden des Staates anerkannte.

Umstritten ist allerdings die Frage der von den rund 500 000 Angehörigen und Nachfahren der Harkis geforderten Reparationen. Zwar wurden bereits während der letzten dreissig Jahre an die Harkis und deren Familien zunehmend Kriegsversehrtenrenten und andere Sozialhilfen geleistet, die jedoch relativ bescheiden blieben. Erst 2015 unterbreitete die bis vor kurzem von Sarkozy angeführte Oppositionspartei Les Républicains eine Gesetzesvorlage, laut der Harkis eine einmalige Abfindung von 100 000 Euro und deren Kinder eine solche von 30 000 erhalten sollen.

Hollande hütete sich demgegenüber auch noch am Wochenende, den Harkis zusätzliche Abfindungen zu versprechen. Er betonte den symbolischen Charakter seiner Erklärung und verwies darauf, dass seine Regierung bereits 2014 die Finanzhilfen an die Harkis und deren Angehörige aufgebessert habe. Sarkozy, der sich an der Zeremonie beteiligte, versprach den Harkis dagegen ein Spezialgesetz für Reparationen und eine weitere Öffnung der Staatsarchive, um mehr Klarheit über das Schicksal der Harkis zu schaffen.

Heftige Identitätsdebatte

Zudem revidierte der frühere Staatschef, der in den Elyséepalast zurückwill, auch etwas seine umstrittene These, dass jene, die Franzosen werden wollten, auch die Gallier als Vorfahren annehmen müssten. So relativierte Sarkozy, dass auch die Harkis und Senegalesen, die für die Nation gekämpft hätten, Vorfahren der Franzosen seien. Neben den Républicains spielen sich im gegenwärtigen Wahlkampf vor allem auch Vertreter des ultranationalistischen Front national als grosse Anhänger der Harkis auf. Parteigründer Jean-Marie Le Pen twitterte, dass er seit 1962 der Erste und praktisch Einzige gewesen sei, der die Harkis verteidigt habe.

Die Debatte über die Behandlung der Harkis vermischt sich aber unvermeidlich auch mit jener über die nationale Identität und Kolonialgeschichte. So war Präsident Hollande vor ein paar Monaten noch arg von der Rechtsopposition gescholten worden, als er offiziell der Opfer des Algerienkriegs gedachte und dafür den 19. März wählte, nämlich den Jahrestag jenes Datums, an dem der in Evian ausgehandelte Waffenstillstand in Kraft getreten war. Hollande wurde darauf unter anderem auch von Sarkozy vorgeworfen, dass er die Ermordung Zehntausender von Harkis und Algerienfranzosen, den sogenannten Pied-noirs, in den Monaten nach dem Abkommen ignoriert und damit auch suggeriert habe, dass Frankreich auf der falschen Seite der Geschichte gestanden habe.